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Tagblatt Online, 5. November 2012, 07:06 Uhr

Eine Frau mischt Stadt und Kanton auf

KOPF DES TAGES

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Erste Stadtpräsidentin Wils: Susanne Hartmann Gillessen. (Bild: Urs Bucher )


Sie lächelt freundlich, wirkt nahbar, gewinnend, aufmerksam, bedacht. Zugleich jung, frisch, dynamisch, aber auch zielstrebig, lösungsorientiert, auf Effizienz bedacht: Susanne Hartmann Gillessen. Die 42jährige Wilerin ist ausgebildete Primarlehrerin und Juristin, gegenwärtig als Rechtsanwältin im Rechtsdienst der Baudirektion des Kantons Zürich tätig. Nicht mehr lange allerdings: Per 1. Januar 2013 nimmt sie eine neue Herausforderung an: als erste Stadtpräsidentin in der Geschichte Wils und zugleich als erste Stadtpräsidentin in der Geschichte im Kanton St. Gallen überhaupt. Mit ihrem gestern im zweiten Wahlgang geglückten Aufstieg auf den Chefposten im Wiler Rathaus ist sie zugleich auch zu einem Stück lebender Wiler und St. Galler Politgeschichte geworden.

Des Aussergewöhnlichen damit aber nicht genug. Ab Neujahr wird sie im Rathaus in der Wiler Altstadt auf jenem Stuhl Platz nehmen, von dem aus bis vor zwölf Jahren ihr vor einiger Zeit verstorbener Vater regierte. Das Brisante dabei: Susanne Hartmann tritt die Nachfolge von Bruno Gähwiler an, der Ende Jahr in Pension geht. Die beiden verbindet, was sie entzweit: Bruno Gähwiler wurde im Jahr 2000 im zweiten Wahlgang als wilder Kandidat zum Stadtpräsidenten gewählt, nachdem Josef Hartmann im ersten Wahlgang unter dem absoluten Mehr geblieben war. Zwölf Jahre später nun gratuliert eben dieser «Wilde» der ebenfalls wild kandidierenden Susanne Hartmann. Ginge es nach dem Willen der Nominationsversammlung, wäre gestern CVP-Kantonsrat Armin Eugster zum Wiler Stadtpräsidenten gewählt worden. Aber eben: In Wil tickt die CVP zuweilen etwas anders als andernorts. Dass bei der CVP wild Kandidierende das Rennen machen, hat in dieser Ortspartei eine gewisse Tradition. Zusammen mit Schulratspräsidentin Marlis Angehrn sitzen auch in den nächsten vier Jahren zwei Wilde aus den Reihen der CVP im fünfköpfigen Stadtrat, in dem die CVP drei Sitze und FDP sowie SP je einen Sitz hat.

Susanne Hartmann ist aber nicht parteipolitischer Ränkespiele wegen angetreten. Vielmehr hat sie Visionen und will in Wil einiges bewegen. Lassen sich ihre Visionen umsetzen, wird sie in Stadt und Kanton einiges aufmischen. Sie sieht das Wil der Zukunft als «aktivstes und leistungsfähigstes Wirtschaftszentrum, als familienfreundlichste Stadt mit ausreichend familienergänzenden Betreuungsmöglichkeiten und als kultur- und sportfreundlichste Stadt, wo insbesondere Vereine unterstützt werden, zwischen Winterthur und St. Gallen». Das sind grosse Worte, zweifellos. Doch sie hat klare Vorstellungen, wie sie sich diesen Zielen gemeinsam mit dem Stadtparlament annähern will.

«Wil muss sich nachhaltiger entwickeln und die Zusammenarbeit mit den Nachbargemeinden verbessern», sagt sie aus tiefster Überzeugung. «Wir müssen zu den umliegenden Gemeinden eine Vertrauensbasis aufbauen und den regionalen Gedanken stärken. Nur ein starkes Regionalzentrum ermöglicht auch eine funktionstüchtige Agglomeration.» In der jüngeren Vergangenheit wurde Wil von Nachbargemeinden immer wieder vorgeworfen, mit dem Panzer über den politischen Rasen zu fahren.

Die Rolle der Stadt Wil an sich sieht Susanne Hartmann nichtsdestotrotz aktiv: «Wil muss in gewissen Bereichen klarer die Führung übernehmen, insbesondere in den Bereichen Finanzausgleich, Aggloprogramm oder Fluglärm – dies selbstverständlich in Absprache mit den umliegenden Gemeinden.» Die langjährige Kommunalpolitikerin will aber nicht nur für die Region kämpfen, sondern sich ganz gezielt auch für die Interessen der Stadt Wil einsetzen: «Wil muss sich auch selbst positionieren und sich vehement für einen weiterhin optimalen ÖV-Anschluss beziehungsweise Autobahnanschluss stark machen.»

Die Erwartungen in Susanne Hartmann Gillessen sind gross. Selbst die Oppositionspartei Grüne Prowil setzt auf sie – als «aufgeschlossene Person ohne politische Scheuklappen».

Hans Suter



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