5500 Kilometer Abenteuer enden

DIE ROUTE: VON KÜSTE ZU KÜSTE IN 5500 KILOMETERN ⋅ Es gibt Leute, die sagen, sie gebe es nur im Doppelpack. Welch eingespieltes Team sie sind, bewiesen die Sager-Brüder auf ihrer Tour quer durch die USA. Am Sonntag wurden die Weitgeradelten daheim empfangen.
25. Juli 2017, 07:14
Corinne Allenspach

Corinne Allenspach

corinne.allenspach@tagblatt.ch

Wenn am 14. August wieder Schüler und Lehrer landauf, landab erzählen, was sie in ihren Ferien erlebt haben, muss Andy Sager nicht lange überlegen. Der 27-Jährige, der in drei Wochen in Wattwil als Seklehrer anfängt, hat mit seinem 35-jährigen Bruder Rolf, Architekt bei RLC in Rheineck, soeben das Abenteuer seines Lebens erlebt. Zwei Monate lang sind die beiden fast 5500 Kilometer quer durch Amerika gefahren, von New York nach San Francisco. Nicht etwa mit dem Auto, sondern mit ihren Renn­velos («Tagblatt» vom 16. Juni). Noch zu Beginn der Reise hatten sie viele Fragen: Wie anstrengend werden die ersten Tage? Kann ich das schaffen? Wann kommt die erste Krise? Inzwischen sind die Zweifel gewichen und haben bei den Brüdern einem Stolz, aber auch einer gewissen Ungläubigkeit, Platz gemacht, dass sie es geschafft haben. Trotz vieler mentaler Tiefs. Und dank der Tatsache, dass sie ein eingespieltes Team sind. «Jeder allein hätte es nicht gemacht», ist Rolf Sager überzeugt. Eine solche Reise ­zeige einem auch: «Um ans Ziel zu kommen, muss man auf den anderen Rücksicht nehmen.»

Starke Winde reissen die Brüder von den Velos

Ganz am Ziel ihrer Reise sind die Brüder seit Sonntagmittag. Damit sie nach so langer Zeit auf dem Sattel keine Entzugserscheinungen bekommen, haben Familie und Freunde zum Empfang eine kurze Velotour organisiert. Vom «Sternen» Arnegg ging es die letzten paar Kilometer mit den Bikes bis nach Hause ins Waldkircher Dorfzentrum. Dort erwartete die Metzgerssöhne auch kulinarisch, was sie sich seit Wochen gewünscht hatten: ein Cervelat mit Bürli.

Im Grunde seien sie ja nicht die typischen Rennvelofahrer, sagen die Brüder. Statt mehrmals pro Woche nach Feierabend aufs Velo zu sitzen, spielen sie lieber Fussball und Tennis. Beide sind untrennbar mit dem FC Waldkirch-Bernhardzell verbunden – Rolf als Trainer der Aktiven und Andy als Präsident. «Wir sind eher die Ferienvelofahrer», sagt Rolf Sager. Wobei das natürlich masslos untertrieben ist. Schon vor ihrer USA-Tour radelten die Brüder mehrmals durch Europa.

Derartige Herausforderungen wie in den USA galt es aber noch nie zu meistern. Wobei der Höhepunkt im wahrsten Sinne des Wortes kurz vor Schluss folgte: die Überquerung der Rocky Mountains in bis zu 3700 Metern Höhe. Mit mannshohen Schneemauern am Strassenrand, Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt und Winden, die so stark waren, dass es die Brüder von den Velos riss und sie ihre Zweiräder schieben mussten. Wer die Einträge auf ihrem Reiseblog liest, ist froh, nicht tauschen zu müssen. Auch sie selber seien froh gewesen, als sie wieder unter 2000 Metern waren. «Die Höhenluft, die extreme Kälte, das hat uns sehr gefordert», sagt Andy Sager, ehemaliger Sportjournalist beim «Tagblatt». So richtig realisieren es die Brüder sowieso erst jetzt, was sie alles erlebt haben, wenn sie daheim die Einträge nochmals in Grossformat lesen. Unterwegs hatten sie keinen Computer dabei, nur das Handy. Schliesslich sind sie mit leichtem Gepäck gereist: je rund 15 Kilogramm.

Rund eineinhalb Jahre hatten sie sich auf die Reise vorbereitet und auf das grosse Ziel hingefiebert: mit dem Velo über die Golden Gate Bridge in San Francisco zu fahren. Nach 5500 Kilometern in 56 Etappen, rund 35 555 überwundenden Höhenmetern, 11 platten Reifen, 3 Speichen­brüchen, 2 zerschlissenen Pneus, 176 vertilgten Früchten und 324 Müesliriegeln war es schliesslich so weit. Das Gefühl, plötzlich am Ziel zu sein, sei surreal gewesen. Oder wie es eine Blog-Kommentatorin ausdrückt: «Erlebti Abentüürgschicht mit zwei Helde!»

Mit dem Auto bleibt es letztlich ein Roadtrip

Die letzten drei Wochen ihrer Reise gönnten sich die Sager-Brüder noch etwas Erholung und erkundeten Amerikas Westen mit dem Auto. Ihr Fazit: In kurzer Zeit erlebe man viel Schönes. Allerdings sind sie sich einig. «Wenn man mit dem Auto so durchdüst, sieht man irgendwie nur die Hälfte. Letztlich ist es nicht mehr als ein Roadtrip.»

Reiseblog

sagersontour.wordpress.com.


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