Brunnen gewährt Blick zurück

GOSSAU ⋅ Für Jahrhunderte war der Sodbrunnen in Bernhardzell unter dem Kirchplatz vergraben. Bald soll er für jedermann sichtbar sein. Das Geheimnis um den seltenen Fund ist aber noch nicht ganz enthüllt.
18. Oktober 2017, 05:21
Noemi Heule

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noemi.heule

@tagblatt.ch

Majestätisch thront der Kirchturm mit seinem markanten Zwiebeldach hoch über Bernhardzell. Unscheinbar gräbt sich gleich daneben ein viel älteres Bauwerk in die Erde. Ein Sodbrunnen versorgte die Dorfbewohner einst mit Frischwasser. Über Jahrhunderte vergessen, entdeckten Bauarbeiter den steinernen Zeitzeugen im Juli per Zufall. Verborgen unter einer Steinplatte. Bald schon soll ein Guckloch den seltenen Fund den Blicken freigeben.

Der Sodbrunnen ist einer von 65, die der Kantonsarchäologie St. Gallen ausserhalb von Burgen und Schlössern bekannt sind. Wobei diese Zahl wiederum nur ein Bruchteil der ursprünglichen Menge ausmachen dürfte. Schliesslich konnten sich die Menschen über Jahrhunderte nur über Sodbrunnen mit Frischwasser versorgen, wenn sie nicht zufällig Zugang zu einer Quelle hatten. Nur wenige dieser Sodbrunnen sind offengelegt, etwa jener im Haus zur Rose auf dem St. Galler Klosterplatz. Viele wurden dokumentiert und erneut verschlossen. Noch mehr wurden gar nicht erst entdeckt. Wie viele, das kann die Archäologin Regula Steinhauser nicht sagen: «Triviale Bauwerke wie Brunnen sind selten historisch dokumentiert», sagt sie. So auch in Bernhardzell: Der Sodbrunnen neben der Kirche ist in keinem Dokument vermerkt. Wann er genutzt wurde, ist deshalb schwer zu sagen. Sicher ist: Als die heutige Pfarrkirche St. Johannes Baptist 1776 gebaut wurde, war er nicht mehr in Betrieb.

Kirche bereits im 9. Jahrhundert bezeugt

Bernhardzell war aber bereits viel länger Kirchenstandort. 898 wurde der Ort unter dem Namen Pernhartescella zum ersten Mal urkundlich erwähnt, als der damalige Besitzer, Abt Salomon von St. Gallen, den Ort mitsamt seinen «Zugehörden», verschenkte. Dazu gehörte laut der Bernhardzeller Chronik von Peter Traxler auch ein Bethaus mit Kapelle. Drei Jahre vor der Schenkung verstarb mit Abt Bernhard der Vorgänger Salomons und gleichzeitig Namensgeber für die Siedlung an der Sitter. Er war nach Machtquerelen im Kloster St. Gallen abgesetzt worden und hatte am Tannenberg, damals im dichten Gehölz, eine eigene Klause errichtet. Später verschwindet der Name Bernhardzell für Jahrhunderte aus den Urkunden. Dennoch sollte sich die Klause in der Zwischenzeit zu einem stattlichen Dorf entwickeln.

Die Häuser des mittelalterlichen Bernhardzell wurden über den Sodbrunnen mit Grund- wasser versorgt. Dafür, dass der Brunnen eine zentrale Wasserversorgung darstellte, spricht laut Regula Steinhauser dessen Grösse: «Der Brunnen gehört zu den breitesten und tiefsten Exemplaren ausserhalb von Burgen», sagt sie. 7,5 Meter führen die Bollensteine in die Tiefe, auf rund vier Metern treffen sie auf Grundwasser. Aber auch die sorgfältige, regelmässige Bauweise zeugt von der Bedeutung des Brunnens, der sich wohl nicht zufällig auf dem Platz just vor der Pfarrkirche befand. «Dort traf man sich, um zu waschen, schwatzen und Wasser zu holen», sagt Regula Steinhauser.

Aus vier Metern Tiefe konnten die Bewohner das Wasser von Hand aus dem Brunnen ziehen. Bei tieferen Exemplaren, wie sie beispielsweise häufig bei Burgen vorkommen, waren dagegen Seilwinden nötig. Der tiefste Sodbrunnen der Schweiz befindet sich in der Burgruine Kastelen im im Kanton Luzern. Ein Loch von fast 58 Metern wurde dort in den Stein gehauen.

Bollensteine ins rechte Licht gerückt

Der Sodbrunnen von Bernhardzell soll nun wieder ans Licht gebracht werden. Und zwar wortwörtlich: Ein Trichter aus Glas inklusive Beleuchtung wird das Bauwerk unter dem Bernhardzeller Kirchplatz den Blicken freigeben. Momentan werden die Bauarbeiten, die den Sodbrunnen überhaupt zu Tage gefördert haben, fortgesetzt; der Platz erhält einen neuen Belag. Anschliessend wird der Guckkasten eingebaut, wie Gemeindepräsident Aurelio Zaccari sagt. Spätestens Ende November soll der Brunnen einmal mehr Treffpunkt sein. Nicht um zu schwatzen, sondern um das historische Erbe zu begutachten.

Sodbrunnen schlummert unter Schlosshügel

Wittenbach. Während der Sodbrunnen vor der Pfarrkirche in Bernhardzell bald für jedermann sichtbar ist, verbirgt sich im Nachbarort ein weit tieferes Exemplar. Sein Standort unterhalb des Schlosses Dottenwil ist nur wenigen bekannt. 30 Meter ragt der Brunnen in die Tiefe. Laut Kantonsarchäologin Regula Steinhauser ist es nicht unüblich, dass Brunnen von Schlössern oder Burgen tief in die Erde führen. Schliesslich wurden sie mit Vorliebe auf Hügeln, ja Felsen erbaut.

Der Standort im Schloss Dottenwil wurde im Verzeichnis der Kantonsarchäologie zwar vermerkt, jedoch finden sich keine weiteren Informationen in den Akten. Ein weiterer ehemaliger Brunnen befindet sich gemäss Register auf dem Schlosshügel in Wittenbach: In der Nähe des einstigen Waschhauses ist ein weiterer Standort vermerkt. Schlösser und Burgen verfügten laut Regula Steinhauser zwangsläufig über einen Sodbrunnen, weshalb diese oft nicht separat aufgeführt sind.

Ein Baumeister entdeckte das archäologische Stück unterhalb des Schlosses Dottenwil bei Umbauarbeiten in den 1960er-Jahren. Mit einer Schnur vermass er dessen Länge und kam auf fast 30 Meter. Anschliessend wurde das Wasserloch allerdings wieder unter Zement vergraben, da das Altersheim, welches damals die Schlossräume nutzte, Platz benötigte für Arbeitsräume. Just über dem Brunnen wurde gar eine Trennwand gemauert.

Vergessen, entdeckt, erneut verschlossen

Im Jahr 2008 wurde der Brunnen wiederentdeckt. Unter dem Zementboden kamen aber auch Schutt und Holzbalken zum Vorschein, wie Lokalhistoriker Alfred Zwickl sagt. Dennoch wurde der Plan ins Auge gefasst, den Brunnen freizulegen. «Aus Kostengründen wurde jedoch davon abgesehen», sagt er. Zudem wäre ein Teil des heutigen Bistros dem Vorhaben zum Opfer gefallen. Die Pläne wurden deshalb auf Eis gelegt und der Brunnen stattdessen erneut unter einer Eisenplatte begraben.

Der Brunnen befindet sich laut Zwickl unmittelbar neben der Aussenmauer des ursprünglichen Schlosses. Als das Schloss im 16. Jahrhundert auf beiden Seiten mit zwei Türmen erweitert wurde, kam der Brunnen in dessen Inneres zu liegen. Dort ruht er nun im Verborgenen. «So schlummert der Brunnen vor sich hin und mit ihm unsere Träume eine Attraktion im Schloss zu schaffen», sagt Aflred Zwickl. Nun obliege es zukünftigen Generationen, ob sie den Brunnen dereinst offenlegen wollen oder nicht.

Der vergessene Brunnen vom Schloss Dottenwil ist allerdings nicht der einzige in Wittenbach: Auch auf dem Areal St. Konrad, in der Ladhueb, dem Hurleberg und in Unterlören zeugen Brunnen von einem längst vergangenen Alltag. (nh)


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