Besuch der Bündner Pionierin

GOSSAU ⋅ Alt Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf hat im Werk 1 in Gossau über ihre Karriere, Strategien und die knappe Solidarität unter Frauen gesprochen. Auch verriet sie einen Trick, wie sie den Ball flachhalten kann.
22. September 2017, 06:49
Sebastian Schneider

Sebastian Schneider

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«Euch werde ich es allen noch zeigen!» Das innere Feuer der Anwältin, Notarin, Richterin und dreifachen Mutter Eveline Widmer-Schlumpf war erweckt. Vor etwa 30 Jahren hatten ihr Männer gesagt, sie habe keine Chance, als Kreisgerichtspräsidentin gewählt zu werden. Eher schlüpfe ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass im Kanton Graubünden eine Frau ein Kreisgericht präsidiere. Diejenigen, die der heute 61-jährigen Politikerin dies sagten, haben sich arg getäuscht. Die erste Notarin im Kanton wurde durch die Landsgemeinde zur ersten Kreisgerichtspräsidentin gewählt. 1998 folgte die Wahl zur ersten Regierungsrätin von Graubünden; 2001 war Widmer-Schlumpf die erste Regierungsratspräsidentin.

Ohne die grosse Karriere zu planen, legte Eveline Widmer-Schlumpf eine Laufbahn hin, die ihresgleichen sucht. Die Pionierin, Bankenretterin, Schweizerin des Jahres 2008, Bundespräsidentin 2012 und heute Präsidentin der Pro Senectute Schweiz sowie sechsfache Grossmutter reiste am Mittwochabend nach Gossau, wo sie im Saal des Werk 1 über ihr bewegtes Leben sprach. Eingeladen hat das Frauennetz Gossau. Über 100 weibliche Gäste hörten dem Gespräch zwischen der ehemaligen Magistratin und der Moderatorin Susanne Vincenz-Stauffacher zu.

«Frauen müssen wieder solidarischer sein»

«Ich habe nie mit der Vergangenheit gehadert», betonte Widmer-Schlumpf im Gespräch. Natürlich könne man im Nachhinein darüber brüten, welche Entscheidungen gute waren und welche nicht. Doch dies liege ihr nicht; sie habe sich stets gesagt: «So wie es war, war es gut.» Sie werde auch nie eine Autobiografie schreiben: «Das wäre wohl ein kitschiges Buch», findet die Frau, die einst Kinderärztin werden wollte.

Wie es fast nicht anders zu erwarten war, blieb Widmer-Schlumpf auch nach dem Ausscheiden aus der Landesregierung ein aktives Mitglied der Gesellschaft. Ein halbes Jahr Pause hat sie sich zwar gegönnt, nun aber engagiert sie sich nicht nur in der Pro Senectute, sondern auch in verschiedenen Stiftungen. Verwaltungsratsmandate hingegen lehne sie ab. «Ich will mich dafür einsetzen, wofür ich bislang keine Zeit hatte», sagte die Schachspielerin.

Auch an Abenden wie diesen zu sein, finde sie schön. Besonders schätze sie Anlässe, an denen sich Frauen vernetzen. Es sei sehr wichtig, dass die Solidarität unter Frauen wieder stärker werde – «nun, da es wieder Kantonsregierungen ohne weibliche Mitglieder gibt». Ihr selber kam diese Solidarität im April 2008 zugute, als Frauenverbände zu einer Sympathiekundgebung aufriefen. Über 12 000 Bürgerinnen und Bürger stärkten Widmer-Schlumpf den Rücken, die nach ihrer Wahl in den Bundesrat den ganzen Hass der damals gleichgeschalteten SVP auf sich zog. Sie habe sich einmauern müssen, damit sie ihrer Arbeit nachkommen konnte, sagte Widmer im Gespräch. Sie müsse damals gerade ihrer Familie gegenüber ein anderer Mensch gewesen sein. «Die Kundgebung war für mich dann wie eine Befreiung.»

«Da gibt es nun mal nichts zu lachen»

Ohne die Journalisten kritisieren zu wollen, wies die sechssprachige Frau immer wieder auf die Zusammenarbeit mit den Fernseh- und Zeitungsleuten hin. Oft sei ihr in der Presse vorgeworfen worden, sie sei so trocken, emotionslos. Auf der anderen Seite habe sie sich doch einige Male fragen müssen, ob die Journalisten überhaupt kapierten, was sie sagte. «Die Vorlagen waren derart kompliziert und trocken, da gibt es nun mal nichts zu lachen», sagte Widmer-Schlumpf. «Oder finden Sie eine Bankenregulierung lustig», fragte sie in die Runde und holte im ganzen Saal Lacher ab.

Widmer-Schlumpf, die an diesem Abend nicht zum ersten Mal in Gossau war, ging auch auf Publikumsfragen ein. Dabei verriet sei einen Trick, wie sie Ruhe bewahren kann. «Wenn dich jemand aufregt, dann lasse 48 Stunden, mindestens 24, verstreichen, bevor du der Person einen Brief oder eine Mail schreibst.» Auch wurde sie auf ihren Ehemann angesprochen. Widmer-Schlumpf räumte ein: «Ohne einen Partner, der alles mitmacht, wäre eine Laufbahn mit politischer Karriere und Familie definitiv nicht möglich.»

 


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