Tagblatt Online, 11. Mai 2012 01:05:00
Kämpfer für die HSG
KOPF DES TAGES
Philipp Wellstein, Präsident der Studentenschaft Universität St. Gallen (Bild: Urs Bucher (Urs Bucher))
HSG-Absolventen werden Manager. So viel ist klar – oder? «Stimmt nicht», sagt Philipp Wellstein. Der Präsident der Studentenschaft muss es wissen. HSG-Absolventen werden auch Regisseure, Mönche oder eben Linienpiloten, so sein eigener Traumberuf. «Die Diversität macht den Stellenwert der Universität aus.» Und diesen sieht der 26-Jährige in Gefahr. Schuld daran sei die erneute Erhöhung der Studiengebühren, die das Sparpaket der Regierung vorsieht. «Die HSG verlangt von Schweizer Studierenden bald bis zu viermal mehr als andere Universitäten. Von Ausländern noch mehr – zusätzlich zum Währungskurs.» Die Selektion der Studenten müsse anhand des Könnens erfolgen, nicht anhand der finanziellen Ressourcen.
Am Strand für Prüfungen lernen
«Ich sehe die Chancengleichheit in Gefahr», sagt Wellstein. «Ohne Chancengleichheit würde ich selber wohl nicht hier studieren – historisch betrachtet.» Seine Urgrossväter mütterlicherseits waren Bauern im Zürcher Oberland. Er selber verdient sich sein Studium als Maitre de Cabine. Seine Lieblingsdestination: Cape Verde mit einer Woche Aufenthalt. An den Stränden des afrikanischen Inselstaates hat er so manche Prüfung vorbereitet. «Für mich der ideale Nebenjob», sagt er smart lächelnd. Für einen bodenständigen Typen wie ihn, kein Grund abzuheben. «Meine Eltern haben mir andere Normen und Werte vermittelt: Christliche und Stadt-Basler Werte.» Er meint Bescheidenheit, Demut, Sorgfalt – und Sparsamkeit. «Wir Studierenden sind bereit, unseren Teil zum Sparen beizutragen. Aber wir schauen nicht zu, wenn die Institution Universität St. Gallen zugrunde gerichtet wird.» Diese bedeutet ihm offensichtlich viel. Seine Antworten sind überlegt, aber leidenschaftlich: jede ein Plädoyer für die HSG. «Die erste Gebührenerhöhung haben wir hingenommen, weil die Politik Verbesserungen versprochen hat.» Dazu kommt es aber nicht, da die Regierung gleichzeitig mit der zweiten Erhöhung eine Verzichtsplanung in Lehre und Verwaltung vorsieht. «Die Politik bricht ihre Versprechen.» Konkret bedeuteten die Massnahmen, dass es immer weniger Professoren für immer mehr wohlhabende Studierende geben wird, erklärt er. Hinzu komme der Platzmangel. «Mich erinnert der Studienalltag an der HSG heute mehr an ein hektisches Aneignen von prüfungsrelevanten Inhalten und nicht mehr an ein kontinuierliches Wachsen.» Dieses Wachsen hat er selber geschätzt. «Die Universität hat mir viel gegeben. Ich konnte meine Persönlichkeit und meinen Intellekt entwickeln. Dafür bin ich dankbar.» Das sei für ihn auch der Auslöser gewesen, das Präsidium der Studentenschaft anzutreten. «Ich möchte der Institution und meinen Kommilitonen etwas zurückgeben.» Bevor er im Sommer sein Betriebswirtschaftsstudium abschliesst, will er sich deshalb für die HSG einsetzen.
In Bedeutungslosigkeit verfallen
«Die Uni steht vor einem Scheideweg», sagt Wellstein. Jetzt sei sie noch «super positioniert», konkurriere mit Barcelona, London, Mailand, Wien und Paris. Der Name «St. Gallen» werde in alle Himmelsrichtungen hinausgetragen und finde Beachtung. Jeder Franken, der in die Universität gesteckt werde, erziele ein Vielfaches an Wertschöpfung. «HSG-Absolventen wie Peter Spuhler schaffen zahlreiche Arbeitsplätze, stärken die Ostschweiz und das ganze Land.» Limitiere man die Universität weiter, werde sie auf diesem Niveau nicht bestehen können. «Ich möchte den Politiker treffen, der verantwortet, dass die HSG in Bedeutungslosigkeit verfällt», sagt er provokativ. Eine kleine, mittelmässige Universität würde wohl an Attraktivität verlieren, vielleicht sogar verschwinden. «Man muss langfristig investieren.» Träfe er besagten Politiker, würde er ihn durch die Uni führen. Er würde ihm ihre Errungenschaften zeigen. Würde ihm Studenten vorstellen, die nachts Züge reinigen, um sich das Studium zu finanzieren. Würde mit ihm überfüllte Vorlesungen besuchen. «Da müsste ich gar nicht mehr viel sagen.» Jeanette Herzog
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