Ein Mauerblümchen soll erwachen

RHEINTAL ⋅ Der Tourismus, da sind sich viele einig, spielt im Rheintal keine grosse Rolle. Thomas Kirchhofer, seit diesem Sommer Direktor von St. Gallen-Bodensee Tourismus, sieht das anders. Er möchte hier etwas bewegen.
29. Dezember 2017, 05:21
Remo Zollinger

Remo Zollinger

Die touristischen Sehenswürdigkeiten des Rheintals sind rasch aufgezählt. Die Altstadt Altstättens mag einige Touristen hierhin locken, die Kristallhöhle Kobelwald, vielleicht noch die Festung Heldsberg in St. Margrethen.

Ein grösserer Leuchtturm aber fehlt. Die bestehenden Attraktionen nutzen vor allem die, die hier wohnen. Und es sind eher Naherholungsgebiete als Sehenswürdigkeiten. Der Alte Rhein in Diepoldsau ist ein Beispiel dafür, oder der Höhenwanderweg.

Das Rheintal versteht sich als Wirtschaftsregion

Das Rheintal versteht sich nicht als Tourismusregion. Sabina Saggioro, Leiterin Standortmarketing des Vereins St. Galler Rheintal (VSGR), sagt: «Das Rheintal ist eine Wirtschaftsregion. Und zwar die stärkste des Kantons.» Als solche positioniert der VSGR das Tal. Der Verein hat das Ziel, Leute hierhin zu locken – allerdings Arbeitnehmer, qualifizierte Fachkräfte, nicht Touristen.

Dass das Rheintal sich als Wirtschaftsregion versteht, weiss Thomas Kirchhofer. Er ist seit einem halben Jahr Direktor von St. Gallen-Bodensee Tourismus und wohnt seither in Altstätten. Sein Umzug ins Rheintal war eine pragmatische Entscheidung: «Meine Partnerin arbeitet in Triesen, ich in St. Gallen».

Er habe selbst noch wenig ­Bezug zum Rheintal aufbauen können. «Es heisst ja, die Altstätter seien böse, könnten ganz gut streiten», sagt der St. Galler. Der Diskurs um die autofreie Marktgasse, das Hallenbad oder die Hochwassersperre im Tobelbach mögen dies zementieren. Wohl fühlt er sich im Städtli aber trotzdem, «und zwar sehr.»

Nur zwei Wahlkreise haben weniger Logiernächte

Dem 51-Jährigen ist nicht ent­gangen, dass wenige Touristen das Rheintal besuchen. Nur zwei St. Galler Wahlkreise hatten 2016 weniger Logiernächte: Werdenberg und Rorschach. Die Anzahl Nächte betrug im Rheintal 52788 – an der Spitze steht das Sarganserland mit 285388, gefolgt von der Stadt St. Gallen mit 263698.

Thomas Kirchhofer möchte dies ändern, genauso wie es die Rebsteiner Tourismusfachfrau Sibylle Graf wollte, die im Juni ein regionales Tourismusbüro für das Rheintal vorgeschlagen hatte. Alles sei da, es brauche nur noch jemanden, der den Leuten zeigt, was sie machen könnten, sagte sie damals dieser Zeitung. Erfolg hatte sie nicht: Ein Tourismusbüro gibt’s weiterhin nicht, der VSGR ist weiterhin der Meinung, seine knappen Mittel seien im Standortmarketing besser angelegt als im Tourismus.

Egal ist der Tourismus dem VSGR aber nicht. Gleich in seinem ersten Monat bei St. Gallen-Bodensee-Tourismus wurde Thomas Kirchhofer von Sabina Saggioro kontaktiert, es gibt Gespräche.

Viele kleine Juwelen, aber auch noch kleine Bedeutung

Thomas Kirchhofer bezeichnet das Rheintal als hochattraktiv. «Es gibt so viele kleine Juwelen hier, trotzdem ist das Rheintal keine bedeutende Reiseregion. Wir müssen daran arbeiten, dass der Tourismus im Rheintal die Bedeutung bekommt, die er verdient», sagt er.

Es gehe jetzt um den Aufbau eines Angebots; darum, herauszufinden, was es hier überhaupt gibt und was sich wie vermarkten lässt. Ein Zweig hat es dem Tourismusdirektor besonders angetan: Die Weinbaugebiete. Hier möchte Thomas Kirchhofer aktiv werden, etwa mit Führungen oder speziellen Anlässen. Dies sei noch genauer herauszuarbeiten, aber er verspricht: «Da erwacht etwas.»

Schliesslich fügt Thomas Kirchhofer an, die Bezeichnungen Wirtschafts- und ein Tourismusraum würden sich nicht grundsätzlich gegenseitig ausschliessen. Denn: «Geschäftstourismus ist auch Tourismus.»


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