Singen, bis die Augen versagen

ABSCHIED ⋅ Weil er die Noten nicht mehr sieht, tritt Anton Ledergerber nach 70 Jahren aus dem Männerchor Waldkirch aus. Dessen Zukunft ist ungewiss; es fehlt an Nachwuchs.
20. April 2017, 20:52
Noemi Heule
Anton Ledergerber hat in der Rekrutenschule nicht nur schiessen, sondern auch singen gelernt. "Immer nach dem Hauptverlesen befahl uns der Hauptmann, zu singen", sagt er. Für den 92-Jährigen war das Singen mehr als ein Zwang. Nach dem Militär, mit 20 Jahren trat er dem Männerchor Waldkirch bei. Und blieb ihm seither treu. Über 70 Jahre lang. Eine stolze Zahl, die ihn sogleich zur Bescheidenheit drängt. "Zwischendurch fehlte ich an vielen Proben", sagt er. Damals, Ende der 1940er Jahre, als er bei der Bahn auf verschiedenen Posten aushalf, zuerst in Winterthur, dann in Gossau, Winkeln, Möhlin und Unterterzen.
 

Kein Singen ohne Augenlicht

Als er nach Waldkirch zurückkehrte, um den Hof der Familie zu übernehmen, stieg er sogleich wieder ein. Und fehlte an praktisch keiner Probe. "Ich bin kein Sänger, der ab Blatt singen kann", sagt er. "Ich brauche Übung, muss Noten und Text genau studieren." Dies ist ihm heute unmöglich, sein linkes Auge ist seit drei Jahren blind, blau und mit einer milchigen Schicht überzogen. Auch auf seinem rechten Auge sieht er nur noch 40 Prozent. Das Gebrechen zwang ihn, das Singen aufzugeben. "Sonst hätte ich noch lange weitergemacht", sagt Ledergerber, der auch auf ein Hörgerät angewiesen ist. 
 

Erinnerungen in schwarz-weiss

In einem goldenen Rahmen, zwischen einer Sängertrophäe, einer betenden Maria und dem Familienwappen, hat Ledergerber in seiner Stube die Anfänge seiner Mitgliedsjahre im Männerchor festgehalten. Auf der Schwarz-Weiss-Fotografie zählt der Verein fast 40 Mitglieder; heute ist er auf die Hälfte geschrumpft. Lebhaft erinnert sich Ledergeber vor allem an jene Momente, die abseits der Chorproben stattfanden. "Öppe e Festli" hätten die Sänger gefeiert und nach der Probe in der Beiz weitergesungen. "Das gemeinsame Singen fehlt heute", sagt er. Ohnehin spielten die Jungen lieber ein Instrument als zu singen. Dabei wäre es so einfach: "Es braucht nur ein Gesangbuch und fertig", sagt er.

Als aufgestellt und lustig bleibt Ledergerber dem Chor in Erinnerung – auch wenn er nicht immer viel zu lachen hatte. Als jüngstes von acht Kindern im Weiler Ronwil geboren, chrampfte er bereits früh auf dem elterlichen Hof; er fuhrwerkte damals noch mit Ross und Wagen. Später übernahm er den Betrieb und gab ihn mit 62 an seinen "Junior" weiter. Fast 20 Jahre lang war er sodann als Gemeindeweibel tätig. Schon vorher hatte er plötzlich seine Frau, Mutter von drei Kindern, verloren.
Heute ist er nicht mehr allein. Seine Freundin, ebenfalls Witwe, umsorgt ihn, seit es ihm gesundheitlich schlechter geht. Mit ihr stimmt er ab und an auch den "Pajazzo" an. Dafür nämlich braucht er keine Noten.

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