Direkte Links und Access Keys:

Tagblatt Online, 07. Mai 2012 07:10:00

Ermutigung zur Zivilcourage

Einweihung Paul Grüninger Brücke Zoom

Am Grenzübergang Diepoldsau-Hohenems enthüllen der gerettete Flüchtling Robert Kreutner und Grüninger-Tochter Ruth Roduner die Information zur Grüninger Brücke. (Bild: Urs Bucher)

DIEPOLDSAU. Die Brücke zwischen Diepoldsau und Hohenems heisst seit gestern Paul-Grüninger- Brücke. Politiker, Zeitzeugen und Historiker betonen vor 300 Personen die vorbildliche Zivilcourage des St. Galler Polizeichefs und anderer Flüchtlingsretter.

MARCEL ELSENER

Auf diesen Metern über dem Alten Rhein ging es um Leben oder Tod: «Erschiessen Sie mich, aber zurück gehe nicht!», rief die Mutter von Robert Kreutner dem Grenzwächter zu, als sie mit ihrem verletzten Mann und dem 20 Monate alten Sohn auf dem Weg durchs Wasser gefallen und aufgegriffen worden war.

Nun liest man mitten auf der unscheinbaren Grenzbrücke zwischen Diepoldsau und Hohenems: «In dankbarer Erinnerung an den St. Galler Polizeikommandanten Paul Grüninger, der an dieser Grenze 1938 und 1939 viele hundert Menschen vor der nationalsozialistischen Verfolgung rettete, indem er ihnen die Flucht in die Schweiz ermöglichte. Sein Name steht stellvertretend für die mutigen Frauen und Männer auf beiden Seiten der Grenze, die Flüchtlingen geholfen haben.» Eine Tafel erklärt in drei Sprachen – Deutsch, Englisch, Hebräisch – den Titel Paul Grüninger Brücke; Schilder beidseitig der Grenze benennen die bislang namenlose Brücke.

Verständnis ohne Uniform

Wohl liegt es am Ort, «an dieser Grenze», dass an diesem verregneten Sonntag mittag über 300 Menschen an der feierlichen Brückenbenennung teilnehmen – weit mehr als die Initianten von den grünen Parteien St. Gallens und Vorarlbergs erwartet haben. Zwar ist Grüninger international bereits mit Strassen, Plätzen und anderen Gedenkstätten geehrt worden, doch noch nie am Schauplatz des Geschehens im Rheintal. Umso berührender die Berichte von zwei noch lebenden Zeitzeugen: des erwähnten Robert Kreutner, der aus Zürich hergefahren ist, und des damals 14jährigen Erich Billig, der am Genfersee lebt und sich krankheitshalber von Grüninger-Historiker Stefan Keller vertreten lässt: Billig erinnert sich, wie ihm der Polizeichef, «nicht in Uniform», im St. Galler Büro «durch seine verständnisvolle Art die Angst nahm». Wie Kreutner hörte Billig das erlösende «Du kannst bleiben» und verdankt sein Leben einem Mann, der seine menschlichen Handlungen «selber mit Not und Verunglimpfung bezahlte»: «Für uns, die Geretteten, bleibt eine unbegleichbare Dankesschuld.»

Ihr Vater habe es nicht übers Herz gebracht, die täglich 20 bis 30 Personen Gesuchsteller in seinem Büro zurückzuschicken, sagt Grüningers heute 91jährige Tochter Ruth Roduner; die Nachkommen freue vor allem, dass «er sich nie schämte über seine Verurteilung, im Gegenteil stolz war und später wieder gleich gehandelt hätte».

«St. Gallen entschuldigt sich»

Die St. Galler Regierung habe sich «zu lange schwer getan, das geschehene Unrecht an dem sehr mutigen und uneigennützigen Mann wiedergutzumachen», würdigt Regierungsrat Willi Haag Grüningers Wirken: Der Kanton habe «keine gute Rolle gespielt» und wolle sich «nochmals entschuldigen». Jede Behörde, jeder Mensch, so Haag, sei «letztlich verantwortlich dafür, was er tut, aber auch, was er nicht tut.»

Für den Vorarlberger Landesrat Rainer Gögele ist Grüninger mit seiner «angstfrei gelebten Nächstenliebe» ein Vorbild für Zivilcourage; ähnliche Worte findet der Hohenemser Bürgermeister Richard Amann, der an Schicksale wie das im Buch «Unerhörter Mut» des anwesenden Feldkircher Richters Alfons Dür erinnert. Von lokalen Fluchthelfern berichtet – wie der Diepoldsauer Gemeindepräsident Roland Wälter – der Direktor des jüdischen Museums Hohenems, Hanno Loewy, und spannt mit dem Hinweis auf damals beklagte «Überfremdung und Asylmissbrauch» den Bogen in die Gegenwart: «Der Skandal ist, Menschen zu retten.»

Ebenfalls in die Gegenwart zielen die Grussbotschaften des Denkstättenkuratoriums Oberschwaben zur NS-Dokumentation und des Baden-Württembergischen Landtags sowie des Flüchtlingshochkommissariats der Uno: «Dass Flüchtlingsschutz heute noch Zivilcourage braucht, ist schade. Wir brauchen viel mehr Leute wie Paul Grüninger.»

Die Veranstaltung endet mit dem Aufruf zu Mut und Menschlichkeit im Alltag, derweil auf der «Brücke der Dankbarkeit» ein Bläserquintett der Militärmusik Vorarlberg den Hauptmann-Grüninger-Marsch spielt, den Jakob d'Orange 1938 zu Ehren seines Retters komponiert hatte. Auf österreichischer Seite – weil die Militärmusiker im Dienst die Grenze nicht überschreiten dürfen.




Leser-Kommentare:
keine


Zu diesem Artikel sind keine Beiträge vorhanden.

Kommentar schreiben

Um Beiträge schreiben zu können, müssen Sie eingeloggt sein!

Um Inhalte kommentieren zu können, müssen Sie eingeloggt sein.

Noch keinen Zugang? Jetzt kostenlos registrieren!

Anzeige:

tagblatt.ch / leserbilder

facebook.com / tagblatt

 ...