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Tagblatt Online
27. Februar 2016, 19:06 Uhr

Begleiterin ins Leben

Das Wohl des Säuglings liegt auch in den Händen der Hebamme. Zoom

Das Wohl des Säuglings liegt auch in den Händen der Hebamme. (Bild: Andrea Stalder)

Sie steht einem Paar auf dem Weg zur Familie bei, übernimmt Verantwortung für die Gesundheit von Mutter und Kind: Einer der ältesten Berufe hat nichts von seiner Bedeutung verloren. Wir haben eine Hebamme in ihrem Alltag begleitet. Von Christa Kamm-Sager (Text) und Andrea Stalder (Bilder).

«Es kam mir vor wie eine Weltreise.» Das sagt eine junge Mutter über ihren ersten Ausflug nach der Geburt – in den Dorfladen, ohne Baby. Das Wochenbett ist eine Ausnahmezeit nach einem Ausnahmeereignis im Leben einer Frau.

Hat es schön zugenommen? Ein Neugeborenes auf der Waage. Zoom

Hat es schön zugenommen? Ein Neugeborenes auf der Waage.
(Bild: Andrea Stalder (Andrea Stalder))

Es läuft gut bei dieser kleinen Familie. Die Mutter ist 25, der Vater 27. Er hat drei Wochen Ferien und sich in dieser Zeit verliebt – in sein Baby. Das Neugeborene war nicht einmal 2500 Gramm schwer, als die Mutter nach der Spitalgeburt so schnell wie möglich nach Hause wollte. «Es nimmt schön zu», sagt die Hebamme Jane Kerrison, als sie das kleine, nackte Geschöpf sorgfältig von der Waage zurück auf das Sofa hebt. Die Eltern sind erleichtert. Jetzt wendet sich die Hebamme der Nabelpflege des Babys zu. Der Nabel ist abgefallen, etwas vertrocknetes Blut ist noch in den Hautfältchen. Sie zeigt dem jungen Paar, wie man den Nabel reinigt, das Neugeborene lässt alles gelassen über sich ergehen. «Verletzen wir wirklich nichts mit den Wattestäbchen?», fragen die Eltern besorgt.

Die Hebamme hat mit dem Paar vor der Geburt an einem Abend einen privaten Geburtsvorbereitungskurs durchgeführt. Das Baby kam dann im Spital zur Welt und jetzt nach der Geburt ist wieder Jane Kerrison die Wochenbetthebamme. Sie war schon achtmal zu Besuch bei der kleinen Familie und spürt jetzt, dass ihre Besuche weniger nötig werden, die Eltern an Sicherheit gewonnen haben. «Schickt mir ein SMS, wenn ich das nächste Mal vorbeikommen soll», sagt sie zum Abschied. Nicht bei allen frischgebackenen Eltern läuft alles so harmonisch.

Die Hebamme im Operationssaal

Beim ersten Kind zahlen die Krankenkassen bis zum 56. Tag nach der Geburt des Babys 16 Besuche einer Hebamme. Beim zweiten Kind sind es zehn Besuche. «Seit die Geburten über Fallpauschalen abgerechnet werden, gehen die Mütter eher früher nach Hause», sagt die 48jährige Jane Kerrison, die in Arbon wohnt und selber dreifache Mutter ist. Die Wochenbettbetreuung hat sich vom Spital mehr und mehr zu den freiberuflichen Hebammen verlagert.

Etwas länger im Spital bleiben für gewöhnlich Gebärende mit einem Kaiserschnitt. Die Betreuung der Frau während dieser Operation ist auch eine Aufgabe der Hebammen. Immer wieder steht Jane Kerrison wegen ihrer Teilzeitanstellung in der Gebärabteilung des Stadtspitals Triemli in Zürich deshalb auch im Operationssaal. «Wer so eine Operation einmal gesehen hat, wünscht sich nicht mehr ohne Not einen Kaiserschnitt», sagt sie.

In ihren Geburtsvorbereitungskursen spricht sie offen mit den Schwangeren über diesen Eingriff, bereitet sie darauf vor, dass ein Kaiserschnitt nötig werden kann, auch wenn man das nicht will. «Es gibt aber auch zunehmend Frauen, die einen Wunschkaiserschnitt möchten.» Sie versuche dann zusammen mit diesen Frauen herauszufinden, was der Grund für diesen Wunsch sei, Ängste vor der Geburt zu nehmen. Und sie unterstützt die Frauen darin, der Natur zu vertrauen. «Wir Hebammen müssen ein Gegengewicht geben zur wachsenden Tendenz, die Babies per Operation auf die Welt zu holen. Die Vorteile einer natürlichen Geburt sind für Mutter und Kind immens.»

Schnitt in den prallen Bauch

Zürich, Stadtspital Triemli, 22.30 Uhr: Hebammen-Rapport. Im Spital liegt heute eine Frau, die gerne natürlich geboren hätte, doch ihr Wunsch wird nicht erfüllt. Die Frau muss sich in ihr Schicksal fügen und wird mitten in der Nacht vorbereitet für den Kaiserschnitt und auf dem Bett in den Operationssaal geschoben. «Jede Geburt bleibt ein Geheimnis und nicht planbar. Auch für uns Hebammen», sagt Jane Kerrison.

Acht steril in Blau gekleidete Menschen stehen um die Liege der nervösen Frau, Ärztinnen und Anästhesisten, Pflegefachleute. Abgeschirmt von den Geschehnissen bekommen sie und ihr Partner nichts mit von dem, was unterhalb der Brust geschieht, der Unterleib ist betäubt. Alles ist eingespielt. Routine. Und doch ist dem Team bewusst, dass kein Fehler passieren darf. Die Ärztin ist bereit für den ersten Schnitt in den prallen Bauch, trennt Schicht für Schicht der Bauchdecke durch, reisst die feine, blutrote Muskelstruktur auseinander. Auch die Gebärmutter muss vorsichtig durchschnitten werden, das Köpfchen ist ganz nah an diesem feinen Gewebe, Fruchtwasser spritzt. Die Ärztin greift mit beiden Händen kräftig nach Köpfchen und Schultern, zieht, «es ist ein Bub!», legt den Säugling der Hebamme, die während der Operation im Hintergrund bereit steht, in ein warmes Tuch. Sie bringt das Kindlein der Mutter. Tränen der Erleichterung. Doch die Tortur ist noch nicht vorbei. Die Frau stöhnt immer wieder auf, während die Ärztin im offenen Bauch alles zurecht rückt, ihn sorgfältig, Schicht für Schicht, zunäht. Sie hat zwar keine Schmerzen, doch spürt sie, dass in ihrem Bauch einiges im Gange ist. Das Kind, das neben ihr liegt, nimmt sie, betäubt von den vielen Medikamenten, nicht richtig wahr. Später bestaunt der Vater das perfekte Menschlein in Ruhe alleine in einem Gebärzimmer, während die Frischoperierte weiter versorgt wird.

«Sie machen das gut»

Für einmal ist es eine ruhige Nacht im Triemli, es bleibt Zeit für die Hebammen des Nachtdienstes für Gespräche, Essen und Lachen. «Es kann durchaus sein, dass eine Hebamme zwei, drei Schwangere parallel betreut», sagt Jane Kerrison, die in den letzten 25 Jahren als Hebamme schon vieles erlebt und schon Hunderten Kindern auf die Welt geholfen hat.

Heute ist eine Schwangere in ihrer Obhut, die ganz ruhig, ganz bei sich, im warmen Wasser der Badewanne die Wehenschmerzen durchsteht. Die Hebamme und der werdende Vater an der Badewannenkante sprechen ihr Mut zu. «Sie machen das gut», sagt Jane Kerrison der Gebärenden nach einer Wehe. Leise Musik und ein fein riechendes Duftöl sollen beruhigen. Es ist ihr drittes Kind, welches die Frau heute Nacht zur Welt bringen möchte. Ihre zweite Geburt ging schnell, doch diesmal vergehen Stunden – und nur wenig passiert. «Eine Geburt ist ein Naturereignis. Man weiss nie vorher, wie sie verläuft», weiss die Hebamme.

Im gedämpft beleuchteten Gebärzimmer gibt es eine grosse Badewanne, ein Bett, zwei Fenster in die Lichter der Stadt Zürich hinaus. Aber die Welt da draussen existiert in dieser Nacht nicht. Das Universum dreht sich in diesem Zimmer um diesen kleinen Menschen, der seinen Weg finden muss. Und er lässt sich Zeit. «Warten können gehört zum Beruf dazu.» Die Hebamme hat die Gebärende genau im Blick, sie kann die Anzeichen einer nahenden Geburt am Gesichtsausdruck ablesen, Adrenalin macht trockene Lippen. «Meistens kommt das Kind dann, wenn die Frau meint, dass sie jetzt am Ende ihrer Kräfte ist», sagt sie. Oft sei das auch der Zeitpunkt, an dem Frauen nach einem Schmerzmittel oder einer Peridualanästhesie verlangen.

Wenn immer möglich versucht die erfahrene Hebamme die Frauen darin zu bestärken, auf die Betäubung des Unterleibs zu verzichten. «Sind Beine und Gesäss bei einer Geburt gefühllos, spürt eine Frau die Presswehen viel weniger und kann deshalb schlecht mithelfen beim Pressen.» Viel häufiger als bei Geburten ohne Schmerzmittel müsse dann die Saugglocke eingesetzt werden, um das Baby zu holen.

Das Paar soll jetzt ein paar Schritte draussen umhergehen, später schiebt die Hebamme ein zweites Bett ins Zimmer, die erschöpften Eltern versuchen etwas zu schlafen. Der Mann nickt sofort ein. Die Frau und die Hebamme bleiben wach. Zwei Stunden später, es ist gegen 3 Uhr nachts, werden die Wehen kräftiger. Jane Kerrison untersucht die Gebärende einmal mehr, der Muttermund ist vier Zentimeter offen – noch zu wenig für Presswehen. Soll man nachhelfen, die Wehen etwas forcieren? Die Hebamme beschwichtigt: «Solange es dem Kind gut geht, darf man einfach die Natur machen lassen. Das braucht viel Vertrauen.» Und Geduld.

Geschwächt von schrecklichen Erlebnissen

Der Beruf einer Hebamme hat neben den durchwachten Nächten viele andere Facetten. Ein paar Tage zuvor noch war Jane Kerrison zu Besuch im Arboner Durchgangsheim. Dort sind die 28jährige Adiba und der 29jährige Mohammed untergebracht. Sie sind noch nicht lange aus Syrien in die Schweiz geflüchtet. Der syrische Journalist musste im November Hals über Kopf aus seiner Heimat fliehen, sein Leben war in akuter Gefahr. Die Flucht führte ihn in einem Boot über das Mittelmeer. Seine hochschwangere Frau musste er im kriegsversehrten Land zurücklassen. «Es war sehr schlimm», sagt er mit wässrigen Augen. Einen Monat später konnte er seine Frau in der Schweiz wieder in die Arme schliessen. Im Spital Münsterlingen bringt die Frau in Sicherheit das kleine Mädchen Yasmin zu Welt. In ihrem Zimmerchen im Asylheim lebt die kleine Familie nun zu dritt und weiss nicht, wie es weitergehen wird in ihrem Leben.

Dem Baby geht es gut, das Augenmerk der Hebamme liegt bei der Mutter. Sie ist geschwächt durch all die schrecklichen Erlebnisse. Die Hebamme gibt ihr einen passenden Tee, empfiehlt Salbei für die äusserliche Anwendung und macht mit dem Paar einen Arzttermin aus. Sie ist bei ihren vielen Besuchen zur wichtigsten Vertrauensperson für das junge Paar geworden, das fremd ist in diesem Land.

Niemand räumt extra auf

Nur eine Viertelstunde später steht Jane Kerrison in der Stube einer anderen kleinen Familie in einer schmucken Stadtwohnung. Der Vater kocht gerade für das grössere Geschwisterchen, die junge Mutter stillt das Baby auf dem Sofa. Niemand räumt extra auf für den Besuch der Hebamme. «Das möchte ich nicht und sage das den Familien ausdrücklich. Die jungen Familien haben Wichtigeres zu tun, als alles perfekt herzurichten.» Schon beim ersten Kind war Jane Kerrison hier Hebamme während des Wochenbetts. «Ihre Besuche sind sehr wichtig für mich», sagt die junge Mutter, eine Ärztin. Eine Hebamme verstehe den labilen Gefühlshaushalt einer Wöchnerin. «Als die Hebamme beim ersten Kind das allerletzte Mal kam, musste ich beim Abschied weinen.»

Tränen gehören zum Wochenbett. «Eine Geburt ist etwas so Emotionales. Die Frauen, oft auch die Männer, werden völlig überwältigt von diesen Gefühlen. Fast jede Frau weint einmal bei einem Besuch von mir. Es ist eine Zeit, in der sich eine Frau nicht verstellen kann», sagt die Hebamme.

Der nächste Besuch steht an, diesmal bei einer jungen Frau, die ihr Baby per Kaiserschnitt geboren hat und sich die Zeit nach der Geburt sachlicher, planbarer vorgestellt hat – so wie sie es gewöhnt ist von ihrem Berufsleben. Jetzt ist sie etwas überrumpelt von den grossen Gefühlen. Die Hebamme hilft, diese Gefühle einzuordnen, hilft, den Mut zum Stillen zu finden, diese überwältigende Liebe zum Baby zuzulassen. Während die Hebamme den strapazierten Bauch massiert und damit die Rückbildung der Gebärmutter und die Verdauung anregt, spricht sie mit der Frau über die Vorteile des Stillens, rät der jungen Mutter, viel auszuruhen und fragt, wie das grosse Fest im Haus gelaufen ist. «Wir hatten 30 Leute hier, ich hatte nachher zwei Tage lang Migräne», sagt die Wöchnerin. Sie weiss, dass sie ihrer Hebamme nichts vormachen muss. Nicht alles, was ohne Baby spielend leicht war, bleibt auch so. Die Prioritäten werden neu festgelegt. Die Hebamme unterstützt die junge Mutter darin, auf ihr Gefühl zu vertrauen.

So viel Zeit, wie es braucht

Einen Besuch spart sich die Hebamme jeweils für den Schluss ihrer Wochenbett-Tour auf. Sie fährt mit ihrem Auto zu einem idyllischen Haus. Drei kleine Kinder spielen draussen, die Mutter steht mit dem Kinderwagen daneben. Als sie das Auto der Hebamme sieht, eilt sie herbei. Es ist ein wichtiger Besuch für sie. Das Thema heute sind die schlaflosen Nächte. Die Frau entspannt sich bei einer Bauchmassage und schüttet ihr Herz aus. Das Baby will gestillt sein, die grossen Kinder träumen schlecht und schlüpfen zu den Eltern ins Bett.

Doch das über allem stehende grosse Thema in dieser Familie ist der plötzliche Verlust des zweitältesten Kindes. Jane Kerrison war auch damals die Hebamme der Familie und hat sie all die Jahre immer wieder durch die nicht versiegende Trauer begleitet. «Sie hat mir schon mehrmals das Leben gerettet», sagt die Wöchnerin. «Es geht bei den Besuchen von Jane nicht einfach nur um das Kind, es geht auch um die Psyche von mir als Mutter, die Veränderungen in der Ehe. Eine Frau braucht im Wochenbett einen Menschen, bei dem sie sprudeln darf, dem sie vertrauen kann, der sie versteht.» Auch beim fünften Kind gebe es wieder Themen, die vollkommen neu seien. Die Hebamme konnte die Frau dazu bewegen, sich für die Bewältigung ihrer Trauer Hilfe bei einer Psychologin zu suchen. Beim nächsten Besuch wird sie erfahren, wie das Gespräch verlaufen ist.

Wie die lange Geburt bei ihrem letzten Nachtdienst ausgegangen ist, hat Jane Kerrison später von der Hebammenkollegin mitbekommen. «Wir können im Spital nicht immer alle Geburten bis zum Schluss betreuen. Und manchmal tut es gut, wenn eine frische Hebamme nach vielen Stunden ablöst.» Das gesunde, 3750 Gramm schwere Büblein kam drei Stunden nach Dienstende der Nachthebamme zur Welt. Es wird ein Geheimnis bleiben, weshalb es sich so viel Zeit gelassen hat auf dem Weg in diese Welt.



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