Allerheiligen: Abschied wird Privatsache

TRAUERN ⋅ Von Verstorbenen wird zunehmend nur noch im engsten Familienkreis Abschied genommen. Pater Andy Givel bedauert diese Entwicklung.
01. November 2017, 10:05
Nina Rudnicki

Nina Rudnicki

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«Die Trauerfeier fand im engsten Familienkreis statt. Ein Satz, der immer öfter zu lesen ist, auf ­Todesanzeigen, welche erst nach der Abschiedsfeier veröffentlicht werden.» Mit diesen Worten ­beginnt ein Leserbrief von Pater Andy aus Gossau im Pfarrei­forum. Er bedauere die Entwicklung, Abschiednehmen immer mehr zu privatisieren, sagt er. «Dadurch werden von vornherein Personen ausgeschlossen, welche die Trauerfamilie vielleicht gar nicht kennt, die aber mit dem Verstorbenen zu tun gehabt oder eine Zeitlang eine wichtige Rolle gespielt haben.» Das könne beispielsweise ein ehemaliger Nachbar oder Arbeitskollege sein. Ausserdem gehe die wichtige Tradition verloren, nach der Beerdigung zusammenzukommen und Erinnerungen an den Verstorbenen auszutauschen.

Diese Tradition geht zurück in die Zeit der ersten Christen­gemeinden in der Urkirche. Die Christen waren damals eine Minderheit. Daher war es umso wichtiger, sich gemeinsam zu versammeln. «Damals war aber auch der Tod viel alltäglicher und die ­Menschen waren es gewohnt, in der Gemeinschaft zu trauern», sagt Pater Andy. In diesem Gemeinschaftsaspekt vermutet er einen der Hauptgründe, nur noch im engsten Familienkreis trauern zu wollen. «Vielleicht befürchten einige, sich in der Kirche nicht richtig zu verhalten. Früher ­kannte jeder die Abläufe der ­Gottesdienste. Heute sind viele Personen keine regelmässigen Kirchgänger mehr oder gehören einer anderen Konfession an», sagt er. Da die Trauerfamilie in der Kirche zuvorderst sitze, fühle sie sich beobachtet und sorge sich beispielsweise, im falschen Moment aufzustehen oder im Gegenteil, fälschlicherweise sitzen zu bleiben statt aufzustehen. «Aber es gibt Lösungen, um solche Si­tuationen gar nicht erst entstehen zu lassen.» Pater Andy baut in seinen Gottesdienst Formeln wie «Ich bitte Sie, jetzt zum Gebet aufzustehen» ein. Auch für an­dere Situationen könne man vorsehen. Bevorzuge es eine Trauerfamilie, dass man ihr nicht kondoliert, könne man dies sicherlich im Vorfeld kommunizieren.

Umgang mit Sterben fordert Menschen heraus

Grundsätzlich gibt es verschie­dene Möglichkeiten, um Abschied zu nehmen. «Der Entscheid liegt selbstverständlich bei der Trauerfamilie», sagt Pater Andy. Es gibt die Möglichkeit eines öffentlichen Gottesdienstes mit Bestattung oder Urnenbeisetzung im engsten Familienkreis. Des Weiteren kann auch alles privat stattfinden. Eine dritte Variante ist ein Gottesdienst im engsten Familienkreis ohne Urnenbeisetzung. Einige Angehörige bevorzugen es, die Urne mitzunehmen, um die Asche zu verstreuen. Die vierte Möglichkeit ist, zuerst die Bestattung im privaten Rahmen auf dem Friedhof durchzuführen und dann mit einem öffentlichen Trauergottesdienst abzuschliessen. «Schön wäre, wenn solche Fragen öfter in der Familie diskutiert und besprochen würden. Auch die Seelsorgerinnen und Seelsorger in den Pfarreien sind gerne bereit, mit Rat zur Seite zu stehen», sagt er. Dies könne auch dazu bei­tragen, dass bei einem Todesfall keine vorschnellen Entscheidungen getroffen werden müssen. Der Umgang mit Sterben und Tod fordere die Menschen heraus und verunsichere, wenn es darum geht, ganz praktische Entscheide zu treffen.

Pater Andy selbst bevorzugt es, wenn der Trauergottesdienst öffentlich und die Kirche voller Menschen ist, die Abschied vom Verstorbenen nehmen. Auch ein Beisammensein nach dem Gottesdienst gehört für ihn dazu, da es wichtige Begegnungsmöglich­keiten schafft. «Für die Trauer­familie ist es positiv, wenn sie sieht, dass sie nicht alleine ist und viele andere mittrauern», sagt er.


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