Politische Schlammschlachten haben in Gossau Tradition

WAHLKAMPF ⋅ Der diesjährige Gossauer Wahlkampf war hart, verglichen mit vergangenen Eskapaden aber harmlos. Von Schlammschlachten, Schadenfreude und einem verlorenen Sohn.
05. Februar 2018, 10:52
Noemi Heule

Endlich, sind sich viele Gossauerinnen und Gossauer einig, ist der Wahlkampf vorbei, das neue Oberhaupt gekürt. Zeit, dass wieder Ruhe einkehrt. Zeit auch, den Graben aufzuschütten, der das Städtchen seit Wochen entzweite. Hart sei er gewesen, der Vorspann zu den Wahlen, heisst es, verbissen, ja geradezu geschmackslos. Unheilige Allianzen wurden geschlossen, persönliche Angriffe getätigt und gegenseitig Anschuldigungen erhoben.

Ein Blick zurück aber zeigt: Das Duell zwischen Wolfgang Giella, Daniel Lehmann und ihrer beider Gefolgschaften muss sich in punkto Dreistigkeit keinesfalls verstecken. Unheilige Allianzen gehörten in der Vergangenheit nämlich noch zu den heiligeren Mitteln, um den eigenen Günstling auf den Thron zu hieven. Von der «sadistischen Schadenfreude, andern eine Wahlniederlage zu bereiten», schrieb bereits vor 100 Jahren ein Redaktor des «Fürstenländers» anlässlich von Gemeinderatswahlen. Es sollte nicht bei der einen Klage bleiben.
 

Wilde schlagen in letzter Sekunde zu

Mit einem Flugblatt torpedierten anonyme Aufrührer 1915 die Kandidatur eines Mitglieds der KVP – dem Vorläufer der CVP – für die Ersatzwahlen in den Gemeinderat. In letzter Stunde lancierten die Dissidenten einen Gegenkandidaten, der seinem gestandenen Widersacher prompt den Sieg kostete. Drei Jahre später versuchte der Verlierer sein Glück erneut. Und scheiterte ein zweites Mal. Gewählt wurde stattdessen ein Demokrat, der erste überhaupt in der Gossauer Exekutive.

Ein ähnliches Szenario spielte sich 1924 ab: Ein Komplott wurde geschmiedet und per Flugblatt ein Gegenkandidat aufgestellt. Dieser schnappte dem KVP-Mann flugs den Posten des Bezirksammanns weg. Von einer «demagogischen Hetze» sprach der «Fürstenländer» dieses Mal.

Eine unheilige Allianz triumphierte erstmals 1948: Bürgerliche und Sozialdemokraten spannten zusammen, um die Wiederwahl des Präsidenten der Dorfkorporation zu verhindern. Mit Erfolg. Erfolgreich war sechs Jahre später auch ein Bündnis aus «Wählern aus allen Kreisen». Es stellte dem Günstling der Parteien einen wilden Widersacher entgegen und lancierte den Wahlkampf mit dem poetischen Slogan: «Die Heimat ruft den Sohn zurück.» Zum neuen Bezirksammann gewählt wurde tatsächlich ihr Anwärter, ein Amriswiler Anwalt mit Gossauer Wurzeln.

Auch die überparteiliche Findungsgruppe, die sich im vergangenen Sommer zusammenraufte, um Daniel Lehmann herauszufordern, ist kein Novum in der Geschichte Gossaus: 1976 wandte sich, gemeinsam mit den anderen Parteien, gar die CVP gegen ihr eigenes Mitglied. Ein Manöver, das selbst innerhalb der Partei auf Missfallen stiess. Die CVP-Spitze liess Johann C. Krapf fallen, obwohl die Kandidatur von der eigenen Parteibasis abgesegnet worden war. Er ging dennoch ins Rennen. Und gewann.
 

Schimpf und Schlammschlacht

Querelen begleiteten auch die Wahl von dessen Nachfolger: Mit einer wilden Kandidatur stellte sich der erste und jetzige Stadtpräsident Alex Brühwiler gegen CVP, FDP und SVP, die wiederum mit drei Wirtschaftsverbänden zusammenspannten. Ihr Kandidat, Gemeindeammann von Jonschwil, krankte daran, dass er in Gossau wenig bekannt war. Ganz im Gegensatz zum bestens vernetzten Brühwiler. Der Auswärtige wurde zur Zielscheibe von Anfeindungen. Mehr noch: «Ich wurde beschimpft, Schlammschlachten wurden angedroht», sagte Brändle im Rückblick. Er zog seine Kandidatur zurück und begründete den Entscheid mit der politischen Kultur in Gossau. Sein Name aber prangte zu diesem Zeitpunkt bereits in Druckerschwärze auf den Wahlzetteln. Und wurde, obwohl längst aus dem Rennen, 1167 Mal angekreuzt.

Mit allen Mitteln versuchten die Gegner Brühwilers damals einen zweiten Wahlgang zu erreichen – scheiterten jedoch kläglich. Er wurde mit fast 70-prozentiger Mehrheit gewählt. Im kommenden Juni gibt der Stadtpräsident das Zepter weiter an Wolfgang Giella. Auch er war als Auswärtiger Anfeindungen ausgesetzt, auch er wurde von einer unheiligen Allianz aufgestellt und auch er weiss bereits die eine oder andere Wahlkampf-Anekdote auszuführen.


Leserkommentare

Anzeige: