Ladensterben in der Ostschweiz: Ratlos in der Einkaufsmeile

OSTSCHWEIZ ⋅ Meldungen von Ladenschliessungen häufen sich in der Ostschweiz. Ein Grund für das neue Ladensterben ist der zunehmende Onlinehandel. Noch wissen die Detailhändler nicht, wie sie ihm begegnen sollen.
Aktualisiert: 
17.09.2017, 17:00
17. September 2017, 08:00
Kaspar Enz

Kaspar Enz

kaspar.enz

@ostschweiz-am-sonntag.ch

Dass seine Facebook-Seite so viel beachtet werde, hätte er nicht erwartet, sagt Pino Stinelli. Dabei dokumentiert der Geschäftsführer des St. Galler «Klang und Kleid» auf «Freie Ladenlokale St. Gallen» einen Niedergang: Ein Ladenlokal in der Stadt nach dem andern steht leer, «es dürften an die 200 sein». Der Einkaufstourismus hat dazu bei­getragen, aber auch vom Onlinehandel kommt Druck. Und im Internet machen sich die Grossen noch breiter als in den Einkaufsgassen. «Sie locken mit Gratisversand oder Gratis-Rückgaberecht. Das können sich kleine Läden kaum leisten», sagt Stinelli. Unterdessen sei ein Onlineshop zwar einfach aufzubauen. «Aber die Kunden müssen den auf Google auch finden können. Und auch das kostet.»

Google ist nicht mehr nur für den Onlinehandel wichtig. Das Internet steht längst am Anfang einer Kaufentscheidung, ob online oder nicht, sagt Thomas Rudolph, Leiter des Instituts für Handelsmanagement an der HSG. Es hat eben eine Studie zum E-Commerce her­ausgegeben. «Der Weg des Kunden ist länger geworden», sagt Rudolph: «Die Vielfalt im Internet löst eine gewisse Verunsicherung aus.» Die Kunden suchen nach Taktiken, um das Durcheinander im Netz zu umgehen. «Sie halten sich an Bewertungen oder fangen immer mit den gleichen Websites an, wie Amazon.» Auch deshalb dominierten grosse Anbieter den Onlinehandel. Und auch wer in die Stadt zum Shoppen geht, sucht erst im Internet nach Geschäften, die die gewünschten Produkte anbieten. Eine attraktive Präsenz im Internet sei deshalb unabdingbar. «Sonst wird ein Laden schlicht nicht berücksichtigt.»

Auf allen Kanälen

«Cross-Channel» heisst das Zauberwort der Branche: Wer Online und Laden geschickt verbindet, der gewinnt, ist man überzeugt. Deshalb eröffnen Online-Riesen auch Läden. Migros und Coop stürzen sich ins Internet, steigen bei Onlinehändlern ein und verbinden diese mit dem eigenen Filialnetz. Aber ein Patentrezept gibt es nicht, sagt Rudolph. «Und Einzelkämpfer haben es schwer.»

Wie kann man als traditioneller Detailhändler dagegen bestehen? «Das ist die Schlüsselfrage», sagt Erich Weber. Sein Mode Weber ist nicht so klein, er hat Läden in der ganzen Ostschweiz. Einen Onlineshop will er aber nicht eröffnen. «Die meisten Shops sind defizitär.» Das sei ein anderes Geschäft, es braucht eine andere Art von Logistik, eine andere Art von Marketing. Aber ums Netz kommt man nicht herum, das weiss Weber. «Wer heute einkaufen geht, orientiert sich vorher online.» Deshalb ist Mode Weber seit kurzem auf Instagram präsent. Die nächste Generation ist ins Geschäft eingestiegen, sie soll Mode Weber in den sozialen Medien bekannt machen.

Auch die Papeterie Markwalder setzt neue Produkte auf Facebook, Pinterest und Instagram in Szene. «Das Resultat ist schwer zu messen», sagt Geschäftsführer Ralph Bleuer. «Aber man muss auf allen Wegen versuchen, das rettende Ufer zu erreichen.» So hat die Papeterie auch einen Onlineshop für Büromaterial. Gerade Verbrauchsartikel kann man einfach und emotionslos per Klick einkaufen. Fluch und Segen zugleich. «Wir wollen nicht unserem stationären Geschäft schaden.» Denn im Laden kaufen Kunden noch spontan. «Trendartikel oder Geschenke, die im Internet schwer zu bekommen sind oder schlicht nicht wirken, laufen gut.» Aber auch im Internet winkt schon das schnelle Schnäppchen. «Die junge Generation entscheidet noch im Bett über den Kauf. Mancherorts wird es noch am gleichen Tag geliefert.» Das spüre man, sagt Bleuer, Präsident von Pro City, dem Verband der Detailhändler der Stadt St. Gallen. «Viele Läden merken Frequenzverluste.»

Manche Läden wollen deshalb mehr sein als nur ein Laden. Im Einkaufszentrum Webersbleiche, gegenüber den Läden von Mode Weber, gab es schon immer ein Café. Seit November heisst es «Weber’s», das Modehaus ist auch Wirt. Das Café soll die Leute von der Abwanderung ins Netz abhalten. «Man soll sich wohlfühlen bei uns. Man trifft sich, und bleibt so länger.» Und kauft mehr ein, hofft Weber. Er ist nicht der Erste in der Stadt. Auch die Papeterie zum Schiff oder die Buchhandlung Rösslitor bauten in den letzten Jahren Restaurants ein.

Ich bin auch eine Beiz

Bald werde fast jeder Laden auch eine Beiz sein, meint Pino Stinelli. Oder zumindest ein Erlebnis bieten. «Der klassische Laden ist ein Auslaufmodell.» Verkaufen die Läden nur austauschbare Ware, «gibt es keinen Grund mehr, irgendwo hinzugehen». Stinelli sieht die Entwicklung am eigenen Laden. Seit den 1990ern verkauft «Klang und Kleid» Platten und Plastikfiguren, es ist ein Kuriositätenkabinett der Popkultur. «Damals hatten wir Dinge, die sonst niemand hatte.» Noch vor Amazon zog man einen Onlineshop auf, um diese Raritäten zu verkaufen. «Heute findet man das alles im Internet, wenn man ein bisschen sucht.» Mit Grosshandel hält sich «Klang und Kleid» zwar gut.

Dabei gibt es immer noch Leute, die Läden eröffnen. «Stoff & So» hat seit gestern eine Filiale in Zürich, zwei Jahre nachdem Mariella Huber mit Sandra Naef den Laden in St. Gallen eröffnete. Davor war er ein reiner Onlineshop. «Das spart Kosten», sagt Huber. Sie führte den Shop vom Keller aus. Aber «es ging immer darum, einen Laden zu führen, mit Bezug zu den Kunden». Sie wollte einen schönen Stoffladen, der die Stoffe hatte, die in den anderen Läden kaum zu finden waren. «Pastellfarben statt Neon, und keine Zwergli», sagt sie. Stoffe, aus denen sie auch für die eigenen Kinder nähen würde. Sie war wohl nicht die Einzige. Vor allem über Facebook verbreitete sie ihr Angebot. Und schneller als erwartet konnte sie den Laden beziehen. «Aber noch heute ist der Umsatz online grösser als im Laden.»

Das würde Thomas Rudolph nicht erstaunen. «In der Nische gibt es Chancen für kleine Anbieter.» Mit Dienstleistungen, hochwertigen und einzigartigen Produkten und Spezialwissen könnten sich kleine Läden noch abheben. Für alle anderen werde es schwierig. Auch deshalb, weil immer mehr Hersteller mit eigenen Onlineshops dem Handel Konkurrenz machen. Dabei habe das Ladensterben noch gar nicht richtig begonnen. «Wenn Amazon in den Schweizer Markt kommt, wird es für viele Anbieter deutlich schwieriger werden.»

Pino Stinelli stimmt die Entwicklung der Branche traurig. «Früher war am Samstagnachmittag in der Multergasse kein Durchkommen.» Doch er will nicht nur schwarzmalen. «Die Hausbesitzer merken, dass die Mieten sinken müssen.» Vielleicht könne die Stadt Regeln lockern oder bei Bewilligungen flexibler werden. Neue Ideen hätten es so leichter. Auch deshalb engagiert er sich beim städtischen Projekt «Zukunft St. Galler Innenstadt». Vielleicht bleibe die Altstadt dank guter Ideen am Leben. «In vielen Städten laufen Läden mit selbstproduzierten Dingen gut.» Massgeschneiderte Kleider wären ein Gegensatz zu H&M. Denn jedes leere Ladenlokal sei ein Platz für etwas Neues. «Ein Niedergang ist immer auch eine Chance.»


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