Das «Credo» steht auf der Kippe

REGION ⋅
02. Februar 2017, 07:32
SERAINA HESS
Das Credo Fairplay ist nicht in Stein gemeisselt. Und das ist sein grösstes Problem. Lehrbetriebe sind nicht gezwungen, nach den vom Arbeitgeberverband (AGV) erarbeiteten Leitsätzen zu handeln. Auch drohen keine Sanktionen, wenn ein unterschriebener Vertrag nicht eingehalten wird.

Das Credo entstand 2014, weil Lehrstellen immer früher vergeben wurden. Seit Jahren gibt es mehr Stellen als Schulabgänger. Der Resultat: Ein Wettstreit um die besten Schüler, der zu immer früheren Vertragsunterzeichnungen und dementsprechend auch zu einer verkürzten Berufswahl führt. Die Regeln des Credos sind simpel: Arbeitgeber verpflichten sich, ihre Lehrstellen nicht vor dem 1. September zu vergeben. Tagespraktika sind per Definition nur zum Kennenlernen eines Berufs gedacht, noch nicht zur Lehrlingsrekrutierung – und sie finden frühestens im ersten Semester der zweiten Oberstufe statt. Mehrtägige Schnupperlehren hingegen im zweiten Semester. Zeit für die Bewerbung soll den Schülern in den fünf Wochen Sommerferien bleiben.

Druck der Eltern fördert die Tendenz
Ob die Stelle nun vor oder nach den Ferien vergeben wird – also ein paar Wochen oder Monate früher oder später – mag einem Erwachsenen als völlig belanglos erscheinen. «Das ist es aber nicht», sagt Ralph Good, Schulleiter in Altstätten und Mitglied der Arbeitsgruppe. «Es ist eine Zeit, die für die Entscheidungsfindung wichtig ist.» Ausserdem sei die Berufswahl in der Schule auf die Lehrstellenvergabe im Herbst ausgerichtet – obschon manche Schüler bereits Bewerbungen schreiben, bevor sie das im Unterricht gelernt haben. «Der Druck der Eltern, die sich an anderen orientieren und meinen, ihr Kind müsse sich beeilen, fördert diese Tendenz», sagt Good. Der vom AGV festgelegte 1. September sei ohnehin nur ein Richtwert, um die Entwicklung aufzuhalten. Dem Kernteam wäre ein späterer Termin lieber gewesen. Doch das sei unrealistisch – allein, was sich an diesem Tag in den Klassenzimmern abspiele, sei Beweis dafür: «Es gibt Schüler, die erhalten schon früh morgens einen Anruf des potenziellen Arbeitgebers, teilweise mit der Aufforderung, sich gleich am Telefon zu entscheiden, ohne Bedenkfrist», sagt Good.

150 Firmen sind bis jetzt dabei
Es sind vor allem die grossen Rheintaler Industriebetriebe, selbst AGV-Mitglieder, die das Credo stützen und sich allesamt an die Vereinbarung halten. Insgesamt haben sich 150 Rheintaler Firmen dem Fairplay verschrieben – Unternehmen, die zusammen 1100 Lernende beschäftigen. Das klingt nach viel; allerdings bestehen zurzeit im gesamten Wahlkreis Rheintal etwa 2200 Lehrverhältnisse.

Zu gering sei der Rückhalt unter anderem bei Dienstleistern, die beliebte kaufmännische Ausbildungen anbieten – etwa bei  Versicherungen, aber auch bei Banken. Immerhin haben sich gemäss AGV vier von sechs im Rheintal ansässigen Banken dem Credo verschrieben. Die Credit Suisse verzichtete laut Pressestelle darauf, weil die regionale Lösung nicht greife: Die CS bildet in der Ostschweiz zwar 34 Lehrlinge aus, davon zwölf in St. Gallen, aber keine in Altstätten. Man halte sich an die Regelungen, die vor Ort mit den Platzbanken beschlossen werden; im Kanton St. Gallen beginne die Stellenvergabe nach den Sommerferien.

Die dreijährige Laufzeit der Credo-Vereinbarung auf ein Jahr verkürzt hat die St.Galler Kantonalbank (SGKB). Grundsätzlich habe das Unternehmen das Credo als sinnvoll erachtet, weshalb sich die Niederlassungen in Altstätten, Heerbrugg, Diepoldsau und St.Margrethen entschieden hätten, sich anzuschliessen, schreibt Mediensprecher Simon Netzle. «In der konkreten Umsetzung ergaben sich aber bald einmal Schwierigkeiten. Insbesondere mussten wir feststellen, dass sich nicht alle Rheintaler Unternehmen an das Credo halten.» Die SGKB nehme Bewerbungen frühestens ab dem 1. Juli entgegen, die ersten Bewerbungsgespräche würden erst nach den Ferien beginnen, die Zusagen erfolgten noch später. Ein erneuter Credo-Anschluss käme nur in Frage, «wenn die Ausgangslage für alle teilnehmenden Firmen innerhalb der Branche gleich wäre, sprich: sich alle Banken der Region daran beteiligen».

Credo fortführen oder einstampfen?
Eine grössere Lücke bildet das Gewerbe. Weil die meisten Kleinbetriebe das Credo nicht unterschrieben haben, lancierte der AGV im Frühling einen auf sie zugeschnittenen Info-Anlass, der auch durch die Gewerbevereine unterstützt wurde. «Das Interesse war ernüchternd klein», sagt AGV-Präsidentin Brigitte Lüchinger. «Jeder ist sich selbst der nächste – dieses Motto kam definitiv zum Vorschein.» Aufgrund dieser Situation wägt die Arbeitsgruppe ab, ob am Credo festzuhalten sei. Die Verträge mit den teilnehmenden Firmen laufen dieses Jahr aus und müssten erneuert werden. «Wenn nicht mindestens die Mehrheit mitzieht, können wir die Sache abbrechen. Ohne Rückhalt und Solidarität geht es nicht weiter», sagt Lüchinger. Was der AGV zu unternehmen gedenkt, um dem drohenden Aus entgegenzuwirken, wird er den Lehrbetrieben nach einer nächsten Sitzung mitteilen.

Leserkommentare

Anzeige: