Ein Koffer statt Lehrbücher

INTEGRATION ⋅ Die Stadt Gossau baut das Sprachkursangebot für Migrantinnen und Migranten aus. Sie sucht deshalb Freiwillige, die Deutsch unterrichten sollen auf konventionelle und weniger konventionelle Weise.
06. Mai 2017, 08:29
Adrian Lemmenmeier

Adrian Lemmenmeier

adrian.lemmenmeier@tagblatt.ch

Der Raum im Gossauer Andreaszentrum ist zum Bersten voll. Schätzungsweise 50 Leute sitzen auf vier Stuhlreihen und lauschen den Referenten. Sie sind gekommen, um zu helfen. Denn die Stadt Gossau sucht Freiwillige, die fremdsprachigen Migrantinnen und Migranten Grundkenntnisse des Deutschen beibringen – und ihnen so die gesellschaftliche Integration erleichtern.

Hintergrund ist ein Umschwung in der Politik der Gemeinden des Kantons St. Gallen. Die Vereinigung der St. Galler Gemeindepräsidentinnen und Gemeindepräsidenten (VSGP) hatte im vergangenen Jahr beschlossen, auf das Jahr 2017 nicht mehr gemeinsam mit dem Kanton Vergünstigungen für professionelle Sprachschulen zu finanzieren, sondern Quartiersschulen aufzubauen. In solchen Schulen sollen Freiwillige für ein geringes Entgelt Migrantinnen und Migranten Basiskenntnisse des Deutschen vermitteln.

Klassischer Unterricht und spielerisches Lernen

Die Stadt Gossau fährt dabei eine zweigleisige Strategie. Zum einen wird ein bereits bestehendes Angebot ausgebaut: Im Friedegg-Treff, einem Treffpunkt für Migranten und Armutsbetroffene, werden seit Jahren Deutschkurse von Freiwilligen durchgeführt. Einmal pro Woche finden zwei Lektionen statt. Dieses Angebot soll nun verdoppelt werden. Für dieses Ehrenamt sind Leute mit einem Flair für die Lehrtätigkeit gesucht. Es wird mündlich und schriftlich auf Stufe A1 und A2 unterrichtet.

Anders sieht es beim zweiten Unterrichtsprojekt aus, das in Gossau geplant ist: Ab dem 15. Mai sollen Freiwillige zu Kursleitern in der Methode «neues Lernen» ausgebildet werden. Der Kurs dauert volle zwei Wochen, die Freiwilligen erhalten dafür eine Entschädigung. «Neues Lernen» wurde von der Sprachschule Liechtenstein Languages entwickelt. Die Methode wird von der VSGP gefördert und in den Gemeinden aktiv propagiert. Im Zentrum steht der spielerische Zugang zur Sprache: Mit Rollenspielen und viel Bewegung wird den Leuten die Hemmung genommen zu sprechen. Denn oft bestünde das Problem darin, dass Flüchtlinge zwar Kurse besuchten, aber nicht lernten, ihr Wissen anzuwenden, sagt Walter Noser von Liechtenstein Languages. Den vierwöchigen Einstiegskurs können auch Migranten besuchen, die nicht lesen können.

Für die Ausbildung zum Kursleiter in einer solchen Quartierschule ist nicht die klassische Lehrperson gesucht, sondern eher Leute, die gerne andere animieren. In diesem Unterricht werden auch nicht Bücher verwendet, sondern ein Koffer. Darin befinden sich Übungsmaterial und Utensilien, welche Kursleiter einsetzen können, um spielerisch zu lehren. Solche Koffer werden den Gemeinden von der VSGP zur Verfügung gestellt.

Gossau ist die vierte Gemeinde im Kanton, die mit der Ausbildung für Kursleiter in der neuen Lernmethode beginnt. «Bis jetzt haben wir ausschliesslich positive Rückmeldungen», sagt Daniela Graf-Willi. Sie ist als Projektleiterin beim VSGP für die Quartiersschulen zuständig. Sie betont aber auch, dass der spielerische Ansatz nicht genüge: «Das ist nur eine Art von Schule. Wir brauchen aber alle Schulen.»


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