Zur Mobile-Ansicht wechseln
Tagblatt Online
4. Januar 2016, 06:51 Uhr

«Wir zahlen den Preis der Globalisierung»

Die reformierte Kirche im Kanton St.Gallen erlebt den grössten Mitgliederschwund ihrer Geschichte. Die politische Relevanz der Kirche ist aber ungebrochen, sagt Kirchenratspräsident Martin Schmidt. Ein Gespräch über Kirchenaustritte, christliche Werte und Fundamentalismus.

ANDRI ROSTETTER

Herr Schmidt, Experten prophezeien der reformierten Kirche schwierige Zeiten. Beunruhigt Sie das?

Martin Schmidt: Nein, wir hören das ja schon seit Jahren. Der Religionssoziologe Jörg Stolz fasste die Zukunft der reformierten Kirche in seiner Studie von 2010 in drei Worten zusammen: ärmer, älter, kleiner. Wir verlieren im Kanton St. Gallen etwa 800 bis 900 Mitglieder pro Jahr. Mit 111 000 Mitgliedern sind wir in der Deutschschweiz nach Bern, Zürich und Aargau zwar noch die viertgrösste reformierte Kirche in der Schweiz. Im Verhältnis zur Wohnbevölkerung ist das zwar nicht einmal mehr ein Viertel, es lässt sich damit aber immer noch engagiert Kirche sein.

Die katholische Kirche hat ihre Anteile praktisch halten können.

Schmidt: Ja, vor allem dank der Zuwanderung. Für mich gibt es auch deshalb keine Alternative zur Ökumene. Allein kommen wir im Kanton auf 22 Prozent, miteinander auf 72 Prozent. Es gibt aber auch Stimmen, die sagen, die Relevanz einer Kirche misst sich nicht an ihrer Grösse, sondern an ihren Impulsen für die Gesellschaft.

Kann die reformierte Kirche diese Impulse noch geben?

Schmidt: Ja, die evangelische Kirche ist immer wieder durch ihre Inhalte wahrgenommen worden. In der Umsetzung hilft uns dabei die Struktur. St. Gallen ist der einzige Kanton, in dem der politische Kanton, das katholische Bistum und die reformierte Kirche deckungsgleich sind. Das ist ein grosser Vorteil.

Inwiefern?

Schmidt: Wir haben hier sehr kurze Wege. Wenn wir ein Problem mit dem Religionsunterricht haben, wie jüngst mit der Integration in den Lehrplan 21, dann gehe ich zu Bildungschef Stefan Kölliker. Wenn ich ein Problem mit der Seelsorge oder der Palliative Care in den Spitälern habe, gehe ich zu Gesundheitschefin Heidi Hanselmann. Der Bischof von Basel hat zehn Kantone als Partner, der Bischof von Chur sieben. Sie können nicht so verhandeln wie wir.

Ein strategischer Vorteil?

Schmidt: Genau. Wir können so auch als kleiner werdende Kirche Politik machen. Und das merkt man auch. Wenn man in einem freundlichen, aber beharrlichen Ton seine Anliegen kompetent vorbringt, wird man gehört.

Die Politik hört auf Sie?

Schmidt: Ja. Dazu gehört aber eine gewisse Hartnäckigkeit und Verhandlungsgeschick. Man darf als Kirchenratspräsident nicht meinen, mit ein bisschen Repräsentieren und Festpredigten halten sei es getan. Aber letztlich sind wir ja immer noch eine gesellschaftlich wichtige Grösse und übernehmen Verantwortung. Das ist auch Standortförderung.

Wie meinen Sie das?

Schmidt: Eine Kirche ist auch ein Arbeitgeber. Gerade in kleinen Gemeinden fällt das ins Gewicht. Hinzu kommt unsere Funktion als soziales Netzwerk. Wir kümmern uns – neben der Verkündigung – um die ethisch-religiöse Bildung, den kirchlichen Sozialdienst, um die Seelsorge in Spitälern, Kliniken und Gefängnissen, um die Betreuung in der Diakonie, in der Jugendarbeit, in den Heimen, im Asylwesen.

Sie spüren also nach wie vor eine grosse Akzeptanz?

Schmidt: Ja. Es gibt so etwas wie gesellschaftliches Einvernehmen, dass die Kirchen nicht nur für das private Seelenheil sorgen, sondern wichtige gesellschaftliche Aufgaben wahrnehmen. Die Kantone Graubünden, Schaffhausen und Zürich haben über die Abschaffung der Kirchensteuer für Unternehmen abstimmt. Das Ergebnis war ziemlich deutlich. Sogar Leute, die schon längst aus der Kirche ausgetreten waren, haben dagegen gestimmt, weil sie der Kirche etwas zutrauen.

Eigentlich eine absurde Situation.

Schmidt: Jedenfalls zeigt das, dass die Tätigkeiten der Kirche nach wie vor enorm geschätzt werden. Zu denken gibt mir, dass es immer mehr Leute gibt, die das zwar schätzen, aber nicht mehr bereit sind, solidarisch für diese Kirche einzustehen, gerade auch finanziell.

Sie können die Kirchenaustritte nicht nachvollziehen?

Schmidt: Natürlich kann man aus der Kirche austreten. Ich sage nicht, dass dies nicht möglich sein darf. Ich finde es aber doch interessant, dass die meisten Austritte vor allem dann kommen, wenn die Steuererklärung ins Haus flattert. Da überlegen sich dann einige, ob sie bleiben wollen oder nicht. Klar, viele Steuerberater weisen heute auch auf das Sparpotenzial bei der Kirchensteuer hin. Die Generation, die jetzt austritt, das sind die Jahrgänge um 1980, 1990. Diese tun uns heute finanziell noch nicht weh. Aber die werden in 10, 15 Jahren sechsstellige Gehälter verdienen. Das wird sicher eine Herausforderung.

Weil Ihnen Einnahmen fehlen?

Schmidt: Nicht nur. Wir müssen uns auch darauf gefasst machen, dass diese dann trotzdem in der Kirche heiraten oder ihre Kinder taufen wollen. Darauf müssen wir eine Antwort finden. Ich glaube, die Zahl jener, die von der Kirche nichts mehr erwarten, wird nicht unbedingt kleiner. Wir müssen flexibler werden und auch über unsere Angebote und Organisationsformen nachdenken.

Apropos Ökumene: Wie kommen Sie mit Bischof Markus Büchel zurecht?

Schmidt: Ich schätze ihn vor allem menschlich sehr. Wer sich mit Bischof Markus Büchel nicht versteht, muss sich fragen, ob es nicht an ihm selber liegt. Wir denken aber auch inhaltlich ähnlich über die Chancen und die Zukunft unserer Kirchen. Ich bin in erster Linie Christ, also kein stark konfessionell denkender Mensch, sondern ein überzeugter Ökumeniker. Die Zusammenarbeit mit der katholischen Kirche ist hervorragend. Das war schon unter meinen Vorgängern so. Viele Erfolge waren nur zusammen mit der katholischen Kirche möglich, etwa der Religions- und Ethikunterricht im Lehrplan 21 oder die Organisation der Seelsorge in den Spitälern.

Gibt es Dinge, um die Sie den Bischof beneiden?

Schmidt: Tauschen würde ich sicher nicht, dafür bin ich zu gern verheiratet. Aber ich habe es schwerer, wenn ich etwas erreichen will. Als reformierter Kirchenratspräsident kommt man in der medialen Wahrnehmung immer nach dem Bischof. Damit muss man sich versöhnen.

Steht Ihnen die katholische Kirche näher als die reformierten Freikirchen?

Schmidt: Auf kantonaler Ebene steht uns die katholische Kirche näher, weil wir institutionell und strukturell viel mehr Gemeinsamkeiten haben. In den Gemeinden kommt es auf die Personen an. Es gibt Pfarrerinnen und Pfarrer, die vor Ort mehr mit den Freikirchen zusammenarbeiten. Einige von ihnen werfen der reformierten Kirche vor, dass sie an Profil verloren hat und versuchen so, Gegensteuer zu geben.

Ist diese Kritik berechtigt?

Schmidt: Ja, teilweise sicher. Eine Kirchenvorsteherschaft kann in ihrer Sitzung Stunden darüber diskutieren, wo der Veloständer beim Kirchgemeindehaus hinkommt. Wie man die Kirche inhaltlich weiterbringt, darüber wird aber nicht geredet. Diese Zeit und Energie müssen wir aber aufbringen. Wir müssen sagen, wofür wir als evangelische Kirchgemeinden stehen und warum es uns braucht.

Christliche Werte werden immer gefragt sein?

Schmidt: Das denke ich. Ein aktuelles Beispiel ist die Flüchtlingskrise. Auf einmal haben alle angefangen, christlich zu argumentieren und sich mit den Christen in Syrien zu solidarisieren. «Die Welt» hat sogar geschrieben, die Flüchtlingskrise sei die grosse Chance für die Kirchen. Das ist schon fast zynisch. Aber wir müssen uns tatsächlich fragen, ob wir uns hier in der Schweiz selber geschwächt haben, indem wir gerade jene Institution geschwächt haben, die für unsere grundlegenden Werte steht.

Gerade die Flüchtlingskrise hat aber gezeigt, dass es mit christlichen Werten oft nicht weit her ist.

Schmidt: Die Angst vor dem Fremden ist das fehlende Selbstbewusstsein, die eigene Schwäche. Wenn ich sicher bin, was meine Werte und meinen Glauben angeht, dann kann ich offen und gelassen mit dem Fremden umgehen. Die Frage ist, ob wir als Kirchen dazu beitragen können, diese Identität wieder zu stärken. Wenn sich eine Kirche nicht mehr gesellschaftspolitisch äussern kann, ist sie tot. Oder sie ist nur noch eine Freikirche.

Gleichzeitig sind in der Debatte um den islamischen Fundamentalismus alle Religionen in Misskredit geraten. Religiöse Werte sind verdächtig geworden.

Schmidt: So ist es. Der Schatten des Fundamentalismus fällt auf alle Religionen. Wir müssen deshalb dem Islam helfen, in der Gesellschaft anzukommen und eine Religion zu werden, die respektiert wird.

Mit welchen Rezepten?

Schmidt: Wir können zum Beispiel kein Interesse daran haben, dass der islamische Religionsunterricht in irgendwelchen Hinterhöfen stattfindet. Wir müssen die Moslems aus der Isolation herausholen. Wir dürfen nicht vergessen: Auch uns ging es einmal so. Im Dreissigjährigen Krieg zogen wir gegeneinander los, Hunderttausende Christen sind damals gefallen. Und es ist noch gar nicht lange her, da durfte ein Reformierter keine Katholikin heiraten.

Das Christentum hat aber eine Aufklärung hinter sich.

Schmidt: Das stimmt und dahinter wollen wir auch nicht mehr zurück. Das Christentum ist die Religion, die die Aufklärung wohl am besten integriert hat. Aber wir zahlen damit auch den Preis der Globalisierung. Ich kann nicht erwarten, dass meine Produkte, meine Firmen und mein Geld in der ganzen Welt sind, die Menschen aber schön an ihren Orten bleiben. Dass dies Konflikte mit sich bringt, das ist keine Frage. Aber wir können die Zäune noch so hoch machen, die Entwicklung können wir nicht stoppen. Die Globalisierung lässt sich auch bei der Migration nicht aufhalten. Und da müssen wir zeigen, wer wir sind, was uns verbindet und wie wir unsere Identität stärken. Dafür braucht es die Kirchen, darauf hat die säkulare Gesellschaft alleine keine Antwort.



Kommentar schreiben

Um Beiträge schreiben zu können, müssen Sie eingeloggt sein.
Noch keinen Zugang? Jetzt kostenlos registrieren.



Anzeige:

Anzeige:

Anzeige:

ostjob.ch  STELLENSUCHE

Ostschweizer Trauerportal

tagblatt.ch / leserbilder

FACEBOOK.COM /TAGBLATT