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Tagblatt Online, 12. Juni 2012 06:09:00

Der Thurgauer Rotkreuz- Diplomat am UNO-Hauptsitz

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Walter Füllemann vor dem «Bügeleisen»-Gebäude am Schnittpunkt von Broadway und Fifth Avenue. (Bild: Roman Elsener)

Ostschweizer in New York: Der in Kolumbien und Südafrika aufgewachsene Walter Füllemann ist ständiger Beobachter für das Internationale Rote Kreuz an der UNO, mit Büro in Manhattan.

ROMAN ELSENER/NEW YORK

Er sei «gar kein richtiger Schweizer», wurde Walter Füllemann auf seiner ersten Schweiz-Reise gesagt. Tatsächlich kam er in Bogotá zur Welt und lebte in der Hauptstadt Kolumbiens, bis er zwölf war. Dann zog die Familie – der Vater vertrat den Pharmakonzern Ciba-Geigy – nach Südafrika. Füllemann erzählt dies in einem Ostschweizer Dialekt, der keine Frage offenlässt, wo die Heimat des 50jährigen Vertreters des Internationalen Komitees des Roten Kreuzes in New York liegt: «Zu Hause haben wir immer Schweizerdeutsch gesprochen – mein Vater ist Thurgauer, meine Mutter kommt aus Liechtenstein.»

Mit der Swissair in die RS

Sieben Jahre war der junge Füllemann mit den Eltern und Brüdern in Südafrika, zur Zeit der Apartheid. «Alle grossen Unternehmen waren dort – die Banken, Roche, Sandoz, Ciba-Geigy, Brown-Boveri. Man warf der Schweiz vor, sie gebe sich politisch neutral, sei wirtschaftlich aber opportunistisch», sagt er, «und da waren schon Profiteure darunter.» Wer damals in Südafrika eine Aufenthaltsbewilligung von über fünf Jahren besass, wurde Bürger des Landes. Doch diese hatten zwei Jahre Militärdienst zu leisten, und die Apartheidregierung unterhielt Truppen in Angola. «Für mich kam es nicht in Frage, für diesen Staat in den Krieg zu gehen», sagt Füllemann. Er entschloss sich für die Rekrutenschule in der Schweiz: «Damals wurde Auslandschweizern noch der Flug bezahlt, wenn sie die RS antraten. So flog ich mit der Swissair nach Zürich und wohnte vorerst bei der Grossmutter in Steckborn.»

Von der HSG zum Roten Kreuz

Der Ostschweiz blieb er auch nach dem Militärdienst (u. a. in Frauenfeld) treu; er studierte Staatswissenschaften an der Universität St. Gallen. «Damals war dieser Studiengang noch eine Randerscheinung: Nur zu zehnt sassen wir im Kurs.» Zwei Traumberufe gab Füllemann schon als Jugendlicher an: Auslandkorrespondent und Diplomat. Erfahrungen als Delegierter des IKRK waren für beide Berufe eine gute Voraussetzung, so beschloss er, nach dem Studium zum Roten Kreuz zu gehen. «Mir gefiel die Idee des Gründers, Henri Dunant, auch im schlimmsten Krieg seien menschliche Würde und Respekt zu bewahren.»

Bei seinem ersten Einsatz in Nicaragua lernte er seine spätere Ehefrau Geneviève kennen; die Hochzeit der Genferin mit dem vielgereisten Thurgauer fand in Südafrika statt. Bis heute haben die Beziehungen zum Land gehalten: «Mein Bruder lebt noch dort, und unsere Tochter kam in Südafrika zur Welt, als wir im Einsatz fürs IKRK dort waren.» Auch nach Kolumbien besteht noch eine Verbindung: Sein anderer Bruder lebt dort – und arbeitet fürs IKRK.

Unabhängig von der UNO

Die Diplomatie reizte Füllemann weiter, so bewarb er sich für den Posten des IKRK-Beobachters an der UNO in New York. Mit 194 Staaten hat der Abgeordnete hier zu tun. Oft müsse er erklären, dass das Rote Kreuz keine UNO-Unterorganisation sei. «Die Unabhängigkeit und Neutralität einer Organisation, die in Kriegsgebieten arbeitet, muss unbedingt bewahrt werden.» Im Komitee, dem «Verwaltungsrat» des IKRK, sind daher nur Schweizer, Präsident ist seit der Gründung 1863 immer ein Eidgenosse. Der Gegenwärtige, Jakob Kellenberger, kam dort zur Welt, wo Dunant starb: in Heiden.

Mit Botschaftern im Gespräch

Dass das Rote Kreuz auf keinen Fall politisiert werden darf, zeigt sich derzeit in Syrien, wo die Delegierten im Feld zwischen den Fronten arbeiten. «Da ist es wichtig, dass in den Beschlüssen des Sicherheitsrates das IKRK nicht erwähnt wird: Wir sind kein Instrument der UNO», sagt Füllemann. Daneben ist das Rote Kreuz in ständigem Dialog mit den Landesvertretern, um bei Krisen oder Katastrophen Einsatz zu leisten. «Es gibt keinen Staat, der sich weigert, mit uns ins Gespräch zu kommen.» Dem Präsidenten des Sicherheitsrates legt er monatlich die Perspektive des Roten Kreuzes zu Problemen dar: Wo bestehen humanitäre Bedenken? Es kann passieren, dass Füllemann an der UNO am gleichen Tag der amerikanischen Botschafterin, dem syrischen Vertreter und jenem Frankreichs über den Weg läuft. «Diese Chancen zum Gespräch zeichnen die UNO aus», sagt der Vater einer 19jährigen Tochter und eines 17jährigen Sohnes. Aber in New York komme die Welt nicht nur an der UNO an einem Platz zusammen. «Man kann an einem Tag kolumbianisch frühstücken, südafrikanisch zu Mittag essen und abends in eine Schweizer Beiz gehen.» Auf dem Heimweg in der U-Bahn bestätigt sich oft das Gefühl, hier sitze die ganze Welt in einem Wagen.

Schweizer sollen offener werden

2014 läuft sein Mandat in New York ab, neue IKRK-Aufgaben locken. Die City dann zu verlassen wird weder Walter Füllemann noch seiner Frau und den Kindern leichtfallen. «Sie fühlen sich sehr wohl hier.» Und doch fehlt ihm die Schweiz: die Seen und Wiesen, Hügel und Bäume, die Schönheit der Natur. Er lobt das stabile politische System und die direkte Demokratie. «Das ist keine Floskel: Ich habe in zu vielen Gebieten der Welt gearbeitet, wo ein Staat nicht funktionierte oder inexistent war.» Jedoch stört ihn die Tendenz vieler Schweizer, sich einigeln zu wollen: «Es herrscht ein Unwillen zu akzeptieren, dass die Schweiz mit der Aussenwelt verbunden und von ihr abhängig ist.»




Leser-Kommentare:
1 Beitrag

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adolfk31 (12. Juni 2012, 17:57)
Schrecklich !

und schon wieder wurden wir von einer beinahe unersetzlichen Führungs- Kapazität aus der nach Arbeitskräften lechzenden Privatindustrie Zwangs entsorgt ....

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