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Tagblatt Online, 14. Juni 2012 12:02:00

«Jesus war kein Populist»

Vitus Huonder Zoom

Bischof Vitus Huonder: Seit 2007 ist der gebürtige Bündner und Absolvent der Klosterschule Disentis Bischof des Bistums Chur. (Bild: Urs Jaudas)

Im Bistum Chur herrscht Dauerstreit. Bischof Vitus Huonder fährt einen papsttreuen Kurs, verweigert Geschiedenen die Eucharistie und stärkt die Praxis der lateinischen Messe. Und er erwartet die Aussöhnung mit der Pius-Bruderschaft.

Bischof Huonder, der Vatikan wird von Vatileaks erschüttert. Warum ist das Herstellen von Transparenz durch die Veröffentlichung von Dokumenten für die Kirche gefährlich?

Bischof Vitus Huonder: In allen grossen Organisationen gibt es Lecks. Die Frage ist immer, wann die Schmerzgrenze erreicht wird, wann es den Betroffenen psychisch oder sozial schadet. Neben der Transparenz gibt es auch das Recht auf Vertraulichkeit und Datenschutz.

 

Im Bistum Chur ist es seit Jahren unruhig. Eben gab es massiven Protest gegen die Verweigerung der Eucharistie für geschiedene Wiederverheiratete. Wohin wollen Sie eigentlich mit Ihrem Bistum?

Huonder: Der Bischof hat die Verantwortung für das Glaubensleben in seinem Bistum. Alles, was ich publiziere, ist im Interesse der Glaubensverkündigung. Wir haben den Auftrag, das Evangelium von Jesus weiterzutragen.

 

Genau das sagen auch Seelsorger, die Sie massiv kritisieren.

Huonder: Ein Bischof redet nicht als einzelner, sondern ist verbunden mit der weltweiten Kirche, dem Papst und der Lehre der Kirche. Der Bischof ist der erste Lehrer seines Bistums, wie es auch das Zweite Vatikanische Konzil sagt.

 

Aber die Seelsorger gehorchen dem ersten Lehrer nicht mehr. Zumindest im Fall der Eucharistie für Geschiedene.

Huonder: Wichtig ist die katholische Identität. Zu sagen, was Lehre der Kirche ist. Mit dem Schreiben wollte ich Menschen zu Hilfe kommen, die durch ihre Lebensumstände in einer schwierigen Situation sind. Meine Intention ist, eine Seelsorge für solche Menschen aufzubauen und auch publik zu machen.

 

Bei den Menschen kommt aber an, dass sie ausgeschlossen werden.

Huonder: Wir haben den seelsorgerlichen Auftrag, solchen Menschen zu helfen, so dass sie ihre Bindung an die Kirche neu überdenken können. Seelsorge kann aber nur aufgrund der Glaubenslehre der Kirche geschehen.

Seelsorge könnte auch sein, wie in Basel, Geschiedene zur Eucharistie zuzulassen.

Huonder: Die Lehre der Kirche schützt die Unauflöslichkeit der Ehe. Das ist der allgemeine Grundsatz, der überall in der Kirche gilt. Der Umgang mit Scheidung gehört dann in die konkrete Seelsorge vor Ort.

 

Würde die Kirche nicht wieder populärer, wenn sie auf Menschen einginge?

Huonder: Ich bin da ganz bei Jesus, der kein Populist war und sich nie fragte, wie er die Botschaft anpassen muss, damit sie besser ankommt. Ihm ging es nur um die Wahrheit, ob sie gelegen oder ungelegen kam. Diese Haltung braucht es heute. Denn der Papst sagt, in Mitteleuropa gebe es in der Kirche mehr Bürokratie als missionarische Kraft.

 

Was ist die Lehre der Weltkirche, die Sie vertreten?

Huonder: Der katholische Glaube wurde im Zweiten Vatikanischen Konzil für die heutige Zeit neu lanciert. In diesen Dokumenten finden Sie die Tradition und deren Umsetzung für heute.

 

Also ein pluraler Katholizismus?

Huonder: Das Lehramt hat im Konzil verschiedene Aspekte des Glaubens neu formuliert. Das schliesst nicht aus, dass es nachher vertieftes Nachdenken mit verschiedenen Lösungsvorschlägen gibt.

 

Aber Chur will doch eine katholische Kirche, die stark hierarchisch geprägt ist.

Huonder: Die katholische Kirche versteht sich überall auf der Welt gleich. Ich will, dass sie auch in der Schweiz leben darf, wie es ihrem Wesen entspricht: hierarchisch, geleitet vom Papst und den Bischöfen. Das Konzil hat diese Ordnung nie in Frage gestellt.

Katholische Basisbewegungen kritisieren den Kurs der Stärkung der Hierarchie.

Huonder: Der Katholizismus kann sich in jede politische Situation und jede Eigenart eines Volkes hineinbegeben. Aber das kann zu Fragen führen, die man diskutieren muss.

 

Sie favorisieren Priester, welche die Messe lateinisch lesen. Ist das richtig?

Huonder: Ich bin nicht nur Bischof für das Bistum Chur, sondern mit dem Papst und allen Bischöfen verantwortlich für die Gesamtkirche. Ein einzelner Bischof muss auch das Gespür haben für alle Notwendigkeiten der Kirche.

 

Eine Notwendigkeit ist die Ausbildung von Priestern, die die lateinische Messe lesen?

Huonder: Der Heilige Vater hat das so entschieden, er hat grosse Schritte gemacht im Hinblick auf die überlieferte heilige Messe. Das respektiere ich und ich möchte, dass man dem gerecht wird.

 

Im Vatikan steht die Frage der Aussöhnung mit der sehr konservativen Pius-Bruderschaft an. Wie sehen Sie das?

Huonder: Die Pius-Bruderschaft hat seit Beginn der Amtszeit von Papst Benedikt XVI. ein grosses Vertrauen zu ihm. Er zeigte schon, bevor er Papst wurde, viel Verständnis für Fragen, welche die Bruderschaft beschäftigt. Diese suchten den Kontakt mit dem Papst und baten um Aufhebung der Exkommunikation.

 

Noch laufen Gespräche zur Frage der Aussöhnung. Welche Position vertreten Sie?

Huonder: Die Gespräche sind in einer abschliessenden Phase. Das scheint sehr positiv zu verlaufen, der Papst will wirklich die Einheit fördern und eine Brücke schlagen.

 

Auch mit der Pius-Bruderschaft?

Huonder: Ja.

 

Eine Einheit mit erzkonservativen Kräften, was zu einer Spaltung mit liberalen Katholiken führen könnte.

Huonder: Die Einheit der Kirche ist zu jeder Zeit ein Thema. Es wird immer ein Spektrum der Positionen geben, und darum muss der Heilige Vater versuchen, das wieder neu zu ordnen.

 

Im Zusammenhang mit dem als Holocaust-Leugner verurteilten Bischof der Bruderschaft, Richard Williamson, ging ein Aufschrei durch die Öffentlichkeit.

Huonder: Der Papst sieht die vielen Menschen aus der Bruderschaft, die ihren Glauben leben wollen. Die kann man nicht alle für die Person, Williamson, verantwortlich machen. Das wäre Sippenhaft.

 

Vom rechtsextremistischen Internetportal kreuz.net, das sich als «Katholische Nachrichten» bezeichnet, bekommen Sie regelmässig Applaus. Stört Sie das nicht?

Huonder: Wir haben uns klar distanziert von kreuz.net.

 

Der Applaus regt Sie nicht auf?

Huonder: Für mich ist wichtig, dass ich meine Aufgabe im Sinne der Bischofsweihe korrekt wahrnehme. Kann ich am Ende des Tages sagen, dass ich dies versucht habe, ist für mich die Welt in Ordnung.

 

Auf kreuz.net publiziert Priester Reto Nay aus Ihrem Bistum. Warum dulden Sie das?

Huonder: Grundsätzlich gilt auch für einen Priester die Meinungsfreiheit. Mir ist keine Publikation von Reto Nay aus meiner Zeit als Bischof bekannt. Es ist für einen Priester der Diözese Chur nicht angemessen, auf diesem Portal zu publizieren.

 

Was tun Sie, wenn Ihr Rückhalt im Bistum weiter schwindet?

Huonder: Ich spüre, dass viele Gläubige da sind, die erwarten, dass der Bischof von Chur so ist, wie er ist.

Interview: Daniel Klingenberg




Leser-Kommentare:
5 Beiträge

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unbekannt (19. Juni 2012, 11:00)
Wäre er doch einmal ein Hirte...

... dann würde der Bischof nicht sagen: sagen: "Ich bin da ganz bei Jesus, der kein Populist war und sich nie fragte, wie er die Botschaft anpassen muss", sondern er würde sein Kirchenvolk nach dem Beispiel des Gottessohnes fragen: "Was ist es, was ich dir tun soll?" (Lk 18,41).

Wie sonst will Bischof Huonder erfüllen, was er bei seiner Weihe versprochen
hat: den Verirrten als guter Hirte nachzugehen und sie zur Herde Christi zurückzuführen?

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has (17. Juni 2012, 07:52)
Hierarchie, Ausgrenzung + Liebesbotschaft

Im Zentrum des Christentums (wohl jeder Religion) soll doch die Liebe stehen + nicht irgendwelche Dogmen von Kirchenführern (Papst o.ä.).
Hierarchie + Ausgrenzung passen nicht zum Christentum (s.a. Jesus + Zöllner, Jesus + Ehebrecherin).

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diethelm (16. Juni 2012, 09:42)
Wer ist der Gastgeber?

Wer lädt uns ein zum Tisch des Herrn? Es ist Jesus selbst. Wie kommen wir Menschen dazu, zu bestimmen, welcher Mensch würdig ist, Jesu Einladung anzunehmen? Ich schlage vor, dass wir das Gott überlassen. Jesus hat übrigens sogar Judas zum Abendmahl zugelassen, obwohl dieser ihn kurz danach verraten hat.

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Delphin (14. Juni 2012, 15:00)
Ein treuer Diener seines Herrn

Die Bibel bestätigt das!
Mt 16.19/Die Zeichenforderung der Pharisäer.
19 Und ich will dir des Himmelsreichs Schlüssel geben: alles, was du auf Erden binden wirst, soll auch im Himmel gebunden sein, und alles, was du auf Erden lösen wirst, soll auch im Himmel los sein.

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unangan (14. Juni 2012, 13:44)
verweigert Geschiedenen die Eucharistie..!!!..

also... Herr Bischof Vitus Huonder..
Was sie Herr Bischof in "göttlicher Weisheit" bestimmen:, nämlich der Ausschluss von Geschiedenen aus den Sakramenten der kath. Kirche ist eine Arroganz die kaum zu unterbieten ist.
Denn die Ehe im christlichen Glauben, noch weniger die katholisch besiegelte Ehe, ist ein im Sinne der katholischen Sakramente:, ein Sakrament. Sondern nur im katholischen Kirchenrecht als Ehevertrag vorhanden.

Deshalb können Sie, Herr Bischof, Geschiedene nicht die Sakramenten der Kirche verweigern.
Da steht anscheinend das Kirchenrecht vor den "heiligen Sakramenten.

Umgekehrt ist des "Christen Pflicht"... auch die eines Bischofs von Chur und Umgebung...!!!...

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