Zum Henker mit Latein

GOSSAU. Zum Ende des Latein-Monats ein Fest. Am Samstag fand am Gymnasium Friedberg die Preisverleihung des Übersetzungswettbewerbs statt. Regierungsrat Stefan Kölliker betonte den Bildungswert des Lateins.
29. November 2011, 08:45
JOSEF OSTERWALDER

Die Wendung «zum Henker mit Latein» ist ganz wörtlich gemeint. Es handelt sich aber nicht um den Seufzer eines lateingequälten Gymnasiasten, sondern um den kurzgefassten Titel eines Textes aus der Stiftsbibliothek. Dieser enthält eine auf Latein geschriebene Anweisung an die Priester der alten Fürstabtei, wie sie einen Gefangenen zum Henker begleiten sollen. Und just dieser Text bildete die Grundlage für den diesjährigen Übersetzungswettbewerb.

Rekordbeteiligung

Trotz oder gerade wegen des makabren Textes fand der zum drittenmal durchgeführte Wettbewerb eine Rekordbeteiligung. Lateinklassen aus neun Mittelschulen der Kantone St. Gallen und beider Appenzell nahmen daran teil. Und dies mit Arbeiten, die von der Jury nicht nur gewürdigt, sondern auch bis ins Detail analysiert wurden.

Franziska Schnoor, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Stiftsbibliothek, und Professor Peter Stotz, Uni Zürich, wiesen auf die Eigenheiten des Textes und auf besonders gelungene Passagen der Übersetzungen hin.

Gut ein Fünftel der Teilnehmenden erhielt ein Diplom, zwei wurden mit ersten Preisen ausgezeichnet. In der einen Alterskategorie geht er an Carmen Steg von der Kantonsschule Wil, in der andern an Mirah Stuber von der Kantonsschule am Burggraben St. Gallen.

Erziehungschef zum Latein

In seiner Festansprache ging der St. Galler Regierungsrat und Erziehungschef Stefan Kölliker auf den Bildungswert des Lateins ein. Er bedauerte, dass an den kantonalen Gymnasien nur noch acht Prozent das Schwerpunktfach Latein wählen, und wies auf das Vorbild des Friedbergs hin, an dem das Fach von dreissig Prozent der Schülerinnen und Schüler belegt werde. Es gebe Untersuchungen zum Erfolg von Schul-und Studienlaufbahnen, die deutlich für das klassische Gymnasium sprechen: «Maturandinnen und Maturanden mit dem Schwerpunktfach Alte Sprachen (vorwiegend Latein) haben im Erstsprachtext (Deutsch) in allen Bereichen durchschnittlich am besten abgeschlossen.»

Ebenso eindrücklich die Äusserung des ETH-Präsidenten Ralph Eichler: «Wer Latein oder Griechisch hatte, ist oft auch an der ETH gut.»

Der Verein Lateinmonat dankte für das Wohlwollen des Bildungsdepartements und ernannte Christoph Mattle, den Leiter des Amtes für Mittelschulen, zum Ehrenmitglied.

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Der Lateinmonat fand nun bereits zum fünftenmal statt. Entstanden aus dem Bedürfnis, über das Schwinden des Lateins nicht einfach zu klagen, sondern sich aktiv für den Erhalt der Kultursprache einzusetzen. Dies sprach die Präsidentin des Trägervereins, Regula Steinhauser, an. Von Beruf Archäologin, trug sie standesgemäss die römische Tunika und amtierte zwischenzeitlich bei der Preisverleihung auch als Stellvertreterin der Göttin Fortuna.

Dass Latein auch seine heiteren Seiten hat, zeigten Schülerinnen und Schüler des Friedbergs in einem von Stefan Stirnemann inszenierten Sketch mit Homer und Hermes als Protagonisten. Zudem der Friedberg-Chor unter der Leitung von Guido Helbling, der die Festgemeinde zum Singen animierte und in Frühlingsstimmung versetzte, dies mit einem zauberhaften Gedicht des römischen Dichters Horaz.

Bildungsstadt Gossau

In verschiedenen Reden wurde der unersetzbare Wert der Bildung betont. Pallottiner-Provinzial Adrian Willi sprach vom Wert der privaten Gymnasien; ein Aspekt, den auch Daniel Lehmann, der Präsident des Friedberg-Stiftungsrates, betonte.

Der Gossauer Stadtpräsident Alex Brühwiler stellte Gossau als Bildungsstadt vor, zu der eben auch der «mons pacis», der Friedberg, gehöre.


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