Zur Mobile-Ansicht wechseln
Tagblatt Online
24. Februar 2016, 08:52 Uhr

Todesfall wirft Fragen auf

Diese Zeilen an den verstorbenen Philipp Wissmann sind im St.Galler Tagblatt vom Mittwoch erschienen. Zoom

Diese Zeilen an den verstorbenen Philipp Wissmann sind im St.Galler Tagblatt vom Mittwoch erschienen. (Bild: pd)

Eine St.Galler Arztfamilie kann nicht begreifen, warum die Staatsanwaltschaft nach dem Tod ihres Sohnes im August 2015 keine Untersuchung einleitete. Sie glaubt, dass er einer Straftat zum Opfer gefallen ist.

Marcel Elsener

Ein Inserat in der heutigen Ausgabe unserer Zeitung ist so aussergewöhnlich wie der tragische Todesfall, den es thematisiert: Aufgemacht wie eine Todesanzeige und adressiert als persönlicher Brief, will es die monatelange Ungewissheit einer trauernden Familie noch ein letztes Mal in Worte fassen. Und vor allem das Unverständnis der Hinterbliebenen für ein gängiges Vorgehen im Kanton St.Gallen publik machen.

Tot aufgefunden
"Wir haben wirklich alles versucht, das Geschehene aufzuklären", schreibt die St.Galler Familie Wissmann an ihren Sohn Philipp Wissmann, der am 2. August 2015 tot aufgefunden wurde – erst 30 Jahre alt und kurz vor seinem Stellenantritt als Assistenzarzt an der Klinik für Anästesiologie/Intensivmedizin am Kantonsspital St.Gallen.

Laut dem veröffentlichten Schreiben der Familie hatten damals "die Polizei und der Gerichtsmediziner eine Untersuchung gefordert", die der diensthabende Staatsanwalt allerdings ablehnte. Daraufhin veranlasste die Arztfamilie selber eine Autopsie, die im Blut des Toten Gammahydroxybutyrat zu Tage förderte – auch bekannt unter dem Drogenkürzel GHB oder KO-Tropfen. Der Chef des St.Galler Instituts für Rechtsmedizin habe beim Ersten Staatsanwalt vergeblich um eine Untersuchung angefragt. Auch die Familie selber erhielt einen entsprechenden abschlägigen Bescheid: "keine Untersuchung".

"Alles versucht"
Die ungeklärten Umstände haben den Kummer von Margret und Ruedi Wissmann verlängert und nagen bis heute. Sie glauben, dass ihr Sohn "einer Straftat zum Opfer gefallen ist", wie sie im Inserat schreiben. "Doch in St.Gallen liegt die Entscheidungsgewalt alleine beim Staatsanwalt, darüber zu befinden, ob ein aussergewöhnlicher Todesfall untersucht wird oder nicht." Sie hätten alles versucht herauszufinden, was genau am 1. und 2. August geschehen sei, heisst es im Brief an den verstorbenen Sohn weiter. "Wir wurden nicht in die Abklärung des Todesfalls einbezogen. Man hat uns nicht befragt, deine Wohnung und die Umgebung nicht untersucht." Und selbst die im Körper nachgewiesenen KO-Tropfen seien für den Staatsanwalt kein Grund für eine Abklärung gewesen. "Wir wissen, dass du die KO-Tropfen nicht selber einnehmen wolltest. Wir wissen auch, dass du nicht sterben wolltest."

Auf Ostfriedhof beerdigt
Ihren öffentlichen Brief wollen die Eltern auf Anfrage nicht weiter kommentieren. Die Beerdigung ihres Sohnes, der in Innsbruck studiert hatte, fand am 14. August unter grosser Anteilnahme auf dem Ostfriedhof statt. Im Kantonsspital, wo er eine Stelle als Assistenzarzt antreten sollte, war Philipp Wissmann bereits im Winter 2014/15 als Unterassistent tätig gewesen. Wenn sie an die Medien hätten gelangen wollen, hätten sie das bereits damals im Spätsommer getan, sagt seine Mutter Margrit Wissmann. Dass sie den Fall nun über ein halbes Jahr später doch noch publik machen, sei "um abzuschliessen" und um zu verhindern, dass "so etwas weiterhin passiert". Doch mehr wolle sie nicht dazu sagen, auch gemäss Absprache mit der ganzen Familie.

Erklärung der Staatsanwaltschaft
Die St.Galler Staatsanwaltschaft kommentiert einen aussergewöhnlichen Todesfall aus Pietätsgründen in der Regel nicht, wie ihr Mediensprecher Roman Dobler auf Anfrage sagt. Aufgrund der nun publizierten Vorwürfe im Fall Wissmann sieht sie sich allerdings zu Erklärungen gezwungen. Staatsanwaltschafts-Sprecher Dobler verweist zunächst auf das Verfahren bei aussergewöhnlichen Todesfällen, bei denen Fremdeinwirkung nicht ausgeschlossen werden kann: Wenn eine Person tot aufgefunden wird, muss ein Arzt eine Leichenschau vornehmen und eine Todesbescheinigung ausfüllen. Kommt der Arzt zur Erkenntnis, dass es sich um einen natürlichen Todesfall handelt, werden die Strafverfolgungsbehörden nicht informiert.

Wenn er hingegen zum Schluss kommt, dass es sich um einen unklaren oder nicht-natürlichen Todesfall (Unfall, Suizid, Delikt) handelt, erfolgt eine Meldung an die Polizei oder die Staatsanwaltschaft St.Gallen. Die Staatsanwaltschaft ordnet in diesen Fällen eine sogenannte Legalinspektion vor Ort durch einen sachverständigen Arzt an; in der Stadtregion St.Gallen ist dies meist ein Mitarbeiter des Instituts für Rechtsmedizin. Auch trifft die Polizei Abklärungen, ob Hinweise auf ein Delikt bestehen (z.B. Anzeichen für einen Kampf). Wenn nach diesen Untersuchungen keine Hinweise auf eine Straftat bestehen, gibt die Staatsanwaltschaft - in Rücksprache mit der Polizei und dem Arzt vor Ort - die Leiche zur Bestattung frei. Andernfalls ordnet sie eine Obduktion an. "Es braucht folglich positive Anhaltspunkte dafür, dass eine Dritteinwirkung zum Tod geführt hat. Nur dann darf die Staatsanwaltschaft eine Obduktion anordnen", erklärt Dobler.  

"Keine Hinweise auf Dritteinwirkung"
Zu den in der heutigen Todesanzeige gemachten Vorwürfen teilt der Medienbeauftragte der St.Galler Staatsanwaltschaft schriftlich mit: "Die Fundsituation des Leichnams lieferte keinen Hinweis auf eine Dritteinwirkung. Konkrete Angaben zur Fundsituation machen wir nicht. Dies, weil die Staatsanwaltschaft in aussergewöhnlichen Todesfällen grundsätzlich aus Rücksicht auf die Angehörigen keine Mitteilungen macht (auch wenn diese Vorwürfe gegen die Staatsanwaltschaft erheben)." Die am Fundort durchgeführte Legalinspektion durch einen Rechtsmediziner habe "keine Hinweise auf eine Dritteinwirkung ergeben", schreibt Dobler weiter. Und auch im vorliegenden Fall habe "die Polizei nach Spuren gesucht, die für einen gewaltsamen Tod sprechen können. Sie hat allerdings keine solchen Spuren gefunden."

Aus den genannten Gründen habe die Staatsanwaltschaft keine Obduktion angeordnet. Die von den Eltern des Verstorbenen veranlasste Autopsie habe "ebenfalls keinen Hinweis auf eine Dritteinwirkung" ergeben, teilt Roman Dobler mit. "Im Blut des Verstorbenen wurde Gammahydroyxbutyral (GHB) nachgewiesen. Es lag aber kein Hinweis darauf vor, dass der Person das GHB gegen ihren Willen verabreicht worden ist." Die Staatsanwaltschaft müsse nicht beweisen, dass ein Selbstverschulden vorliege, sondern dürfe "erst tätig werden, wenn sie konkrete Anhaltspunkte für ein Drittverschulden oder eine Straftat hat", stellt der Mediensprecher klar. "Dies war vorliegend nicht der Fall."


Kommentar schreiben

Um Beiträge schreiben zu können, müssen Sie eingeloggt sein.
Noch keinen Zugang? Jetzt kostenlos registrieren.



alvin (25. Februar 2016, 08:06)
ko tropfen und suizid???

wie bitte? suizid und ko tropfen?
ich weiss st.gallen will sparen auf teufel komm raus aber das ist doch wirklich übertrieben
mann kann nur hoffen das die ermittlungen im hintergrund weiterlaufen
übrigens können ko tropfen auch panik und angstzustände auslösen und sogar zu atemstillstand ,herzattacken führen,wo war er denn im ausgang ? man sollte doch versuchen zu rekonstruieren wo ihm die ko tropfen untergejubelt wurden

Beitrag kommentieren

Glorana (24. Februar 2016, 22:21)
St. Galler Arztfamilie

Zuerst spreche ich den Eltern mein aufrichtiges Beileid aus.

Der Staatsanwalt äusserte: "Kommt der Arzt zur Erkenntnis, dass es sich um einen natürlichen Todesfall handelt, werden die Strafverfolgungsbehörden nicht informiert." Dazu sei erläutert: "Eine Untersuchung der Universität Münster hatte vor Jahren geschätzt, dass in Deutschland pro Jahr 1200 Tötungsdelikte unentdeckt bleiben - (...)." (Quelle: Die Welt) Und: "Rechtsmediziner beklagen: Ärzte machen oft Fehler (...)." (SPIEGEL)
Noch etwas zu den KO-Tropfen (GHB): Diese Tropfen werden bei einem Verbrechen dem Opfer, wie man diversen Berichten entnehmen kann, heimlich verabreicht. GHB löst Willenlosigkeit und Betäubung aus. Und gemischt mit weiteren Drogen (wie z. B. LSD oder Phencyclidin) kommt der betreffende Mensch in einen furchtbaren Zustand. Vielleicht sollte nach diesen u. weiteren Drogen im (asservierten) Blut gesucht werden, wenn das GHB nicht freiwillig eingenommen wurde

Beitrag kommentieren

Glorana (24. Februar 2016, 21:36)
St. Galler Arztfamilie

Zuerst spreche ich den Eltern mein aufrichtiges Beileid aus.

Der St. Galler Staatsanwalt äusserte: "Kommt der Arzt zur Erkenntnis, dass es sich um einen natürlichen Todesfall handelt, werden die Strafverfolgungsbehörden nicht informiert." Dazu sei das Folgende erläutert: "Eine Untersuchung der Universität Münster hatte vor Jahren geschätzt, dass in Deutschland pro Jahr 1200 Tötungsdelikte unentdeckt bleiben - (...)." (Quelle: Die Welt)Und: "Rechtsmediziner beklagen: Ärzte machen oft Fehler (...)." (SPIEGEL)
Noch etwas zu den KO-Tropfen (GHB): Diese Tropfen werden bei einem Verbrechen dem Opfer, wie man diversen Berichten entnehmen kann, heimlich verabreicht. GHB löst Willenlosigkeit und Betäubung aus. Und gemischt mit weiteren Drogen (wie z. B. LSD oder Phencyclidin) kommt der betreffende Mensch in einen furchtbaren Zustand. Vielleicht sollte nach weiteren Drogen gesucht werden, wenn das GHB nicht freiwillig eingenommen wurde.

Beitrag kommentieren

Richard2 (24. Februar 2016, 21:04)
Gute Recherche?

Liebe Tagblatt-Redaktion, hoffentlich gibt es Journalisten bei euch, die fundiert recherchieren können – und allenfalls etwas Hell ins Dunkel dieser tragischen Geschichte bringen. Noch was: Schön, dass ihr eure Leserschaft zum Kommentieren einlädt. Noch schöner wäre, wenn ihr mit diskutiert und somit zeigt, dass euch unsere Kommentare auch wirklich interessiert.

Beitrag kommentieren

mecxx (24. Februar 2016, 18:47)
Vertuschen

Man wird den Eindruck nicht los, dass hier versucht wird etwas zu vertuschen. Was spricht denn gegen eine Obduktion, wenn ausgerechnet die Eltern das so wollen?

Beitrag kommentieren

diethelm (24. Februar 2016, 18:32)
Nicht nachvollziehbar!

Uns Ärzten wird immer wieder einmal vorgeworfen, wir würden nicht merken, wenn jemand nicht durch eine natürliche Ursache gestorben sei. Ein Arzt eines Pflegeheims in Luzern wurde sogar verurteilt, weil er nicht merkte, dass ein Pfleger Heimbewohner getötet hatte, obwohl das bei schwer Kranken Menschen nicht leicht zu merken ist.
Wenn aber Eltern ein Delikt vermuten und sogar eine Fremdsubstanz nachgewiesen wird, passiert nichts? Das ist nicht nachvollziehbar, zumal es offenbar keine Hinweise auf eine Suizidgefährdung gab und KO-Tropfen auch kein "übliches" Mittel für Suizid ist.

Beitrag kommentieren

chrigel66 (24. Februar 2016, 17:23)
nicht nur seltsam, sondern sehr seltsam

Was MICH an dieser Tragik beschäftigt, als Vater zweier Söhne, 30 und 28 Jahr alt ist die Mitteilung der St. Galler Staatsanwaltschaft:
"Die Fundsituation des Leichnams lieferte keinen Hinweis auf eine Dritteinwirkung. Konkrete Angaben zur Fundsituation machen wir nicht. Dies, weil die Staatsanwaltschaft in aussergewöhnlichen Todesfällen grundsätzlich aus Rücksicht auf die Angehörigen keine Mitteilungen macht (auch wenn diese Vorwürfe gegen die Staatsanwaltschaft erheben)."
Denn genau "aus Rücksicht auf die Angehörigen" wollte ICH JEDES DETAIL erfahren.
Denn MEINE Söhne und jeder andere Mensch ist KEINE Ware und auch nicht als solche zu behandeln.
"Konkrete Angaben zur Fundsituation" wollte ICH UNBEDINGT HABEN.
Dies zu erreichen, würde ich KEIN Hindernis und KEINE Aktion auslassen !
Das bin ICH und das WÜRDE ICH ERREICHEN !

Beitrag kommentieren

frieda (25. Februar 2016, 09:04)
Öffentlichkeit

Sorry, aber die Aussage des Staatsanwalts bezieht sich nicht darauf, was der Familie gesagt wird, sondern auf das, was der Öffentlichkeit mitgeteilt wird. Die Staatsanwaltschaft teilt solche Details nicht via Presse uns allen mit. Und das ist wohl tatsächlich auch im Sinne der Hinterbliebenen, oder?

Beitrag kommentieren

herculo (24. Februar 2016, 17:21)
Stazi-Anwaltschaft?

Logo. Die Stazis betätigen sich viel lieber als Hanfjäger. Dort gibt es mit viel weniger Aufwand viel mehr zu "verdienen", wie mit der Aufklärung eines mysteriösen Todesfalls. Mein Vertrauen in St. Galler Behörden ist bald dahin! Stichworte: Peter Roth, Ylenia Lenhard, Davide Limoncelli, etc etc

Beitrag kommentieren

fedex (24. Februar 2016, 19:34)
selten so ein Quatsch gelesen

Dass die Staatsanwaltschaft keine Obduktion veranlassen will, kann ich 'vom Schiff aus' ebenfalls nur schwer nachvollziehen. Ihre themafremde Aussage stimmt aber einfach nicht: Ebengenau der Erste Staatsanwalt befürwortet schon lange, Hanfbagatelldelikte im Ordnungsbussenverfahren abzuhandeln.

Beitrag kommentieren

Baumberger1 (24. Februar 2016, 16:58)
Obduktion auf eigene Kosten

Ist es nicht möglich, dass direkt Hinterbliebene eine Obduktion auf eigene Kosten veranlassen können?

Beitrag kommentieren

mecxx (24. Februar 2016, 16:56)
Vertuschen

Man wird den Eindruck nicht los, dass hier versucht wird etwas zu vertuschen. Was spricht denn gegen eine Obduktion, wenn ausgerechnet die Eltern das so wollen?

Beitrag kommentieren

blitz-idee (24. Februar 2016, 10:16)
Todesfall wirft Fragen auf

Als eifrige Krimi-TV-Zuschauerin erwecken diese tragischen Begebenheiten mein kriminalistisches Interesse.

Ich frage mich:

Wurde dieser junge Arzt "beseitigt", weil er etwas wusste und nicht schweigen konnte? Wieviel "Waren-Wert" hat ein so junger Mann, wenn er verstorben ist? (Entschuldigung, ich möchte nicht pietätlos erscheinen.)Was kostet eine Niere, Leber, Lunge etc? Könnten diese Summen nicht dazu beitragen, dass man dann eben halt nicht, oder nicht so genau, untersucht?

Ich entbiete diesen Eltern mein aufrichtiges Beileid. Ich fühle mit ihnen und hoffe, dass bald Licht in diesen ominösen "Fall" gebracht wird.

Beitrag kommentieren

hanskast (24. Februar 2016, 11:56)
@blitz-idee

Sie schauen offensichtlich viel Krimi's! Zu viel? Schnaps-Idee!

Beitrag kommentieren

frieda (24. Februar 2016, 10:53)
vergessen sie's

Vergessen Sie die Geschichte mit dem "Waren-Wert" - und zwar nicht nur, weil sie gegenüber den Eltern pietätlos ist. Sondern vor allem, weil sie gegenstandslos ist. Man hat den jungen Mann ja tot aufgefunden - da kann man keine Organe mehr entnehmen und transplantieren. Damit das möglich ist, muss jemand zwar hirntot sein, aber Kreislauf und Atmung müssen (maschinell) aufrecht erhalten werden. Nicht mehr durchblutete (also auch mit Sauerstoff versorgte) Organe sind tot und damit nicht mehr transplantierbar.

Beitrag kommentieren

Anzeige:

Anzeige:

Anzeige:

ostjob.ch  STELLENSUCHE

Ostschweizer Trauerportal

tagblatt.ch / leserbilder

FACEBOOK.COM /TAGBLATT