Das Andwiler Gedächtnis

TREUE ⋅ Als Hans Peter Tomasi nach Andwil kam, lag der Bodenpreis in der Gemeinde noch bei 50 Franken. Seit über 40 Jahren ist der Grundbuchverwalter und Bausekretär nun schon im Amt, bald ist aber Schluss.
03. Januar 2018, 05:20
Sebastian Schneider

Sebastian Schneider

sebastian.schneider@tagblatt.ch

Es ist vor allem die Abwechslung, die Hans Peter Tomasi an seiner Arbeit schätzt. Seit 40 Jahren amtet der 63-Jährige für die Gemeindeverwaltung in Andwil. Als Grundbuchverwalter und Bausekretär kennt er fast jedes Grundstück im Dorf. Und fast jeden Grundeigentümer. «Höre ich einen Namen eines Andwilers Hausbesitzers, weiss ich sofort, welches Grundstück er besitzt.» Wer in Andwil in den vergangenen 40 Jahren ein Grundstück kaufen oder verkaufen wollte, sass früher oder später bei Tomasi im Büro. Und da er an bis zu 20 Tagen im Jahr Schätzungen macht, kennt er die Häuser auch von innen. Zusammengefasst sagt Tomasi: «Ich kenne praktisch jede Hausecke in Andwil.»

Erwartungshaltung der Bürger ist gestiegen

Durch seine Arbeit kennt nicht nur er viele Andwiler, viele Dorfbewohner kennen auch ihn. Was nicht nur Vorteile bringt: «Man wird in der Freizeit, auch an Dorffesten, auf die Arbeit angesprochen.» Zuweilen sei dies aber kein Problem. Wenn er zu Fuss zur Arbeit gehe, kann es sein, dass er jemandem gleich wichtige Informationen mit auf den Weg geben kann. «Die Grösse des Dorfes macht unsere Verwaltung effizienter als jene in grösseren Gemeinden.» Die kleine Verwaltungseinheit habe nicht nur kurze Wege zum Vorteil, der persönliche Kontakt spiele ebenfalls eine nicht zu unterschätzende Rolle. Geht es ums Bauen, kann es vorkommen, dass Betroffene ungeduldig werden. Doch bei Tomasi ging fast jeder Fall ruhig und sachlich über die Bühne. Auch Rechtsfälle seien eher die Ausnahme. Und weil man sich möglicherweise bereits am nächsten Tag wieder auf der Strasse begegnet, hält sich die Lust zu streiten laut Tomasi in Grenzen. In den 40 Jahren habe sich das nicht stark geändert. Zu spüren sei hingegen die Anspruchshaltung der Bürger an die Verwaltung, die von Jahr zu Jahr steige. Vor allem bezüglich Tempo. «Einige Grundeigentümer beachten nicht, dass hinter jedem Grundbuchgeschäft ein gewisser Ablauf und gesetzliche Vorschriften eingehalten werden müssen.» Vielleicht habe diese Eile mit dem Computer-Zeitalter zu tun, in dem man rasch Informationen beschaffen könne, mutmasst der Vater zweier erwachsener Kinder.

Der Bodenpreis hat sich verzehnfacht

Hans Peter Tomasi machte sein Patent als Grundbuchverwalter in Gossau. Am 1. Oktober 1977 begann er mit seiner Arbeit in Andwil. In der Zwischenzeit arbeitet er unter seinem vierten Gemeindepräsidenten, die Einwohnerzahl des Dorfes ist auf über 1900 gestiegen und hat sich damit fast verdoppelt. Noch eindrücklicher ist aber die Entwicklung des Bodenpreises. Gerade Tomasi ist sich bewusst, welch wertvolle Anlage Boden ist, oder mehr Boden gewesen wäre: «Als ich nach Andwil kam, lag der Preis bei 50 bis 60 Franken pro Quadratmeter», sagt Hans Peter Tomasi. Heute koste der Boden etwa zehnmal mehr.

Tomasi, der im Nebenamt die Elektra verwaltet, ist der erfahrenste Angestellte in der Andwiler Gemeindeverwaltung. Im Mai wird er in den Ruhestand treten, auf den er sich bereits seit Jahren vorbereitet. So ist wenig überraschend, dass er bereits weiss, wofür er sich mehr Zeit lassen will: Für Reisen in den Süden, Italienisch lernen und mehr im Garten arbeiten.

Mit Tomasis Pension kommt auf die Verwaltung die schwierige Aufgabe zu, einen neuen Grundbuchverwalter zu finden. In Waldkirch beispielsweise brauchte es zwei Ausschreibungen, bis man jemanden für dieses Amt finden konnte. Warum ist Tomasis Beruf unbeliebt geworden? «Vielleicht weil es eine komplexe Aufgabe ist, die ständig neuen und schwierigeren Vorgaben entsprechen muss», sagt Tomasi.


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