Paul Schlegels fragwürdige Geschäfte gehen weiter

EX FDP-KANTONSRAT ⋅ 2015 musste der Grabser FDP-Kantonsrat Paul Schlegel aufgrund seines fragwürdigen Geschäftsgebarens von der Politik zurücktreten. Nun zeigt allein die Zahl aktueller Betreibungen, dass die «gelbe Karte» in Schlegels Firmen nichts verbessert hat.
30. September 2017, 05:19
Marcel Elsener

Marcel Elsener

marcel.elsener@tagblatt.ch

Man mag es nicht glauben. Dass einer, der ganz oben war und dann jäh ganz unten, nach dem Fall einfach weitermacht wie bisher. Jedoch sprechen viele Anzeichen dafür, dass Paul Schlegel, Grabser Unternehmer und 2014 als FDP-Kantonsratspräsident «höchster St. Galler», so schludrig geschäftet wie 2015. «Das Ausmass seiner Betreibungen und Zahlungsausstände ist wie damals», sagen Insider. Zwei ehemalige Geschäftsführer von Schlegels Versicherungsvermittlerfirma gehen noch weiter: «Es ist vermutlich verreckter.»

Damals, im Juni 2015, stand der langjährige Kantonsrat, Nationalratskandidat und Vereinspräsident der (beerdigten) Expo 2027 aufgrund seiner lausigen Zahlungsmoral und anderer Verfehlungen am Pranger; die «Weltwoche» hatte die Missstände unter dem Titel «König des Rheintals am Abgrund» publik gemacht; reihenweise erschienen auch in dieser Zeitung Artikel über den Fall. Auf Druck seiner Partei trat Schlegel von allen politischen Ämtern zurück. Besonders die ausstehenden AHV- und Vorsorgegelder, die er erst unter Zwang ein­bezahlte, empörten die Öffentlichkeit. Schlegel räumte Fehler ein und entschuldigte sie mit personell knappen Ressourcen und seinen zeitintensiven Engagements. Und er versicherte, «das Dossier nun selbst in die Hand zu nehmen».

28 Betreibungen allein bei der Versicherungsvermittlerfirma

Schlegel mit dem Rücken zur Wand: Schimpf und Schande in den Medien, die «gelbe Karte» in der Partei – der Unternehmer konnte nicht anders, als zu beteuern, dass alles besser werde. «Alles Lug und Trug», sagen heute Mitarbeiter und Weggefährten des Grabsers. Weder habe Schlegel sein Firmenkonstrukt der Schlegel Group – ABA Brokers für Versicherungen, Swissimmopool für Liegenschaftshandel, Alvetia für Beratungen – geändert, noch habe sich seine Geschäftsmoral gebessert. Ein Auszug aus dem Betreibungsregister der Stadt Buchs scheint ihnen Recht zu geben: Anfang September werden da allein für die ABA Brokers GmbH 28 Betreibungen aufgelistet und standen 180000 Franken an Rechnungen offen. Darunter betrafen 18 «betreibungsrechtliche Ereignisse» die Sozialversicherungsanstalt (SVA) St. Gallen, also AHV-Beiträge. Zwei der happigsten Beträge schuldete Schlegels Firma der AXA Stiftung Berufliche Vorsorge, zusammen 66000 Franken. Das bedeutet, wie gehabt, laufende Ausstände bei Vorsorgebeiträgen, die er als Arbeitgeber gesetzlich verpflichtet zahlen müsste. Andere Posten deuten darauf hin, dass auch Löhne, Provisionen oder Prämien betroffen sind, die er nicht oder nicht in vollem Umfang bezahlte.

Das sei längst nicht alles, meint ein Branchenmann, der anonym bleiben will und selber Forderungen offen hat. «Jetzt ist genug», sagt er. «Es kann jedem passieren, dass es mal nicht gut läuft. Aber in diesem Fall ist es eine endlose Geschichte und hat System.» Und: «Paul Schlegel bringt skrupellos Leute in miese Situationen. Sie können ihre Rechnungen nicht mehr zahlen.» Wie viele Personen und Institutionen derzeit auf Geld von Schlegel warten, lässt sich nur schätzen: Es dürften Dutzende sein. Dass kaum jemand seine Forderung einklagt, hat diverse Gründe: Manche haben die Mittel oder die Nerven nicht, um sich gerichtlich zu wehren, manche hoffen auf Zahlungen in letzter Minute; oft genug vertröste Schlegel seine Gläubiger mit Teilbeträgen – da mal ein Tausender, dort mal etwas mehr. «Er rechnet damit, dass es den Leuten verleidet», sagen Personen, die in Schlegels Firmen arbeiteten oder mit ihnen zu tun hatten. «Die meisten machen die Faust im Sack und hoffen, irgendwie doch noch zu ihrem Geld zu kommen oder von Schlegels Netzwerk profitieren zu können.» Wer sich wehre, stosse auf Gegenwehr. Mit Forderungen konfrontiert, stellt Schlegel oft Gegenforderungen: «Er verdreht alles, bis man selber der Angeklagte ist.»

«Grossartige Auftritte, grosse Klappe, aber dahinter nur Luft»

Es sind Sätze, wie sie 2015 in unserer Zeitung standen. Zum Beispiel: «Dass die wackligen Geschäfte des Hansdampfs in allen Gassen so lange unter dem Deckel gehalten wurden, können sich Beobachter nur mit der jovialen, kumpelhaften Art Schlegels erklären – und mit seinem politischen Gewicht und Netzwerk als langjähriger Kantonsrat.» Oder: «Bei allem Verständnis für den ambitioniert aufgestiegenen Arbeitersohn und Mitgefühl für seine Familie überwiegt die Empörung – aufgrund persönlich erlebter Enttäuschungen. Und weil es nicht nur um finanzielles Löcherstopfen ging. Vielmehr habe er Angestellte dermassen unkorrekt behandelt, dass man jetzt nicht schweigen könne.»

Fast wörtlich werden solche Aussagen wiederholt, nur dass die Verbitterung noch grösser ist. «Er hat seit dem Denkzettel nichts gelernt», sagt René Wildhaber. «Steckte ich in seiner Haut, könnte ich mir nicht mehr in die Augen schauen. Und ich wäre längst nach Timbuktu ausgewandert.» Wildhaber, ehemaliger stellvertretender Geschäftsführer der ABA Brokers («ohne finanzielle Befugnis»), wartet seit seiner Kündigung im Frühjahr 2016 auf Lohnzahlungen. Er klagte die Gelder ein, erst diese Woche akzeptierte er am Bezirksgericht Mels einen Vergleich, wonach Schlegel nun 30000 Franken, drei Viertel der geforderten Summe, in Monatsraten abstottern muss. Wildhaber ärgert sich, wie lange es dauerte, und wie Schlegel es fertigbrachte, mit seiner Verzögerungstaktik den Fall so lange hinauszuzögern. Exemplarisch für das zermürbende System: «Am traurigsten ist es für ältere Leute und solche, die sich nicht wehren können.» Wildhaber hat die dunklen Seiten und das «dilettantische» Geschäftsgebaren des Unternehmers zur Genüge kennen gelernt: «Hinter den grossartigen Auftritten und der grossen Klappe ist nur Luft.» Nicht nur im Versicherungswesen liefen Schlegel Mitarbeiter und Kunden davon, sondern auch bei den andern Firmen, meint Wildhaber: «Er reitet seine Geschäfte selber zu Boden.»

Diese Einschätzung teilt auch ein anderer ehemaliger Geschäftsführer, Richard Lippuner, der ABA Brokers gegründet, 2010 an Schlegel verkauft und dann bis 2015 geleitet hat: «Bis dahin hatten wir weder Mahnungen noch Betreibungen und machten kleine Gewinne.» Lippuner kennt Schlegel seit Jugendjahren und weiss um dessen Stärken: «Netzwerken und schnorren kann er.» Hingegen müsse man über die Art seiner Unternehmensführung, Geldgeschäfte und die Behandlung der Mitarbeiter nur den Kopf schütteln. Kein Wunder, funktioniere keine seiner Firmen, obwohl oder eben weil er es «mit allen Mitteln probiert». Hätten die Vorkommnisse von 2015 bei Schlegel denn zu Einsicht, Umkehr und gar einem demütigen Neubeginn als Angestellter führen können? Lippuner verneint: «Das Problem ist, dass er nicht anders kann. Und er fühlt sich als King.» Mehrere Angestellte haben in jüngster Zeit gekündigt; es bleiben Schlegel wohl nicht mehr als eine Praktikantin und ein Teilzeit-Geschäftsführer. Die Abgänge im Team betreffen auch Partner wie Gion Aeby, der in Ascona quasi die Tessiner Filiale von Schlegels Immobilienpool betrieb und auf 1. Juli kündigte. «Seither wartete ich aufs Geld.» Obwohl er von Branchenkennern gewarnt wurde, hatte Aeby Vertrauen in Schlegel: «Er war ja schliesslich mal Kantonsratspräsident.» Nachdem der Tessiner Immobilier «die ständigen Tricks» satt hatte, leitete er diese Woche die Betreibung ein – worauf Schlegel flugs das geschuldete Geld zahlte.

Kantonale FDP verzichtet auf Kommentar

Zumindest ein Partner auf Provisionsbasis, der Immobilienberater und frühere Gastroverbandschef Josef Müller-Tschirky, hat mit Schlegel «keine schlechten Erfahrungen» gemacht. «Wir haben zwei, drei Projekte mit Restaurantliegenschaften aufgegleist, aber ich habe keinen Einblick in seine Buchhaltung.» Unbestritten ist Schlegels Messeleitung bei der Werdenberger Gewerbeausstellung Wiga, zumal ihre jüngste Ausgabe einen Besucherrekord verbuchte. Schlegel strahlte an der Spitze seiner «Wiga-Familie» nebst Gästen wie dem Liechtensteiner Regierungschef Adrian Hasler und dem St. Galler Bauchef Marc Mächler. Im Werdenberg sind die Reaktionen von Politikern auf die Nachlässigkeiten des gut vernetzten Messeleiters zurückhaltend. Er kenne die Vorwürfe zu wenig, sagt etwa der Grabser SVP-Kantonsrat Dominik Büchler, wisse aber um den Ruf Schlegels, wenn es um Geschäfte gehe: «Da sagen viele, du musst aufpassen.»

Was sagt Schlegels Partei zum Rückfall? Immerhin ist er «noch aktives FDP-Mitglied seiner Ortspartei Grabs und somit auch der Kantonalpartei», wie das Parteisekretariat bestätigt. Zudem gehört er der Vereinigung der ehemaligen FDP-Kantons- und Grossräte an. Die FDP hält sich auf Nachfrage zurück: Seit dem Rücktritt aus dem Kantonsrat im Juni 2015 habe Paul Schlegel kein politisches Mandat im Namen der FDP mehr inne. Und: «Private Angelegenheiten ihrer Mitglieder kommentiert die Kantonalpartei grundsätzlich nicht.» In der Region trete er politisch nicht mehr in Erscheinung, sagt der Seveler FDP-Kantonsrat Thomas Toldo. «Seine Plattform ist die Wiga, und die hat er gut gemacht.» Umso überraschter zeigt sich Toldo von den erneuten geschäftlichen Verfehlungen: «Ich habe davon keine Kenntnis.»

Ein möglicher Fall für die Versicherungsaufsicht

Auf unsere Fragen nach den Gründen für die aktuellen Zahlungsrückstände bei ABA Brokers, dem Geschäftsverlauf und den Mitarbeiterzahlen seiner weiteren Firmen, den seit 2015 getätigten Verbesserungen sowie konkretenVorwürfen will Paul Schlegel nicht eingehen. Nachdem er zunächst in Aussicht stellte, Antworten zu geben, lässt er tags darauf ausrichten: «Wir äussern uns nicht dazu.»

Wie es seinen Firmen wirklich geht, bleibt offen. Ein Konkursverfahren, obwohl von Institutionen wie der AXA schon angedroht und von der SVA erwogen, vermochte er stets abzuwenden. Jedoch meinen frühere Mitarbeiter, dass das Firmenkonstrukt der Schlegel Group längst behördlich überprüft werden müsste – durch die Versicherungsaufsicht der Finma in Bern. Registrierte Vermittler wie Schlegels ABA Brokers (seit 2008 registriert) unterliegen laut Auskunft der Finma keiner laufenden Überwachung, sondern werden mit Stichproben überprüft. Bei Hinweisen auf Missstände ergreife man aufsichtsrechtliche Massnahmen. Mögliche Verstösse wären etwa fragwürdige Qualifikationen, fehlende Haftpflichtversicherungen oder vorhandene Verlustscheine – Punkte, die bei ABA Brokers nicht überprüft wurden.

«Wo kein Kläger, keine Aufsicht», meinen Insider. Mit Betreibungen sei es nicht getan. «Nach der gelben Karte von 2015 ist nun die rote fällig. Es darf nicht sein, dass er wieder davonkommt.» Wo gehobelt wird, fallen Späne, hiess es ­damals hemdsärmlig. Schlegel hobelte weiter, wieder fielen Späne. Nun sei es höchste Zeit, Schlegel «den Hobel aus der Hand zu nehmen».


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