15 Minuten blind sein

GOSSAU ⋅ Während zweier Tage gastiert auf der Bundwiese das Dunkelzelt des Blindenfürsorgevereins Obvita. Mehrere Schulklassen haben die Möglichkeit erhalten, eine kleine Reise in die Dunkelheit zu unternehmen.
03. November 2017, 05:19
Perrine Woodtli

Perrine Woodtli

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Auf der Gossauer Bundwiese wird den Passanten an diesem Vormittag ein ungewöhnliches Bild geboten. Zahlreiche Schüler gehen mit einem Blindenstock in der Hand auf und ab. «Jetzt musst du ein wenig nach rechts gehen», sagt eine Schülerin zu ihrer nichtssehenden Kollegin, die sie an der Hand führt. «Das ist gar nicht so einfach. Ich habe immer das Gefühl, dass ich gleich irgendwo hineinlaufe», sagt diese und nimmt die Augenbinde ab.

Mehrere Schulklassen sind gestern in die Welt der Blinden eingetaucht. Der Ostschweize­rische Blindenfürsorgeverein ­Obvita tourt derzeit mit seinem Dunkelzelt durch den Kanton und macht für zwei Tage Halt in Gossau. Mit dem Dunkelzelt will der Verein der Bevölkerung zeigen, wie es ist, blind zu sein. «Wir wollen einen Begegnungsraum für Sehende und Blinde schaffen», sagt Obvita-Projektleiterin Katrin Murezzan. An den Abenden ­finden im Zelt jeweils kulturelle ­Anlässe statt. In voller Dunkelheit sollen diese auf ungewöhnliche Art vermittelt werden. Heute steht ein Gespräch mit Chocolatier Bruno Faist auf dem Programm. Tagsüber aber dürfen jeweils Schüler auf Entdeckungstour gehen. «Die Schüler sollen sensibilisiert werden für die Lebens­situation von blinden Menschen», sagt Katrin Murezzan.

Das Augenlicht verloren, aber nicht den Humor

Auch die fünfte Klasse aus dem «Haldenbüel» von Yvonne Rütsche versetzt sich heute in die Situation von Blinden hinein. Nebst dem Ausprobieren eines Blindenstocks können die Schüler ihre Tastsinne testen. Zudem erhalten sie die Gelegenheit, eine blinde Person alles zu fragen, was sie schon immer wissen wollten. Laila Grillo ist seit ihrem fünften Lebensjahr blind und studiert Landwirtschaft. Rasch merken die Schüler, dass die 26-Jährige zwar ihr Augenlicht verloren hat, nicht aber ihren Humor. Unbeschwert geht sie auf jede Frage ein und scherzt darüber, dass sie sich schon «total verirrt hat». Die Schüler wollen wissen, wie sie ­alleine leben kann oder wie sie einkauft. «Ich kann vieles alleine. Mit meinem Stock finde ich mich überall zurecht. Und es gibt viele Hilfsmittel», sagt Grillo. Kürzlich war sie alleine im Südtirol. «Das war eine Herausforderung, aber es ging.» Sie grinst breit. Die Schüler staunen, als sie von ihren Hobbys – Klettern, Wandern und Skifahren – erzählt. Bei Letzterem fährt ihr eine Begleitperson hinterher und gibt die Richtung an.

Nachdem die Schüler Grillo mit Fragen gelöchert haben, können sie selber erleben, wie sich der Gang durch die Dunkelheit anfühlt. «Im Dunkelzelt finde ein Rollentausch statt», sagt Katrin Murezzan. «Im Zelt werden Sehende zu Blinden und Blinde zu Sehenden.» Gespannt reihen sich die Schüler auf. Jeder legt seinem Gspänli die Hände auf die Schultern. Geführt werden die Gruppen durch das Zelt ohne Licht von Laila Grillo und Andrea Liechti, die ebenfalls blind ist.

Orientierungslos in der Dunkelheit

Dann geht es los. Mit kleinen Schritten geht es hinein. Nicht einmal mehr die eigene Hand ist zu erkennen. Die Augen gewöhnen sich langsam an die vollkommene Dunkelheit, zu sehen ist aber nach wie vor nichts. Hier und da ertönen Geräusche, an den Wänden gibt es allerlei zu ertasten. Bei einer Holzpuppe erschrecken die einen kurz. Eine Schülerin zuckt spürbar zusammen. «Wessen Hand ist das?» Ruhig führen Laila Grillo und Andrea Liechti durch das Zelt. Nach 15 Minuten endet der Rundgang. Blinzelnd treten die Schüler hinaus – das Tageslicht erscheint einem nun unangenehm grell.

«Das war super» oder «Ich will noch einmal», tönt es von allen Seiten. Nicht nur die Schüler, sondern auch Lehrerin Yvonne Rütsche ist begeistert. «Das war wirklich eindrücklich. Man ist so orientierungslos.» Auch Laila Grillo hatte Spass. «Ich mache das gerne», sagt sie und betont: «Es ist wichtig, dass die Leute wissen, was es heisst, blind zu sein. Blinde gehören schliesslich zu unserer Gesellschaft dazu.»


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