Tagblatt Online, 11. Mai 2012 06:17:00
Vom Berggasthaus in die Baracke
Die Wellauer-Baracken in Zuzwils Industriequartier sollen im Herbst einem Neubau weichen. Bis dahin können sie die St. Galler Gemeinden als Unterkunft für 50 Asylsuchende nutzen. (Bild: Mario Fuchs)
ZUZWIL. Im Berggasthaus Girlen in Ebnat-Kappel wohnen ab Mitte Mai wieder Touristen. Die jetzt einquartierten 50 Asylbewerber zügeln nach Zuzwil. Die St. Galler Gemeindepräsidenten haben eine neue Lösung für vier bis fünf Monate gefunden.
MARIO FUCHS
Elf Tage: So lange wohnen 50 Asylbewerber noch im Berggasthaus Girlen oberhalb Ebnat-Kappel. Am 22. Mai wird gezügelt, vom Toggenburg ins Fürstenland. In Zuzwil, einer Gemeinde mit 4600 Einwohnern, fünf Autominuten östlich der Stadt Wil, beziehen sie eine neue Unterkunft. Die Lösung ist erneut befristet, diesmal auf «rund vier bis fünf Monate». Das schreibt die Vereinigung St. Galler Gemeindepräsidenten (VSGP) gestern in einer Medienmitteilung.
Alte Saisonnier-Unterkunft
Untergebracht werden die Asylbewerber in der ehemaligen Baracke Wellauer. Einst wohnten darin Saisonniers des namengebenden Frauenfelder Tiefbauunternehmens. Bereits vor zehn Jahren bot die Gemeinde Flüchtlingen, damals aus dem Jugoslawien-Krieg, am gleichen Ort ein temporäres Zuhause. «Sehr skeptisch» habe die Bevölkerung damals reagiert, erinnert sich alt Gemeindepräsident Hermann Fässler. «Aber es gab keine Zwischenfälle, die Angst war unbegründet.»
«Der Druck nimmt nicht ab»
Jetzt hofft Gemeindepräsident Roland Hardegger, dass sich die Geschichte wiederholt. Den Puls der Gemeindebevölkerung wird er am nächsten Montag an einem öffentlichen Informationsanlass fühlen können. Für ihn ist klar: «Wir müssen solidarisch denken.» Seit Monaten hatte die VSGP nach einer Anschlusslösung für die Unterbringung auf dem Girlen gesucht – und dabei auch in Zuzwil angeklopft. Hardegger hatte die alte Baracke noch im Hinterkopf, und wusste, dass der private Eigentümer auf dem Grundstück einen Neubau plant. Dann ging's schnell, wie Hardegger berichtet: «Vor einer Woche fragte ich beim Eigentümer an, am Montag besprachen wir uns mit der VSGP und am Dienstag unterzeichneten die zwei Parteien den Vertrag.»
Für den VSGP-Präsidenten Beat Tinner ein Idealfall: «Infrastrukturen, die bereits bestehen, sollen genutzt werden», sagt er. Jede Möglichkeit müsse geprüft werden. Einen Vertrag schliesse die VSGP aber nur dann ab, wenn die betroffene Gemeinde die Lösung mittrage. Die Zahl der Einreisenden nehme nicht ab und der Druck auf die Kantone und letztlich die Gemeinden entsprechend zu. Deshalb ist für Beat Tinner klar: «Man muss prüfen, ob der Kanton ein weiteres Durchgangszentrum eröffnen kann.» Auch die VSGP prüfe laufend neue Angebote. Diese erhalte sie mittlerweile nicht mehr nur von Gemeinden, sondern auch von Privaten.
24 Stunden betreut
Die Baracke in Zuzwil habe eine «sinnvolle, überschaubare Grösse». Wohnen werden darin nach Auskunft von Gemeindepräsident Roland Hardegger Asylbewerber aus Libyen, Syrien, Tunesien, Marokko und Russland. Dabei handle es sich grösstenteils um Dublin-Fälle, die bereits in einem anderen europäischen Land um Asyl ersucht hatten und auf ihre Ausweisung ins Erstaufnahmeland warten. Sie werden während 24 Stunden betreut. Diese Aufgabe übernimmt eine von der VSGP beauftragte Betreiberin, die ABS Betreuungsservice AG aus Pratteln.
Die «rund vier bis fünf Monate», die als Frist für die temporäre Unterkunft festgelegt wurden, richten sich nach der Erteilung der Baubewilligung für den geplanten Industriebau. Das Baugesuch liegt der Gemeinde noch nicht vor. Bevor die Asylbewerber einziehen, wird die Baracke inwendig erneuert. Wasser- oder Gasanschluss etwa sind vorhanden, nicht aber Kabelfernsehen.
- Artikel empfehlen:








Kommentar lesen
diethelm (11. Mai 2012, 16:48)
Verdienstvoll
Ich finde es sehr positiv, dass der Gemeinedepräsident von Zuzwil Hand zu einer Lösung bietet, anstatt nach dem üblichen St.Florians-Prinzip zu handeln.
Beitrag kommentierenKommentar schreiben