Abstimmungskampf: Wer profitiert vom St.Galler Stadttheater?

ABSTIMMUNG ⋅ Die Gegner der Theatervorlage bemühen den Stadt-Land-Graben: Das Haus diene nur der Agglomeration St. Gallen. Die Besucherstatistik gibt ihnen teilweise recht. Doch die Präsidenten der Kulturregionen weisen das Argument klar zurück.
14. Februar 2018, 05:21
Marcel Elsener

Marcel Elsener

marcel.elsener@tagblatt.ch

Was bringt es dem Werdenberg? Was interessiert einen Obertoggenburger die St. Galler Bühne? Ein Bad Ragazer geht sowieso nach Chur und eine Uznacherin nach Zürich. Oder, mit Toni Brunner gesprochen: «Die Mehrheit der St.Galler Stimmbürgerinnen und Stimmbürger kennt das Theater nur vom Hören­sagen.»

So oder ähnlich lauten Aussagen der Gegner der Bauvorlage fürs Theater St.Gallen. Im Abstimmungskampf um den 48,6-Millionen-Kredit spielt der angebliche Stadt-Land-Graben eine massgebliche Rolle. Nebst einer «verfehlten Eliten-Kulturförderung» und der «alternativlosen» Variante führt die SVP-Gegnerschaft zuvorderst die knappe Zustimmung von 2009 ins Feld, die erst noch unter falschen Prämissen erfolgte. Bei der damaligen Volksabstimmung habe «die Regierung verschwiegen, dass das Gebäude bald saniert werden muss».

Argumente, die von den Befürwortern und der Regierung grösstenteils widerlegt worden sind. Doch ist ein Graben zwischen Stadt und Land tatsächlich auszumachen und wird in manchen Onlinekommentaren, Leserbriefen oder Voten an den laufenden Podien im Kanton bestätigt.

Besucherstatistik bestätigt Abstimmungsresultate von 2009

Sind viele Landgemeinden dem städtischen Theater so fern, wie sie geogra­fisch abseits der Kantonshauptstadt liegen? Die Frage bleibt bis zum Urnengang am 4. März offen. Fakt ist: Die Volksabstimmung zur Übergabe des Stadttheaters an den Kanton von 2009 fand nur in den drei Wahlkreisen St. Gallen, Rorschach und Wil eine Mehrheit. Dies reichte für die kantonale Zustimmung von 51,7 Prozent, doch in den Regionen Werdenberg, Sarganserland, See-Gaster und Toggenburg wurde das «Gesetz über Beiträge an Konzert und Theater St. Gallen» (wie die Vorlage hiess) durchwegs abgelehnt. Mit Ausnahme weniger Gemeinden mit Ja-Mehrheiten: im Rheintal Au, Berneck und Balgach, in See-Gaster die Stadt Rapperswil-Jona.

Wuchtig war die Ablehnung etwa in den Rheintaler Gemeinden Oberriet und Rüthi sowie in den Sarganserländer Orten Mels und Flums. Ob das Theater dort inzwischen Boden gutgemacht hat, ist Spekulation. Und freilich muss die Haltung zur Frage, wer das Haus tragen soll, nicht zwingend mit der Theateraffinität eines Stimmbürgers korrespondieren.

Stimmt nun die Behauptung, dass beispielsweise Sarganserländer kaum ins Theater St. Gallen gehen? Die Besucherstatistik des Hauses basiert nicht auf Gemeinden, sondern auf Wahlkreisen. Die Zahlen stammen laut der Medienstelle des Theaters aus Erhebungen, wie sie alle drei Jahre im Rahmen des Finanzausgleichs gemacht werden. Nur Hochrechnungen, «denn selbstverständlich wird nicht jede Besucherin und jeder Besucher statistisch erfasst und registriert». Ausserdem sind die St. Galler Festspiele in dieser Statistik nicht enthalten. Trotzdem entspricht die Besucherstatistik weitgehend den Abstimmungsresultaten von 2009: Gut 90000 Theatergänger und damit fast 85 Prozent aller Besucher aus dem Kanton wohnen in den Regionen St. Gallen, Rorschach und Wil. Von den ländlichen Wahlkreisen stellt das Rheintal mit immerhin 6500 Besuchern jährlich 6,2 Prozent des Pu­blikums, wogegen der Zulauf aus dem Toggenburg und aus See-Gaster bescheiden ist. Aber immer noch weit grösser als jener aus dem Werdenberg und dem Sarganserland, wo gerade mal die Einwohnerschaft eines Dorfes den Weg zur St. Galler Bühne findet.

«Ein zentraler kultureller Ort für den ganzen Kanton»

Nackte Zahlen, mit denen kein Staat zu machen sei, meinen die Befürworter der Theatersanierung. Zu ihnen gehören die Chefs der fünf Kulturregionen im Kanton, die seit 2006 aufgebaut und gefördert worden sind. Dies unabhängig vom Parteibuch: Christian Spoerlé (SVP), Präsident Kultur Toggenburg und Gemeindepräsident von Ebnat-Kappel, Christa Köppel (FDP), Präsidentin Rheintaler Kulturstiftung und Gemeindepräsidentin in Widnau, Josef Blöchlinger (CVP), Präsident Kultur ZürichseeLinth und Gemeindepräsident von Eschenbach, Ferdinand Riederer (FDP), Co-Präsident Südkultur und ehemals Gemeindepräsident in Pfäfers, sowie ausserkantonal David Zimmermann (SVP), Präsident Thurkultur und Gemeindepräsident in Braunau TG; sie alle stehen hinter der Bauvorlage, wie sie auf Anfrage erklären. Spoerlé, Blöchlinger und Riederer figurieren sogar in der Kerngruppe des überparteilichen Ja-Komitees.

Von einem Stadt-Land-Graben wollen die Vertreter der Kulturregionen nichts wissen. Auf die Frage, ob er den Einwand verstehe, das Theater diene nur der Stadtregion, sagt etwa Blöchlinger: «Überhaupt nicht. Es hat eine grosse Ausstrahlung mit seinen Projekten. Die Regionen können solche gar nicht anbieten, darum muss ein zentraler kultureller Ort für den ganzen Kanton angeboten werden. Das stärkt auch das regionale Kulturgut.» Spoerlé räumt ein, dass die Antwort «nicht einfach» sei. Und sagt dann: «Es stimmt schlicht nicht, dass das Theater nur der Agglomeration etwas bringe, da bin ich ein gutes Beispiel.» Allerdings könne er «sich vorstellen, dass es Leute gibt, welche das Haus nur vom Hörensagen kennen, leider».
 

Bedeutend für die Kultur und Identität der ganzen Ostschweiz

Christa Köppel nennt das St. Galler Theater einen «Leuchtturm, von dem die ganze Ostschweiz profitiert» und der auch im Rheintal genutzt werde, nicht selten im Abo. «Es ist im Rheintal klar, dass ein Mehrspartenhaus nur an einem Ort – in der Hauptstadt – zentral betrieben werden kann.» Die verschiedenen kulturellen Angebote in der Gemeinde, in der Region und im Kanton sollen «nicht gegeneinander ausgespielt, sondern als bereichernde Ergänzungen je gefördert werden». Ins gleiche Horn bläst Zimmermann, der das St. Galler Theater als überkantonal ausstrahlende Institution lobt: «Wir müssen in den Regionen mutiger auftreten. Wenn eine Region leuchtet, leuchtet die Ostschweiz.»

Die Kulturförder-Plattformen seien in der kantonalen Kulturpolitik gut verankert, sagt die Leiterin der Rheintaler Kulturstiftung. Ihre Kollegen zeigen sich ebenfalls zufrieden, wenn auch Mittel und Bedürfnisse regional variieren. Nach den Projekten in der Hauptstadt müsse «nun endlich das Klanghaus kommen», fordert Spoerlé klipp und klar. Blöchlinger hingegen nennt kein Wunschprojekt für seine Region: «Wir wären schon glücklich, wenn das Theater St. Gallen bleibt.» Mit den Delegierten der Region ZürichseeLinth und Präsident Markus Schwizer wirbt er per Communiqué für ein Ja: «Der gute Ruf des Theaters trägt zu einer starken Identität unseres Kantons als Arbeits- und Wohnstandort bei.» Davon profitierten auch die Regionen.

Der Support ist bei den Chefs der Kulturregionen nicht von eigenen Theaterbesuchen abhängig. Blöchlinger etwa war «vor fünf Jahren das letzte Mal im Stadttheater», und Spoerlé ging zwar in «Tanz der Vampire», besucht sonst aber häufiger die Tonhalle, «welche übrigens sehr gut saniert wurde», wie er anmerkt. Christa Köppel hingegen geht öfter ins Theater, «vom Programm her» in jüngster Zeit aber «mehr in der Lokremise», letztmals dort «Caligula» im November, nächstes Mal «Schlafes Bruder» – am 27. Februar im grossen Haus, just fünf Tage vor der Abstimmung.

Tagblatt-Podium im "Palace"

Am 4. März kommt der Kredit von 48,6 Millionen Franken zur Sanierung des Theaters St. Gallen zur Abstimmung. Heute Mittwoch lädt diese Zeitung zum Podium über die Vorlage ins St. Galler Kulturlokal Palace ein; Türöffnung ist um 19 Uhr, die Veranstaltung beginnt um 19.45 Uhr. Es diskutieren Katrin Meier (Leiterin Amt für Kultur), Marc Mächler (Regierungsrat FDP), Toni Thoma (Kantonsrat SVP) und Remo Senekowitsch (Jungfreisinnige). Moderiert wird das Gespräch von Stefan Schmid (Chefredaktor «St. Galler Tagblatt») und Andri Rostetter (stellvertretender Chefredaktor und Leiter Regionales). Das «Tagblatt» offeriert den Besucherinnen und Besuchern eine Bratwurst mit Bürli sowie ein Getränk.


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