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Tagblatt Online, 17. August 2012 11:29:00

Spielplatz der neuen Ideen

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«Hier finde ich meine Ruhe»: Claude Diallo auf der East-River-Fähre in New York, im Hintergrund die Skyline des Quartiers Long Island City. (Bild: Roman Elsener)

Schon mit 13 Jahren wollte der St. Galler Claude Diallo Jazzmusiker werden. Heute lebt er in New York seinen Bubentraum. Zwischen Tournées durch Asien, Europa oder Südamerika wohnt der Pianist im boomenden Stadtteil Queens.

ROMAN ELSENER/NEW YORK

Der Club «Somethin' Jazz» in Midtown Manhattan ist nicht leicht zu finden. Das Lokal befindet sich an der 52. Strasse, im dritten Stock über einem Sushi-Restaurant. Einzig ein Schild auf dem Gehsteig macht darauf aufmerksam, dass hier feinster Jazz geboten wird, jeden Tag, aus aller Welt. Steve, der japanische Besitzer des Clubs, begrüsst alle Gäste persönlich, serviert Edamame-Bohnen zum Weisswein, dann deutet er nach vorne zu den Musikern. «He's good», sagt er und zeigt auf den schwarz gekleideten jungen Mann am Flügel, «very good.»

Jazz in Long Island City

Claude Diallo heisst der virtuose Pianist, der sich auf der Bühne in Begleitung eines Bassisten und eines Schlagzeugers in Höchstform spielt. Seine Finger gleiten immer schneller über die Tasten und lassen keinen Zweifel: Hier sitzt ein Talent am Klavier, einer, der nicht nur Jazzstandards mit eigenem Charakter interpretieren kann und mit Grössen wie dem Saxophonisten Andy McGhee oder der Sängerin Jennifer Hirsh Platten aufnimmt, sondern auch selber Musik schreibt, die Eingang in den Jazzkanon verdient. «LIC» etwa, ein rhythmisches, pulsierendes und verspieltes Instrumentalstück, das Claude für seine Lieblingsgegend in New York geschrieben hat: Die drei Buchstaben stehen für Long Island City.

Mit Opern aufgewachsen

Hier wohnt Claude, wenn er nicht auf Tournée ist, in Asien, Europa oder Südamerika. «In LIC finde ich meine Ruhe», sagt der 31-Jährige über das Quartier im boomenden New Yorker Stadtteil Queens, wo ein olympisches Dorf hätte entstehen sollen, hätte denn New York und nicht London die Zusage für die Spiele 2012 erhalten. Nun schiesst hier ein Hochhaus nach dem anderen aus dem Boden. Claude stört das nicht, er findet hinter der neuen Waterfront in den Gassen zwischen den roten Backsteinhäusern zahlreiche Cafés und freundliche Leute, die ihn auch wiedererkennen, wenn er mal ein Jahr weg war.

Die Heimat bleibt für Claude dennoch die Schweiz. In St. Gallen kam er als Sohn zweier Berufsmusiker zur Welt. «Ich habe viel Musik mit auf den Weg bekommen und, als ich jung war, oft Opern gehört», sagt Claude. Dennoch waren die Eltern keineswegs begeistert, als der junge Claude beschloss, auch als Musiker sein Glück zu versuchen. An die erste Berührung mit Jazz erinnert er sich genau: Er hörte den Pianisten Oscar Peterson, da war er 13jährig. «Das fesselte mich so sehr, dass ich nichts anderes mehr machte.» Mit 15 Jahren gründete er mit Kollegen eine Amateurband. «Wir konnten alle nicht Noten lesen und hatten keine Ahnung von Jazz. Es war aber eine schöne Zeit in St. Gallen. Wir waren eine ziemlich grosse Musikerclique, viele sind heute noch künstlerisch tätig.»

Am Berklee College studiert

Bald war ihm der Unterricht an der Jazzschule St. Gallen nicht mehr genug – er wollte in den USA, am Berklee College of Music in Boston, studieren, der ersten Adresse für Jazz. Dank einigen Schicksalsbegegnungen gelang es ihm, ein Stipendium zu bekommen, und er zog an die US-Ostküste. «Es gefiel mir in den USA so gut, dass ich beschloss, noch einen Schritt weiter zu gehen – nach New York», erinnert er sich. Dort liess sich Diallo zum Master ausbilden.

Nun musste eine Bescheinigung her, damit der Pianist länger in den USA bleiben durfte, das sogenannte O1-Visum, das es Personen mit besonderer Begabung erlaubt, in den USA zu arbeiten. «Es war ein extremer Aufwand – ein Albtraum, der sich aber lohnte», lacht er heute. «Es ist wie ein Traum, den ich mir mit 16 Jahren in den Kopf gesetzt habe und den ich jetzt leben kann.» In New York fand er einen Job als Musiklehrer und konnte gar zum Manager der Schule für Kinder zwischen 3 und 12 Jahren aufsteigen. «Bis dahin hatte ich keine Erfahrung mit dem Unterrichten von Kleinkindern, heute ist es eine meiner Spezialitäten, sie für Musik zu begeistern», sagt Diallo.

Auftritte in der Schweiz

Dafür will sich Diallo in Zukunft auch in der Schweiz einsetzen: «Im Kanton St. Gallen kann ein Kind erst ab neun Jahren Musikunterricht nehmen, weil dieser vorher nicht subventioniert ist. Ich hatte in New York aber drei- bis fünfjährige Kleinkinder, die sehr viel Talent zeigten und Freude hatten. Es ist schade, dass man in der Schweiz nicht erkennt, dass auch Kleinkinder schon Zugang zu Instrumenten haben sollten.» Was werden kann, wenn sich jemand mit allem Herz seinem Instrument widmet, beweist Claude selbst am besten. Im «Somethin' Jazz» in Midtown Manhattan greift der Pianist noch einmal in die Tasten, dann verhallt der letzte Ton. Claude dreht sich strahlend dem Publikum zu: «Thank you for listening!» Hören kann man den Mann derzeit auch in der Schweiz; er ist auf Tournée mit der preisgekrönten «Claude Diallo Situation» mit Massimo Buonanno am Schlagzeug und Laurent Salzard am Bass. Aber auch solo am Piano tritt er auf, in St. Gallen etwa heute abend um 20 Uhr im Katharinensaal und am 20. August in der Tonhalle.




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