Präsident geht aus Einsicht

RHEINECK ⋅ Die anstehende Arbeit übersteige seine Fähigkeiten. Darum zieht Hans Schmidt die Konsequenz und tritt als Präsident der Katholiken ab. Nach nur zwei Jahren.
29. Dezember 2017, 05:21
Monika von der Linden

Monika von der Linden

97 Stimmen hatte Hans Schmidt im September 2015 an der Urne erhalten. Mit sechs Stimmen über dem Absolutem Mehr haben ihn die Rheinecker Katholiken zu ihrem Präsidenten gewählt. Zwei Jahre nach Amtsantritt muss die Kirchgemeinde das Präsidium wieder neu besetzen. Schmidt gab Anfang Dezember bekannt, dass er an der Bürgerversammlung im Frühjahr 2018 sein Amt niederlegen wird. Ob es dann eine Kandidatur gibt, ist fraglich.

Hans Schmidt hatte sich vor der Wahl für die Gemeindeleitung keine Strategie zurechtgelegt. Es war Neugier, die Kirche von der Verwaltungsseite her kennenzulernen. Deshalb sei er auf die Anfrage des Verwaltungsrates hin angetreten, sagt der ­ausgebildete Theologe. In den 1980er-Jahren war er von Deutschland nach Widnau übersiedelt und begann dort seine etwa zwanzigjährige Laufbahn als Pastoralassistent. «Mir war vor zwei Jahren nicht bewusst, dass ich als Deutscher wählbar bin», sagt er. In Deutschland unterscheidet man zwischen aktivem und passivem Wahlrecht.

«Es steht bald eine Renovation der Kirche an», sagt Hans Schmidt. Die letzte Innensanierung liege dreissig bis vierzig Jahre zurück. «Blicke ich auf das Gebäude, frage ich mich: Welche Institution Kirche brauchen wir in fünfzig Jahren?» Sie sei auf dem Rückmarsch, verliere seit dreissig Jahren zunehmend an Bedeutung. «Kirche und Religion finden in der Gesellschaft praktisch nicht mehr statt.» Deshalb täte es Not, einen grossen Schritt zu wagen. Das aber bereite grosse Mühe.

Hans Schmidt hätte die Kirchgemeinde und Pfarrei gerne mit den Seelsorgern entwickelt. Ihm sei aber nur der äusserliche Rahmen geblieben wie die Sanierung des Gotteshauses. Ausserdem konzentriere sich sein Vollzeitpensum als Religionslehrer an der Kantonsschule Sargans auf drei Tage. Deshalb habe er für systematische Arbeit in der Kirchgemeinde nur zwei Tage zur Verfügung und kann E-Mails manchmal nicht schnell genug beantworten.

Kein Scherbenhaufen, nur angefangene Prozesse

«Die anstehende Arbeit übersteigt meine Fähigkeit», sagt Schmidt selbstkritisch. «Die Kirchbürger erwarten mehr von mir, als ich erbringen kann. Das überfordert mich.» Körperliche Symptome folgten. «Ich kämpfe gegen meinen Körper und erfülle doch nicht die Erwartungen.» Die Erkenntnis, weniger schaffen zu können, als er gedacht hatte, veranlasste ihn, den Schlussstrich rechtzeitig zu ziehen. «Ich wollte Problemlöser sein und bin Teil des Problems.»

Einen Scherbenhaufen hinterlasse er nicht, lediglich angefangene Prozesse, sagt der scheidende Präsident. Im Februar lädt er mit dem Verwaltungsrat zu einer Orientierung ein. Dann informiert er detailliert über die geplante Renovation des Pfarrhauses, das für pastorale Zwecke nutzbar gemacht werden soll. Weiter thematisiert Hans Schmidt die Suche nach seiner Nachfolge. Er nennt es ein Di­lemma, selbst aus Überforderung zurückzutreten und einem po­tenziellen Kandidaten das Amt schmackhaft zu machen. «Die Person kann aber auf ein funktionsfähiges Team zählen.» Denn die seit zwei Jahren im Rat vakanten Sitze werden mit einer Pflegerin und einem Bauchef per März 2018 besetzt. Versäumt habe er, einen Hauswart als Ergänzung der Mesmerin einzustellen.

Sollten alle Kandidatengespräche nicht fruchten und an der Bürgerversammlung kein Präsident gewählt werden, wird der Administrationsrat voraussichtlich einen Kurator einsetzen. Bleibt das Präsidium auch nach einiger Zeit vakant, werden eine Auflösung der Kirchgemeinde und eine Fusion mit einer anderen in Betracht gezogen. «Das Szenario zu vermeiden, war der Grund meiner Kandidatur. Ich wollte dazu beitragen, die Selbstständigkeit der Kirchgemeinde zu bewahren», sagt Schmidt.


Leserkommentare

Anzeige: