Übung im Toggenburg statt Ernstfall in Bondo

MILITÄRÜBUNG ⋅ Das Katastrophenhilfebataillon 23 übt seit Sonntagnacht im Toggenburg den Nothilfeeinsatz nach einem schweren Erdbeben. Lieber aber würden die 800 Soldaten im Bergell helfen.
06. September 2017, 07:26
Christoph Zweili

Christoph Zweili

christoph.zweili@tagblatt.ch

Die Armee hilft bei einem schweren Hochwasser. Sie hilft, selbst wenn Sterne vom Himmel fallen. Und sie arbeitet auch dann mit zivilen Kräften zusammen, wenn ein schweres Erdbeben die Grundlage für eine grosse Truppenübung bildet. Das Katastrophenhilfebataillon 23 übte als Teil der Territorialregion 4 schon am Alpenrhein (2013), bei einem fiktiven Meteoritenschwarm im Glarnerland (2015) und tut es noch bis zum 6. September im Toggenburg. Diese Szenarien sind für die Soldaten nichts Neues: Diesmal trifft Rathar, die Göttin aus der militärischen Fantasiewelt, auf ihren Gegenspieler Mythar: Sie soll Ordnung und Macht im beschaulichen Toggenburg wieder herstellen, er steht für das Chaos.

Auf rund einem Dutzend Plätzen üben 800 Soldaten den Einsatz zu Gunsten der Bevölkerung zwischen Kirchberg und Wildhaus, dies nach einem schweren Erdbeben mit einer Stärke von 6,1 auf der Richterskala, registriert am 31. August um 19.52 Uhr. In der Folge stürzen zahlreiche Häuser ein. Brände brechen aus. Infrastrukturen werden in Mitleidenschaft gezogen, Verkehrsträger sind blockiert. Die zivilen Einsatzkräfte stossen an ihre Grenzen, die Armee wird um Hilfe gebeten. Gestern kam es zu einem Nachbeben mit weiteren Schadenbildern in Bütschwil, das die Übungsanlage.

Im Toggenburg gibt es drei Erdbeben pro Jahr

Eine Erdbebenregion ist das Toggenburg nicht, rund drei Stösse pro Jahr registriert der Schweizerische Erdbebendienst an der ETH Zürich – bis zu 800 sind es schweizweit. Die Gefährdung ist im St. Galler Rheintal mit einem Untergrund aus Sedimenten wesentlich höher als hier im Bergtal. Ein Beben mit einer Magnitude von 6,1 ist äusserst selten – das letzte mit einer vergleichbaren Stärke hat sich vor 71 Jahren in Sion ereignet.

So plausibel das Beben-Szenario letztlich doch sein mag – es hat einen schalen Beigeschmack: Divisionär Hans-Peter Kellerhals hatte Mühe, seinen Soldaten zu begründen, warum im Toggenburg der Einsatz nach einem fiktiven ­Unglück geübt wird, während im Bergell die Menschen in Bondo nach schweren Bergstürzen, Schlammlawinen und Murgängen nicht zurück in ihre Häuser können. Kellerhals sagte gestern klar: «Wir hätten gerne in Bondo geholfen. Ich hätte die Übung hier sofort abgebrochen und wir wären in den Ernstfalleinsatz gegangen, wenn uns die Bündner Regierung nur angefordert hätte.»

Die Territorialregion 4 ist zwar nur das militärische Bindeglied zu den Kantonen St. Gallen, Thurgau, beiden Appenzell, Glarus, Schaffhausen und Zürich, aber es hat schweizweit jeweils nur ein Katastrophenhilfebataillon Dienst – im Moment das Bataillon 23. «Wir wären sofort einsetzbar gewesen und wir haben wegen Rathar doppelt so viel schweres Geniematerial in Rafz bereitstehen», sagt Kellerhals. Seine Aussage wird während des Truppenbesuchs mehrfach hinter vorgehaltener Hand bestätigt: Es fallen Aussagen, wie «politische Absicht», «man will in Bondo das einheimische Gewerbe schützen» oder «die Bündner Regierung will halt wiedergewählt werden und setzt daher nur zivile Kräfte ein». Für den Divisionär ist wichtig, dass die Rollenteilung zwischen zivilen Behörden und Militär trainiert wird: «Nur dann funktioniert sie im Ernstfall.»

Seit Sonntagnacht und bis am Mittwoch probt das Katastrophenhilfebataillon 23 der Armee im Toggenburg den Ernstfall. Simuliert wird ein Nothilfe-Einsatz nach einem schweren Erdbeben. (Bilder: Mareycke Frehner)

Jörg Köhler, Leiter Amt für Militär und Zivilschutz im Kanton St. Gallen, braucht kräftige Bilder in Erinnerung an die Grossereignisse im Weisstannen- und im Schilstal: «Wenn der Kantonale Führungsstab zum Einsatz kommt, ist es mit den Stuhlkreisdiskussionen vorbei. Dann müssen Pferdestärken auf den Boden.» Köhler schwört auf sein Rezept, ab und zu vom Lehrbuch abzuweichen und die Armee frühzeitig hinzuzuziehen: «Mit ihr braucht man nicht zu klötzlen, man kann klotzen.»

Vom Trümmerfeld zur Sanitätshilfsstelle in Wattwil

In Bütschwil demonstrierte das Kata­strophenhilfebataillon 23 das Absuchen, Orten, Öffnen und Bergen von mehreren Vermissten in einem instabilen Trümmerfeld, und das auch unter erschwerten Bedingungen mit Atemschutzgeräten in einer nicht atembaren Zone. Divisionär Kellerhals ist stolz auf seine Truppe: «Drei von vier kommen aus dem Bau- oder dem Baunebengewerbe. Die wissen genau, was sie tun.» Die geborgenen Verletzten wurden ins Spital Wattwil gebracht, wo sie in einer Sanitätshilfsstelle nach einer groben Beurteilung ärztlich versorgt wurden.

17 Objekte sind Teil der Übung, 12 davon dienen nachhaltig der Region: ­darunter ein abgebrochener Skilift in Hemberg, eine rückgebaute Strasse, ein gesprengter Damm oder eine sanierte Brücke am Thurweg in Krummenau. Auch beim Baumwipfelpfad im Erholungswald oberhalb Mogelsberg helfen die Bausappeure, Dachdecker und Zimmerleute mit. Die ersten WK-Soldaten haben die dicken Holzstützen fest im Boden verankert. Inzwischen sind auch die Brettschichtträger befestigt, und es wird die Fahrbahn verlegt, die an eine überdimensionierte Briobahn mit ihren 30- und 60-Grad-Kurven zwischen den Baumstämmen erinnert.

«Das ist zwar nicht die Kernkompetenz des Katastrophenhilfebataillons 23, aber die der Bausappeure», sagt Kellerhals. Bis Ende der Woche sollen die Böden fertig verlegt sein und, wenn möglich, auch die Dachpappe. Rathar ist eben nicht Bondo.


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