Ostschweizer Steuerverwaltungen setzen auf Roboter

DIGITALISIERUNG ⋅ Wer seine Steuererklärung einreicht, hat immer seltener mit Menschen zu tun. Computersysteme übernehmen Routineaufgaben. Im Kanton St.Gallen werden bereits über fünf Prozent der Steuerbescheide automatisch verarbeitet.
08. April 2018, 05:17
Michael Genova

Michael Genova

michael.genova@ostschweiz-am-sonntag.ch


Dies ist ein Artikel der "Ostschweiz am Sonntag". Die ganze Ausgabe lesen Sie hier: www.tagblatt.ch/epaper

Dem gestrengen Blick des Steuerbeamten entgeht nichts. Deshalb suchen Ostschweizer dieser Tage wieder verzweifelt nach verschollenen Lohnausweisen und Belegen. Ist dieser Kampf endlich gewonnen, bleibt meist nur noch langes Warten. Das könnte schon bald ein Ende haben: Künftig sollen nicht mehr Menschen, sondern Computer die Steuererklärungen genehmigen.

Zum Beispiel in Appenzell Ausserrhoden. Dort kann die Steuerverwaltung mit Hilfe einer neu eingeführten Veranlagungssoftware Steuererklärungen automatisiert bearbeiten. «Mit dem ­System wollen wir in den kommenden Jahren effizienter werden», sagt Roger Widmer, stellvertretender Leiter der Ausserrhoder Steuerverwaltung. Das Computerprogramm ist seit Anfang 2016 in Betrieb.

Steuerfachleute prüfen nur noch komplizierte Fälle

Allerdings wird die Software die Steuerkommissäre nicht so bald ersetzen. «Wir rechnen, dass maximal fünf bis acht Prozent der Fälle komplett von einem Computer verarbeitet werden», sagt Widmer. Für die Mehrheit der Steuererklärungen ist nach wie vor menschliche Intelligenz gefragt. In diesen Fällen soll die Software die Mitarbeitenden von lästigen Routinekontrollen befreien. Appenzell Ausserrhoden nutzt die Standardsoftware Nest der KMS AG mit Niederlassungen in Kriens und Münchwilen. Zu den Kunden zählen 14 kantonale Steuerverwaltungen. Nest funktioniert nach einem Ampelsystem. Unstrittige Angaben kennzeichnet das Programm mit grüner Farbe. Gelb und Rot sind kompliziertere Sachverhalte, die einer näheren Prüfung bedürfen. «Steuerkommissäre sollen sich künftig nur noch gelbe und rote Positionen anschauen», sagt Widmer.

Aber wie weiss das Computersystem, wann es eine Steuererklärung durchwinken kann? Die Grundlage dafür ist ein ausgeklügeltes Regelwerk. Wie diese Regeln aussehen, legen die Steuerverwaltungen nicht offen. Denn potenzielle Steuerhinterzieher könnten versuchen, das System auszutricksen. Als mögliche Regel nennt Widmer Vergleiche mit dem Vorjahr. Ist bei einem Steuerpflichtigen zum Beispiel der Lohnunterschied zum Vorjahr grösser als ein bestimmter ­Betrag, wird der Lohnausweis einem Mitarbeiter zur Prüfung vorgelegt. Bei geringen Lohnunterschieden wird die Position freigegeben. Um systematische Fehler zu vermeiden, setzt die Ausserrhoder Steuerverwaltung der Automa­tisierung jedoch enge Grenzen. So darf laut Widmer eine Steuererklärung während maximal zwei bis drei Jahren vollautomatisch verarbeitet werden. «Im dritten oder vierten Jahr muss ein Steuerkommissär das Dossier zwingend wieder von Hand bearbeiten.»

In anderen Ostschweizer Steuerverwaltungen ist die Automatisierung schon weiter fortgeschritten. So setzt der Kanton St. Gallen bereits seit 2014 bei natürlichen Personen auf ein entsprechendes System. «In der Steuerperiode 2016 konnten über fünf Prozent sämtlicher Veranlagungen vollautomatisiert verarbeitet werden», sagt Felix Sager, Leiter des kantonalen Steueramts.

Mensch übertrumpft Computer

Wie in Ausserrhoden funktioniert die Bearbeitung der Steuererklärungen nach einem Ampelsystem. Seien bei der Veranlagung einer natürlichen Person alle Regeln des Regelwerks erfüllt, entstehe ein sogenannt grüner Fall, so Sager. «Dies bedeutet, dass die Veranlagung automatisch durch das System visiert wird.» Die Digitalisierung birgt aber auch Gefahren (siehe Kasten). Ein gewisses Risiko bestehe, wenn das Regelwerk zu wenig austariert sei und Steuersubs­trat verloren gehen könnte, sagt Sager. Um dies zu verhindern, hätten bei der Einführung des neuen Systems Steuerfachleute die grünen Fälle zusätzlich überprüft. «Darüber hinaus stellt ein Zufallsgenerator sicher, dass jeder grüne Fall früher oder später auf dem Pult der Steuerfachleute landet.»

Auch die Steuerverwaltung Thurgau erstellt mit Hilfe eines Regelwerks bereits vollautomatisiert Veranlagungen. Und Appenzell Innerrhoden setzt auf die Standardsoftware Nest. Im Gegensatz zu Appenzell Ausserhoden wird sie allerdings ausschliesslich zur Unterstützung eingesetzt. «Ausnahmslos alle Fälle werden durch den Steuerkommissär oder die Steuerkommissärin veranlagt», sagt Werner Nef, Leiter der Innerrhoder Steuerverwaltung.


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