Postfaktische Gesichter wie Goldfische

FHS-ALUMNI ⋅ Der Networking-Tag 2017 war eine grandiose Tour d’Horizon zwischen alternden Körpern, Jugendwahn und dem Niederreissen biografischer Festungen. Der Eintrittspreis von 300 Franken wirkt für die 700 Gäste dabei geradezu günstig.
09. September 2017, 09:13
Michael Hasler

Michael Hasler

ostschweiz@tagblatt.ch

Es ist Freitagmittag, 13 Uhr, im Eingangsbereich der Olma-Messen 2.1 in St. Gallen. Und natürlich werden – ganz dem Credo des mittlerweile 13. Networking-­Tages folgend – ausufernd Hände gedrückt, Schultern geklopft, Umarmungen verschenkt und erste Visitenkarten getauscht. Mit 700 Gästen ist der Anlass gut besucht, trotz des Eintrittspreises von 300 Franken. Ein Grossteil der Gekommenen kennt sich schulisch bedingt: Sie gehören dem gast­gebenden Ehemaligen-Netz­werk der Fachhochschule St. Gallen (Alumni) an, waren einst in St. Gallen vereint und haben sich nun mehrheitlich in der Ostschweiz niedergelassen. Etwa jeder vierte Gast ist eine Frau – für eine Veranstaltung wie diese sei dies ein beachtlicher Wert – präzisiert Gastgeber Sigmar Willi von der FHS-Alumni-Leitung.

In der Halle selbst startet der Event grandios. FHS-Rektor Sebastian Wörwag gelingt es, den Song «Forever Young» von Alphaville rhetorisch so virtuos weiterzudenken, dass er bei der Bewusstwerdung der Endlichkeit jedes Moments einen ersten philosophischen Höhepunkt landet. Nun übernimmt Moderatorin Claudia Lässer, die charmanter, spontaner und deutlich besser ausgeleuchtet ist als bei vielen ihrer TV-Shows. Der Nachmittag ist grossartig lanciert, die Tontechnik sitzt, die Inszenierung ­gelingt und die durchdachte Dramaturgie nimmt ihre Spannungskurve in Angriff. Es ist der Start zu etwas, was man sich durchaus allabendlich als alternatives TV-Angebot wünschen würde: klug, herausfordernd, humorvoll, zuweilen kontradiktorisch, aber immer lustvoll.

Pathologisierung des Alterns

Möglicherweise würde die Quote beim schlauen Referat von Ute Frevert, Direktorin am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, etwas absinken. Denn ihr kulturhistorischer Überblick über den Stellenwert der Jugendlichkeit durch die Zeitepochen hindurch wirkt zuweilen etwas universitär. Und doch, ihre Aussage zur aktuellen «Pathologisierung des Alterns» in geradezu traumatischem Ausmass bleibt haften. Quotenträchtiger wäre wohl das gewohnt herrlich selbstverliebte Referat des Philosophen Phlipp Tingler, welches den Teilnehmenden nun höchste Konzen­tration abringt. In seinem wilden intellektuellen Ritt formuliert er unter anderem die kritische These, dass sich der Mensch der aktuellen Spätmoderne vom Schicksal verabschiedet habe und mehr und mehr zum Kreator seines Seins werde. Dabei strebe er ­quasi lebenslange Alterslosigkeit an. Weil Tingler Tingler ist, darf er in seiner Auslegung Botox- mit Goldfischgesichtern gleichsetzen und Sätze wie diese sagen: «Botox ist wie Photoshop im richtigen Leben. Wir bekommen damit sozusagen postfaktische Gesichter zu sehen.»

Sechs bis acht Jahre länger leben

Nach dem Vertiefungs-Talk hat Sigmar Willi satte 40 Minuten für die Pause eingeplant. Zeit fürs Networking, das artig stattfindet, aber nicht zentral wirkt. «Der Erfolg des Networking-Tages basiert sicher darauf, dass wir immer sozio-demokratisch relevante Themen suchen, die für alle Besucherinnen zugänglich sind», erklärt Sigmar Willi. Er ist überzeugt, dass der Event vor einigen Jahren seine ideale Form gefunden habe und aktuell mit rund 700 Gästen eine perfekte Grösse aufweise. Nach der Pause nähert sich Entwicklungspsychologin Pasqualina Perrig-Chiello dem Thema «Midlife Crisis» an und umschreibt jene Lebensphase als Kumulation biografischer Übergänge, die persönlich, partnerschaftlich, familiär und beruflich bedingt seien. Markiger dann der Input von Beat Villiger, dem vielleicht bekanntesten Arzt der Schweiz. Jener feuert ein pointenreiches Pamphlet für Lifestyle-Change, also mehr Bewegung, mediterrane Ernährung und mentale Fitness, ab. Und die Belohnung? «Leute, die so leben, werden sechs bis acht Jahre äl­ter und sind erwiesenermassen glücklicher», schliesst der mehrmalige Teamarzt der Schweizer Olympia-Delegation seinen Vortrag.

Netzwerken als Party

Das abschliessende Podium entscheidet zwar der erste demokratisch gewählte CEO der Schweiz, Marc Stoffel, insgesamt für sich. Doch die Pointe des Nachmittags landet Caroline Forster, CEO der Inter-Spitzen AG und Co-CEO der Forster-Rohner-Gruppe: «Mein Vater war ein klassischer Patron, also beispielsweise mit niemandem je per Du. Er ist auch heute noch öfters im Geschäft – okay, er ist eigentlich täglich im Geschäft. Ich hoffe, dass er dieses Podium nie sieht.» Schallendes Gelächter und Szenenapplaus. Es ist der Schlusspunkt des Nachmittags und der Startschuss für das Netzwerken. Jenes findet nun als ungezwungene Party gleich in der gegenüberliegenden Halle statt. Und die 300 Franken? Gut investiert – definitiv. Der eine oder andere TV-Macher sollte sich diesen Event einmal anschauen.


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