Vom Umgang mit dem Sterben

TABUTHEMA ⋅ In der Palliative Care werden Schmerzen, Symptome und Ängste von Sterbenden gelindert. Was das im Alltag konkret bedeutet, darüber referiert Mediziner Daniel Büche in der Stiftung Vita Tertia. Auch eine Wanderausstellung widmet sich dem Sterben.
04. März 2017, 09:05
Nina Rudnicki

Nina Rudnicki

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@tagblatt.ch

Hat man Angst, wenn man stirbt? Was für Schmerzen empfindet man? Welche Aufgaben kann der Hausarzt übernehmen und wann braucht es eine Patientenverfügung? Solche Fragen sind es, die Daniel Büche, leitender Arzt am Palliativzentrum des Kantonsspitals St. Gallen, am häufigsten gestellt bekommt. «Was im Sterben passiert, wird immer ein Geheimnis sein. Das kann niemand beantworten», sagt er. «Allerdings kann man in der Palliative Care aufzeigen, dass Sterben nicht furchtbar und schlimm ist und dass man gegen Symptome wie etwa Angst, Schmerz, Atemnot und Einsamkeit etwas tun kann.» Darüber, wie man das Leiden von Menschen auf der Palliativstation lindert, die lebensbedrohlich erkrankt sind, hält er am Donnerstag, 9. März, um 19 Uhr einen Vortrag im Restaurant Vita der Stiftung Vita Tertia in Gossau. Der Vortrag ist Teil des Frühlingszyklus «Palliative Care», der mit einer Wanderausstellung ergänzt wird (siehe Kasten).

«Es gibt keinen typischen Patienten»

Daniel Büche arbeitet seit 2002 in der Palliative Care. Damals nahm er mit 41 Jahren in Flawil eine Stelle an. «Den typischen Patienten auf einer Palliativstation gibt es nicht», sagt er. «Wir betreuen von Jugendlichen über junge Menschen bis zu 100-Jährigen jeden. Nur Kinder gibt es sehr wenig, diese werden besser vom Team des Ostschweizer Kinderspitals behandelt.» Im Schnitt bleibt ein Patient 14 Tage auf der Palliativstation. Allerdings sterben nur 40 Prozent der Patienten dort. Die übrigen kehren zurück nach Hause oder ins Alters- oder Pflegeheim. Eine der grössten Herausforderungen ist für die Mitarbeitenden, in dieser kurzen Zeit herauszufinden, was den Patienten belastet. Beunruhigt ihn mehr die Frage nach den Schmerzen oder denkt er darüber nach, wie es nach dem Tod weitergeht? «Dafür entwickelt man im Berufsalltag aber schnell eine Intuition», sagt Büche.

Das Kantonsspital St. Gallen hat eine Palliativstation in Flawil mit elf Betten und eine in St. Gallen mit zwölf Betten. Pro Jahr sterben 100 Patienten auf einer dieser beiden Stationen. Gesamthaft sterben 800 Personen am Kantonsspital. Die Bettenanzahl auf der Palliativstation ist laut Büche aber dennoch ausreichend. Denn wann immer möglich soll eine Palliativversorgung dort stattfinden, wo die Patienten sind, also etwa im Pflegeheim oder auf allen Abteilungen der Spitäler. Auf die Palliativstation kommen nur jene Patienten, die zu komplex sind, um woanders betreut zu werden. Offen mit dem Tod und dem Sterben umzugehen, ist eine jüngere Entwicklung. «Noch in den 1950er- bis 1970er-Jahren vertraten die Ärzte nach aussen die Meinung, alles ist heilbar. Daher redeten sie mit den Patienten nicht übers Sterben», sagt Büche. Erst durch die Forschung und das Buch «Interviews mit Sterbenden» von Elisabeth Kübler-Ross begann in den 1970er-Jahren die moderne Sterbeforschung und der offene Umgang mit dem Thema. «Das hat sich vor allem in Mitteleuropa so durchgesetzt. Nicht in jeder Kultur redet ein Arzt heute mit Patienten über das Sterben», sagt Büche. So sei es im Islam, aber auch in südeuropäischen Ländern wie Italien und im Balkan durchaus üblich, sich an einen Angehörigen zu wenden. «Die Idee dahinter ist, dass man dem Sterbenden nichts Schlechtes mitteilen und tun will.»

Zeigen, dass der Mensch nicht alles im Griff hat

Büche ist vom Spannungsfeld fasziniert, das sich in der Palliative Care bietet. «Es geht darum, dem Patienten die Angst zu nehmen, aber auch darum, ihm aufzuzeigen, dass man als Mensch nicht alles im Griff hat», sagt er. Ausserdem sei die Palliativstation eine Abteilung, in der man mit vielen Berufsleuten und Organisationen wie Seelsorgern, Pflegenden, Spitex, Physiotherapeuten, Hausärzten und Pro Senectute zusammenarbeite. «Das macht den Alltag anspruchsvoll und abwechslungsreich.»

Referat, Diskussion und Film

In diesem Frühjahr ist der VitaTertia-Zyklus dem Thema Palliative Care gewidmet. Von übermorgen Montag, 6. bis Sonntag, 12. März ist in der Stiftung Vita Tertia an der Haldenstrasse 46 in Gossau eine Wanderausstellung zu diesem Thema zu sehen. Ein Bett mit bestickter Bettwäsche, ein Stuhl, ein Nachttisch mit Lampe und Kopfhörer stehen im Zentrum der Wanderausstellung. Auf der Bettdecke sind beispielsweise Gedanken von Menschen zu lesen, die gezwungen sind, sich mit der Endlichkeit des Lebens auseinanderzusetzen. Die Ausstellung wird von einem Rahmenprogramm begleitet. Es gibt mehrere Vorträge unter anderem zum Thema Patientenverfügung (7. März), Demenz und Demenz-Netzwerke (8. März), «Faszination des Sterbens» von Daniel Büche (9. März). Am 20. April wird der Film «Being there – Sterben verstehen lernen» des Ostschweizer Dokumentarfilmers Thomas Lüchinger gezeigt. Infos unter www.vitatertia.org . (nar)


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