Hickhack um Kleinwasserkraftwerke

Kleinwasserkraftwerke sind umstritten. Naturschützer kritisieren, den Betreibern der Anlagen gehe es nur um die Subventionen. Die Betreiber weisen die Vorwürfe zurück – und betonen die Vorteile.

17. März 2014, 02:34
Martin Rechsteiner

Der geplante Bau von drei Kleinwasserkraftwerken an den Toggenburger Thurfällen hat die Diskussionen rund um die Minikraftwerke an Flüssen wieder aufflammen lassen. Während Energiekonzerne und Kraftwerkbesitzer in den Anlagen einen wichtigen Pfeiler für die Produktion von nachhaltiger, sauberer Energie sehen, sprechen Umweltverbände von einer Zerstörung der Natur, die wenig Energiegewinn verspricht und viel kostet.

So haben sechs Umweltverbände aus dem Toggenburg gegen die von der St. Gallisch-Appenzellischen Kraftwerke AG (SAK) geplanten Kraftwerke protestiert. Das Konzessionsgesuch für den Bau der Anlagen an der Thur hat der Konzern bereits im Dezember beim kantonalen Amt für Umwelt und Energie (AFU) zur Prüfung eingereicht. In den nächsten Monaten werde ein Gespräch mit allen Beteiligten stattfinden, heisst es beim AFU. «Natürlich werden wir in dieser Sache die Umweltverbände einbeziehen, das wird aber über Jahre gehen», sagt Ralph Egeter, Leiter Projekte Strom SAK.

«Pure Ignoranz»

Wie verhandelbar der Bau der geplanten Kleinwasserkraftwerke aus Sicht von Umweltschützern ist, wird sich zeigen: «Der Bau dieser Kraftwerke im Toggenburg ist pure Ignoranz der Natur gegenüber», sagt Christian Meienberger von Pro Natura St. Gallen-Appenzell. Mit den Thurfällen zerstöre man ein «Filetstück» der Natur. «Die Wasserfälle würden zubetoniert, der Fluss zerstört», so der Umweltschützer. Er ist der Meinung, dass man, wenn man Wasserkraft nutzen wolle, entweder bestehende Anlagen sanieren oder Neubauten an Orten errichten solle, die «schon zerstört» seien, wie etwa betonierte Flussläufe.

«Überhaupt geht es den Betreibern von Kleinwasserkraftwerken nicht um die nachhaltige Energiegewinnung, sondern ums schnelle Geld, das sie durch die KEV erhalten», so Meienberger. Die KEV (Kostendeckende Einspeisevergütung) wird vom Bund an Kleinwasserkraftwerkbesitzer als Subvention bezahlt. Egeter von der SAK beteuert allerdings, dass sich der eigene finanzielle Aufwand für die kleinen Kraftwerke und die Einnahmen durch die KEV ziemlich genau die Waage hielten, «wirklich was zu verdienen gibt es da nicht».

Kein Sanierungsbedarf

«Bestehende Anlagen sind bei uns schon auf einem sehr modernen Stand, da lohnt sich das Sanieren nicht», sagt Egeter. Auch für die Wahl der Thurfälle als Produktionsstandort gibt es für ihn einen klaren Grund: «Wir möchten Kraftwerke an Standorten bauen, die geeignet sind für eine beträchtliche Stromproduktion.» Im Kanton St. Gallen erzeugen Kleinwasserkraftwerke 5 Prozent des Jahresstromverbrauchs. Das einzige Gross-wasserkraftwerk im Kanton – jenes der Kraftwerke Sarganserland AG – produziert allein 14 Prozent.

«Auf den ganzen Kanton gesehen sind 5 Prozent nicht viel, aber es ist ein Beitrag», sagt Egeter. Zudem wolle man bei der SAK für alle erneuerbaren Energiequellen – also Wind, Wasser, Biomasse und Sonne – Projekte realisieren. Auch Martin Bölli, Geschäftsleiter des Interessenverbands Schweizerischer Kleinkraftwerk-Besitzer (ISKB), sieht in Kleinwasserkraftwerken Vorteile: «Kleine Wasserkraftanlagen versorgen die Region mit Energie. Der Strom muss also nicht von weither transportiert werden.» So müsse unser Stromnetz nicht ständig ausgebaut werden, und die Belastung des bereits bestehenden Netzes könne verringert werden, so Bölli.

Auch er weist den Vorwurf der Subventionsjägerei zurück: «Die Wasserkraft ist zurzeit von allen erneuerbaren Energien die günstigste. Man darf nicht vergessen, dass Kleinwasserkraftwerke nach Ablauf der KEV nach 20 Jahren immer noch über 50 Jahre günstigen Strom produzieren.» Er räumt aber ein: «Natürlich gibt es auch schwarze Schafe, also Betreiber, die nur auf Subventionen aus sind. Aber die Kantone prüfen streng und sorgfältig, Betrüger fallen schnell auf.»

Für Gallus Cadonau, Geschäftsführer der Greina-Stiftung, bleibt es jedoch bei der Geldmacherei: «Kleinwasserkraftwerkbesitzer machen einfach keine Gewinnausweisung – und schon gibt es Geld.» Auch er kritisiert, dass bei den Minianlagen die Naturzerstörung gross, der Energiegewinn aber klein sei. «Statt in der Natur zu bauen, könnten wir das an unseren Häusern tun», sagt Cadonau. So seien etwa bessere Isolationen und Solarpanels an Hauswänden nicht nur effizienter, sondern zerstörten auch keine Landschaften.

Nicht nur umstrittene Projekte

Der Baubeginn der Kleinwasserkraftwerke an den Thurfällen wird sich, sofern vom Kanton bewilligt, wohl noch über einige Zeit hinauszögern – zu gegensätzlich sind alle verschiedenen Interessen. Es gibt aber auch Projekte, bei denen sich Umweltschützer und Betreiber einig wurden. Dazu gehört das Kraftwerk Berschnerbach bei Walenstadt. Auch der WWF Ostschweiz steht nun hinter dem Projekt, wie Geschäftsführer Martin Zimmermann sagt. «Aber bei der Thur werden wir mit allen Mitteln dagegen kämpfen.»


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