Tagblatt Online, 10. Juli 2012 11:13:00
Wenn Patienten zu Tode stürzen
Patienten haben den Drang nach Bewegung - nicht alle können aber unbegleitet auf dem Spitalgang unterwegs sein. (Bild: Archiv/Keystone)
Alt Bundesrat Leon Schlumpf und Schauspielerin Silvia Reize verbindet dasselbe Schicksal: Sie sind im Spital gestürzt und gestorben. Stürze von Patienten sind auch in der Ostschweiz ein Dauerthema, selbst wenn es nur ganz selten zum Schlimmsten kommt.
Daniel Walt
«Leider kommt es immer wieder vor, dass Patienten in Heimen oder im Spital stürzen. Meist tragen sie zum Glück nur Verletzungen davon – es gibt aber auch Fälle, die schlimm ausgehen.» Das sagt Margrit Kessler, Präsidentin der Stiftung SPO Patientenschutz und Nationalrätin des Kantons St.Gallen. Sie erinnert sich an einen besonders tragischen Fall, der sich in einem Pflegeheim zutrug: Eine Bewohnerin verlor das Gleichgewicht, verhedderte sich mit ihrem Nachthemd an einem Gegenstand und erstickte qualvoll. Schlagzeilen machten dieser Tage alt Bundesrat Leon Schlumpf sowie Schauspielerin Silvia Reize: Beide starben, nachdem sie im Spital gestürzt waren. Auf ähnliche Art zu Tode kam Schauspieler Walo Lüönd: Er stürzte in seinem Tessiner Alterssitz, zog sich einen schweren Oberschenkelhalsbruch zu und verstarb dann im Spital an einer Lungenentzündung.Jeder Sturz wird erfasst
Wie viele Menschen sterben in unserem Land an den direkten oder indirekten Folgen eines Sturzes in Spitälern? Eine offizielle Statistik zu diesem Thema gibt es nicht. Wie wichtig die Problematik aber ist, zeigt sich daran, dass Stürze in den Ostschweizer Spitälern systematisch erfasst werden. Im Kantonsspital St.Gallen dafür zuständig ist Barbara Schoop, stellvertretende Leiterin Entwicklung Pflege. «Wir zählten im vergangenen Jahr im stationären Bereich bei insgesamt fast 35'000 Patienten 913 Stürze. Das entspricht einem Wert von 3,5 Stürzen pro 1000 Pflegetage», hält sie fest. Rund 60 Prozent der Stürze verlaufen laut Schoop glücklicherweise verletzungsfrei. Bei rund zehn Fällen pro Jahr aber kommt es zu schweren Verletzungen. Komplikationen mit Todesfolge, beispielsweise durch eine notwendig gewordene Operation, sind laut Schoop die absolute Ausnahme.
Risiken einschätzen
Ziel des Kantonsspitals St.Gallen ist es, schwere Stürze zu verhindern. «Deshalb schätzen wir Risikopatienten systematisch auf ihr Sturzrisiko ein», sagt Barbara Schoop. Dabei wird unter anderem analysiert, welche spezifischen Risikofaktoren bestehen. Daraus werden gezielte Massnahmen für die Patienten abgeleitet, beispielsweise das Benutzen von Gehhilfen, Physiotherapie, Gehtraining oder vermehrte Beobachtung durch die Pflegenden. Generell betont Barbara Schoop, dass das Sturzrisiko für kranke Menschen nicht nur im Spital, sondern auch daheim bestehe.
Massnahmen treffen
Agnes König, Pflegedirektorin des Kantonsspitals im thurgauischen Münsterlingen, betont, dass die wenigsten Menschen unmittelbar nach einem Sturz sterben. Wenn es zum Schlimmsten komme, seien meistens Komplikationen dafür verantwortlich, so beispielsweise eine Lungenentzündung aufgrund einer aus dem Sturz resultierenden Immobilität. In Münsterlingen wird seit über zehn Jahren eine Sturzstatistik geführt – sie zeigt eine rückläufige Tendenz auf. So stürzten im Jahr 2011 194 von insgesamt 13'000 Patienten – 66 weniger als ein Jahr zuvor. Das entspricht 2,3 Stürzen pro 1000 Pflegetage. Auch in Münsterlingen wird das Sturzrisiko eintretender Patienten abgeschätzt, um individuelle Massnahmen zu deren Schutz treffen zu können. Diese reichen von Gehtraining und -hilfen über Hüftschutze bis zu Bettsocken mit Noppen. «Unser Ziel ist: Es darf keine wiederholten Stürze geben – und da sind wir auf einem guten Weg», hält Agnes König fest.
Gefahrenherde eliminieren
Das Spital Herisau verzeichnet laut Tino Müller, Leiter Pflege, im Schnitt drei Patientenstürze pro Monat. Hochgerechnet auf das laufende Jahr entspricht dies einem Wert von rund 1,8 Stürzen pro 1000 Pflegetage. «Jeder Sturz wird erfasst», hält auch Müller fest. Damit es möglichst nicht zu Unfällen der Patienten kommt, achtet das Spital Herisau darauf, Gefahrenherde soweit als möglich zu eliminieren. So wird beispielsweise darauf geachtet, dass die Beleuchtung gut ist und keine Gegenstände in den Zimmern oder auf den Gängen am Boden herumliegen. Im Aufbau begriffen ist laut Tino Müller das systematische Evaluieren der Sturzgefährdung von Patienten, wenn diese ins Spital eintreten. Generell pflege das Spital einen offenen Umgang mit dem Thema, die Mitarbeitenden besuchten regelmässig Schulungen und Informationsanlässe, sagt er.
Die Frage nach der Verantwortung
Allen Vorsichtsmassnahmen zum Trotz: Es kann vorkommen, dass Menschen in Spitälern stürzen und an den direkten oder indirekten Folgen sterben. Wer trägt dann die Verantwortung? Für Patientenschützerin Margrit Kessler ist klar: «Im Normalfall sind Heime und Spitäler nicht haftbar. Die Institutionen tun ihr Möglichstes, um solche Unglücksfälle zu verhindern.» Nur in Einzelfällen komme es vor, dass eine Sicherheitsmassnahme vergessen gegangen oder einem Patienten zu viel zugemutet worden sei. Ereignet sich der Sturz allerdings auf einer Intensivstation, hat für Margrit Kessler das Spital seine Sorgfaltspflicht verletzt. «Und solche Fälle gibt es leider immer noch», hält sie fest.
Matte löst Alarm aus
Es gibt Patienten, die trotz eindringlicher Warnungen alleine aufstehen – entweder weil sie sich überschätzen oder kognitiv eingeschränkt sind und die Anordnungen nicht verstehen. Wie gehen die Spitäler mit dieser Thematik um? Barbara Schoop vom Kantonsspital St.Gallen spricht von einer Gratwanderung zwischen der Würde beziehungsweise der Autonomie der Patienten sowie deren Schutz: «Grundsätzlich gilt es, den Menschen als autonom und mündig zu betrachten und das Bedürfnis nach freier Bewegung zu respektieren.» Es gebe aber Situationen, bei denen doch Bettgitter angebracht werden müssten - «obwohl auch sie keine Garantie für Sturzfreiheit darstellen und es Patienten gibt, die sogar diese zu übersteigen versuchen und sich dabei noch schlimmer verletzen. Als zweite Variante nennt Schoop das Pflegen der Patienten auf einer Matratze am Boden, was für die Mitarbeitenden aber eine grosse Herausforderung darstelle. In allen befragten Ostschweizer Spitälern gute Dienste leisten Sensormatten oder –balken. Sie werden beim Bett von besonders sturzgefährdeten Menschen positioniert. Versucht der Patient, sein Bett zu verlassen, wird ein Alarm ausgelöst. (dwa)
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