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Tagblatt Online, 26. Mai 2012 15:46:00

«Acht tote Delphine in vier Jahren sind ein klares Zeichen»

Sigrid Lueber Zoom

Lobbyistin für das Meer und seine Bewohner: Sigrid Lüber, Präsidentin von OceanCare. (Bild: Urs Jaudas)

Sigrid Lüber macht sich als Präsidentin der Tierschutzorganisation OceanCare nicht nur für ein Importverbot für Delphine stark. In der UNO setzt sich die gebürtige Oberuzwilerin für den Schutz der Weltmeere ein.

Frau Lüber, wenn am Dienstag der Nationalrat über das Importverbot für Delphine entscheidet, sind Sie bereits wieder in New York an einer Sitzung der UNO. Was ist Ihre Aufgabe bei den Vereinten Nationen?
Sigrid Lüber: 2011 hat OceanCare den UNO-Sonderberater-Status erlangt, im April habe ich das erste Mal vor den Delegierten gesprochen. Dank diesem Status haben wir bei den Konferenzen gleich viel Redezeit wie jedes Mitgliedsland, fünf Minuten pro Punkt. Nächste Woche beispielsweise geht es erneuerbare Energien, etwa um Windturbinen im Meer. Solche Windparks sind an und für sich eine tolle Sache, weil sie saubere Energie liefern. Aber sie erzeugen beim Bau und Betrieb auch Lärm unter Wasser. Lärm, der für Wale, Delphine und Fische schädlich ist.

In der Schweiz sind Sie und OceanCare vor allem für Ihr Engagement gegen Delphinarien bekannt. Nun erwägt der Nationalrat ein Importverbot für Wale und Delphine. Zufrieden?
Lüber: Ich wäre froh über dieses Importverbot. Wir haben das ja auch in unserer Petition gefordert, die im November mit knapp 80'000 Unterschriften eingereicht wurde. Die Räte haben sich übrigens 1996 schon einmal mit einem Importverbot befasst, doch wurde es knapp abgelehnt. Trotzdem haben wir uns gegen den Delphinimport gewehrt, beispielsweise bei Knies Kinderzoo in Rapperswil. Der Kinderzoo wollte für sein Delphinarium zwei wilde Tiere in Jamaica fangen lassen, was wir verhindern konnten. 1998 gab der Kinderzoo sein Delphinarium auf, und es blieb nur noch das Connyland.

Wird die «Lex Connyland», wie das Importverbot auch genannt wird, angenommen, bedeutet das über kurz oder lang auch das Ende des Delphinariums in Lipperswil.
Lüber: Das ist so. Aber das Importverbot verschafft dem Connyland im Gegensatz zu einem Haltungsverbot Zeit. Die Betreiber können sich in Ruhe Alternativen überlegen. Ich glaube schon, dass sie die Delphine gern haben und sich alle Mühe geben. Aber man kann die  Bedürfnisse der hochentwickelten Tiere in Gefangenhaltung einfach nicht befriedigen. Acht tote Delphine in den letzten vier Jahren sind ein klares Zeichen dafür. In den kahlen Becken, die nichts mit dem Lebensraum Meer zu tun haben, stehen sie unter Dauerstress. Das schwächt ihr Immunsystem, weshalb sie oft medikamentös behandelt werden müssen.

Gegner des Verbots kritisieren, dass damit die Haltung von Wildtieren in Zoos generell infrage gestellt wird. Ist das der nächste logische Schritt?
Lüber: Das ist reine Angstmacherei und an den Haaren herbeigezogen. In der Motion geht es ausdrücklich nur um Cetacea - also walartige Tiere – und nicht etwa um Elefanten. Hinzu kommt, dass zoologische Gärten andere Ansprüche und einen anderen Auftrag haben als ein Freizeitpark, wo die Tiere konsumiert werden wie die Achterbahn nebenan. Zoos legen Wert darauf, die Gehege naturnah zu gestalten. Und sie wollen bei den Besucherinnen und Besuchern einen Bildungseffekt erzielen.

Im Connyland werden auch Seelöwen gehalten, die Kunststücke aufführen. Was ist mit ihnen?
Lüber: Natürlich wäre es schön, wenn das Connyland ganz auf die Haltung von Wildtieren verzichten würde. Bei den Seelöwen aber ist die Situation anders als bei den Delphinen. Sie vermehren sich einfacher in Gefangenschaft. Es braucht keine Wildfänge, um die Population zu erhalten. Zudem leben sie nicht nur im Wasser, sondern auch an Land. Es ist deshalb einfacher, ihren Bedürfnissen gerecht zu werden und ihre Haltung zu verbessern.

Sie sind in Oberuzwil aufgewachsen, wo der Bettenauer Weiher nah ist, aber das Meer weit weg. Woher kommt Ihre Faszination für Meeresbewohner, insbesondere für Delphine?
Lüber: 1989 war ich mit meinem Mann, einem Tauch- und Surflehrer, auf den Malediven. Während eines Tauchgangs haben wir die ganze Zeit Delphine gehört, und plötzlich waren sie vor uns. 50, 60 Tiere waren es. Sie schwammen auf uns zu, dann teilte sich der Schwarm um uns.  Das war für mich ein so eindrückliches Erlebnis, dass ich nach dem Auftauchen wusste: Für diese Tiere und für ihren Lebensraum will ich mich einsetzen. Zurück in der Schweiz, habe ich mein Arbeitspensum reduziert und mit dem Aufbau von OceanCare begonnen.

Wenn das Importverbot durchkommt, wird es in der Schweiz bald keine Delphine mehr geben. Wofür werden Sie sich dann in unserem Binnenland einsetzen?
Lüber: Der Fischkonsum und die damit einhergehende Überfischung der Meere muss auch hier thematisiert werden. Ein weiteres Problem ist die Plastikverschmutzung der Ozeane: 80 Prozent des umhertreibenden Plastiks stammt aus dem Landesinnern. Dieser Zivilisationsmüll gelangt auch aus unseren Flüssen ins Meer.

Was wünschen Sie sich für die Connyland-Delphine?
Lüber: Dass sie in eine von Menschen betreute geschützte Meeresbucht kommen. Die Tiere könnten Teil einer grösseren Gruppe werden, in Halbfreiheit leben und in ihrem natürlichen Lebensraum alt werden.

Interview: Sarah Gerteis

Lobbyarbeit statt Aktivismus

Sigrid Lüber ist zusammen mit fünf Geschwistern in Oberuzwil aufgewachsen. Beim Uzwiler Textilmaschinenhersteller Benninger absolvierte sie eine Lehre als Maschinenzeichnerin und arbeitete danach auf dem Beruf. Nach ihrer Delphinbegegnung gründete sie 1989 die Organisation Ocean Care mit Sitz in Wädenswil am Zürichsee, wo die 56-Jährige zusammen mit ihrem Mann auch lebt. Mittlerweile beschäftigt OceanCare fünf Mitarbeitende. Sigrid Lüber und ihr Team setzen sich mittels Lobbyarbeit, Forschungsprojekten und Sensibilisierungskampagnen für die Verbesserung der Situation in den Weltmeeren ein. Die Präsidentin legt Wert darauf, dass OceanCare «keine aktivistische Organisation» ist. «Alles, was wir an die Hand nehmen, basiert auf wissenschaftlichen Erkenntnissen.»
www.oceancare.org




Leser-Kommentare:
1 Beitrag

Kommentar lesen

adolfk31 (28. Mai 2012, 04:45)
Immerhin ...

Wenigstens EINE von unsere Damen hat eine Beschäftigung gefunden ... Ob wir deren Ansichten teilen sei dahin gestellt. Wir leben ja noch in einer beinahe Demokrabie ...

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