Gossauer Naturwürmer

TIERISCHE FREUNDSCHAFT ⋅ Die einen sind Bücherwürmer, andere Holzwürmer, Kathrin und Magnus Hälg sind Naturwürmer. Seit vier Jahren züchten und verkaufen sie Kompostwürmer. Anfangs zählten sie jeden einzelnen von Hand ab.
04. August 2017, 05:17
Corinne Allenspach

Corinne Allenspach

corinne.allenspach

@tagblatt.ch

Seine ersten Würmer hat er bereits als Bube verkauft. An seine Grossmutter. Diese ekelte sich zwar vor den glitschigen Tieren, wie sich Magnus Hälg erinnert. «Aber sie wusste, wie wertvoll sie für ihren Garten sind.» Das verdiente Sackgeld verputzte der heute 41-Jährige später beim «Chrömle» am Kiosk. Inzwischen verdient Magnus Hälg mit Würmern mehr als nur ein Sackgeld. Der Biotechnologe, der drei Tage die Woche beim Amt für Umwelt des Kantons im Bereich Deponien arbeitet, widmet sich die restliche Zeit seiner Kompostwürmerzucht. Seine Frau Kathrin, gelernte Naturheilpraktikerin und «Gartenkind»-Kursleiterin, verarbeitet den nährstoffreichen ­Humus, den die Würmer produzieren, gleich weiter: In ihrem Gemüsegarten. Eine besondere Leidenschaft habe sie für Tomaten, verrät die 37-Jährige beim frischen Pfefferminztee auf der Terrasse. 20 Tomatensorten wachsen entlang der Hausmauer, die meisten selber gezogen aus Samen. «Die überschüssigen Setzlinge verkaufen wir jeweils am Ökomarkt in St. Gallen», sagt sie. Ihr Mann ist in der Planungsgruppe des Ökomarktes.

Selber machen, ausprobieren, wiederverwerten, nachhaltig leben. Das passt zu Kathrin und Magnus Hälg, die sich als Naturwürmer bezeichnen. Einige Jahre lebten sie mit vielen Tieren auf einem Bauernhof im Appenzellerland, und auch jetzt, zurück in Gossau, wo beide aufgewachsen sind, verbringen sie die meiste Freizeit in der Natur. Wie sehr das auch ihre zwei Töchter prägt, merkten sie, als die Erstgeborene sagte: «Gell, Papi heisst Magnus Naturwurm Hälg.»

Während auf Hälgs Terrasse Tomaten, Kornblumen, Johanniskraut und mehr um ein Plätzchen buhlen, fragte sich das Paar vor Jahren: Wie kompostiert man, wenn man auf der Terrasse gärtnert und weder Platz noch Zeit hat für einen normalen Kompost? Magnus Hälg wurde in Australien fündig. Die Australier hatten schon in den 1990er-Jahren die Wurmkompostierung patentieren lassen. Ein System, bei dem die Würmer in gestapelten Kunststoffbehältern Küchenabfälle zersetzen und in drei bis vier Monaten zu nährstoffreichem Humus umwandeln. Gleichzeitig entsteht literweise Flüssigdünger. Und das geruchsfrei.

Seit vier Jahren verkauft Magnus Hälg die Wurmkomposter mit Würmern schweizweit. Gezüchtet hat er die Tiere bisher ­daheim: Im Treppenhaus, im Heizungsraum, in der Garage, auf der Terrasse. «Die Nachfrage ist ziemlich gross», sagt Hälg. Die meisten Kunden bestellen 1000 Würmer. Zu Beginn hat er jedes Tier einzeln gezählt. «Eine fast meditative Aufgabe», wie er schmunzelnd sagt. Sein Frau war allerdings der Meinung: «Es kann ja nicht sein, dass er abendelang nur Würmer zählt.» Seither wiegt er die Würmer: 1000 Stück entsprechen etwa 150 Gramm.

Bei der Insektenzucht winkte Kathrin Hälg ab

Magnus Hälg, der bereits in der Lehre zum Agrobiologielaborant Würmer gezüchtet hat, damals zu Versuchszwecken, ist fasziniert: «Schon Darwin sagte, ohne Wurm würde Leben nicht funktionieren.» Hälgs wissen aber auch, dass Würmer im wahrsten Sinne des Wortes nicht jedermanns Sache sind. «Es sind häufig Männer, die eine Abneigung haben», stellt Kathrin Hälg fest. «Was für Frauen Spinnen oder Mäuse, sind für Männer Würmer.» So komme es vor, dass eine Frau gern einen Wurmkomposter hätte, der Mann aber sage, so was komme ihm nicht ins Haus.

Ähnlich reagierte Kathrin Hälg, als ihr Mann vor Jahren in die Insektenzucht einsteigen wollte. «Dahinter konnte ich nicht stehen», räumt sie ein. Sie sei eine, die lieber weniger tierisches, dafür mehr pflanzliches Eiweiss esse. Würmer hingegen, da geht sie mit ihrem Mann einig, «passen zu unserem ganzen Leben». Zum Glück. Denn Würmer werden die Hälgs bald noch mehr ­beschäftigen. Nach jahrelanger Suche fanden sie einen Standort für eine grössere Zucht. Im Industriegebiet im Westen Gossaus, wo Magnus Hälg von der Stadt ein Stück Land gepachtet hat, sollen die Würmer künftig unter 14 mal 5 Meter grossen Folientunnels wohnen. Wie genau das funktionieren soll, müsse er noch ausprobieren, sagt er, und seine Frau ergänzt: «Ideen haben wir viele. Wir können aber alles nur Schritt für Schritt umsetzen.»

 

Des Menschen bester Freund muss nicht zwingend der Hund sein, es kann auch jedes andere Tier sein. Den Sommer über erzählt die Stadtredaktion Geschichten spezieller tierischer Freundschaften. Von Menschen, die ein ungewöhnliches Haustier halten oder züchten. Aber auch von Freundschaften zwischen Tieren, die sich sonst eher aus dem Weg gehen. Kurz: Herzerwärmende Beziehungen zwischen Mensch und Tier. (red)


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