«Eine wirre Masse zerquetschter Knochen bleibt im Gesicht zurück»

LESEMARATHON ⋅ Schlaflose Nacht in der St.Galler Kantonsbibliothek: Im Rahmen des 11. Lateinischen Kulturmonats haben einige Verrückte während 24 Stunden das Hauptwerk des römischen Dichters Ovid vorgelesen – auf Lateinisch. Ein Anlass für echte Streber.
19. November 2017, 09:21
Odilia Hiller
Dies ist ein Artikel der «Ostschweiz am Sonntag». Die ganze Ausgabe lesen Sie hier: www.tagblatt.ch/epaper

Auf die Idee muss man erst einmal kommen. Zum mutmasslich ersten Mal in der Ostschweiz lesen eine Handvoll Lateinfreunde während 24 Stunden die gesamten Metamorphosen des römischen Dichters Ovid vor. 12 000 Verse in 15 Büchern – eine Parforceleistung. Der Anlass wird von kleinen Tanz-, Theater- und Gesangseinlagen begleitet. 

Manchmal sind 20, 30 Zuschauer da.  Zum Beispiel am Freitagabend um 23 Uhr. Zu diesem Zeitpunkt sind erst vier Stunden geschafft. Später, gegen zwei Uhr morgens, sind sie noch zu dritt. 

Die Besucher kommen und gehen, setzen sich im Treppenhaus der Kantonsbibliothek auf die Stufen. Hören mit, lesen nach, manche bewegen die Lippen im Rhythmus der Verse. Es ist kühl, unten gibt es Kaffee, Brötchen und Kuchen. Es fehlt der Wein, aber vielleicht gibt es den beim nächstes Mal. 

(Michel Canonica)

Wobei die Präsidentin des Vereins IXber St. Gallen, die Archäologin Regula Steinhauser, nach einer Nacht mit zwei Stunden Schlaf auf einem Mätteli irgendwo in der Vadiana am Samstag betont: «Das können wir nicht jedes Jahr machen. Die Organisation ist ein Riesnlupf.»

Warum sie das machen

Warum machen sie das? Einfach so. Weil der Verein IXber, der seit elf Jahren in St. Gallen den jährlichen lateinischen Kulturmonat organisiert, aus einer Handvoll Verrückter besteht, die fest daran glauben, dass die lateinische Sprache unters Volk gehört. Und dass die Römer viel lustiger und unterhaltsamer waren, als man gemeinhin glaubt. Weg vom verstaubten Image, hin zu einer lustvollen Annäherung – immer mit einem Augenzwinkern. 

Denn Humor, das hatten sie, die Römer. Allen voran Ovid, der wie kaum ein anderer alle möglichen menschlichen Schwächen in seine Verwandlungsgeschichten packt. Seine Ironie ist legendär, ebenso seine Lust an Witzen mit sexueller Konnotierung. Seine drastischen Schilderungen von Kampfhandlungen und Liebesgeschichten lassen in Sachen Action nichts zu wünschen übrig. «Eine wirre Masse zerquetschter Knochen bleibt in dem unkenntlichen Gesicht zurück», heisst es im «Kampf der Centauren», der in der Vadiana am Samstag kurz nach dem Mittag an der Reihe ist. 

«Bei den Römern tönte es oft weit schlimmer als auf unseren Pausenhöfen. Sie waren eben auch nur Menschen», sagt Regula Steinhauser. Der Verein will aufzeigen, dass Latein lebt und Spass machen kann – trotz der schwindenden Bereitschaft von Kindern und Eltern, sich damit auseinanderzusetzen. 

«Was du liebst, wirst du verlieren»

Gelesen wird abwechslungsweise. Es gibt einen Einsatzplan für all die Lateinlehrerinnen und -lehrer, Kantonsschülerinnen, Studenten und Historiker, die sich zum Vorlesen der Hexameter zur Verfügung stellen. Irgendwann gegen Mitternacht ergreifen fünf Schülerinnen und ein Schüler der Kanti Trogen das Wort. Sie haben sich Efeu ins Haar gebunden und lesen die berühmte Gesichte von Narziss, der sich unsterblich in sein Spiegelbild verliebt. 

Glücklicherweise projiziert ein Beamer die deutsche Übersetzung an die Wand. «Was du erstrebst ist nirgends; was du liebst, wirst du verlieren, sobald du dich abwendest. Was du siehst ist nur Schatten, nur Spiegelbild.» Quod amas, avertere, perdes! Nil habet ista sui; tecum venitque manetque... So klingt es bis in den Samstagabend. 24 Stunden lang. Am mit Abstand kultigsten Anlass des Wochenendes. Hoffentlich nicht zum letzten Mal. 
 

Wer Ovid war

Ovid (43 v. Chr. – circa 17 n. Chr.) war ein antiker römischer Dichter. Er zählt in der römischen Literaturgeschichte neben Horaz und Vergil zu den drei grossen Poeten der klassischen Epoche. Ovid schrieb in einer Frühphase Liebesgedichte, in einer mittleren Phase Sagenzyklen und in einer Spätphase KlageliederOvids gut erhaltenes Werk übte einen immensen Einfluss auf die Dichtung, die bildende Kunst und die Musik des Mittelalters und des Barock aus. In der Romantik ging der Einfluss zurück, lebte im späteren 19. Jahrhundert aber wieder auf. Ovids Werk hat sich in das kulturelle Gedächtnis der Nachwelt tief eingeprägt, besonders sein Hauptwerk, die Metamorphosen. Sie umfassen 15 Bücher mit jeweils 700 bis 900 Versen, also gesamthaft rund 12 000 Verse. Der Dichter erzählt 250 Verwandlungsgeschichten aus der antiken, vor allem der griechischen Mythologie, darunter Pyramus und Thisbe oder Dädalus und Ikarus. (oh)


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