Tagblatt Online, 23. Dezember 2008 01:01:55
Zwischen Andacht und Jahrmarkt
Bemalte Butzenscheibe an einem bäuerlichen Firstkammer-Fenster. (Bild: Bilder: Jost Kirchgraber)
Eine Hausorgel aus dem Besitz der Familie Brassel stand bisher immer in Nesslau – und bleibt dank Sponsoren im Toggenburg. Klangwelt Toggenburg will sie in der geplanten Schellenschmiede aufstellen. Bis dahin ist sie in der Propstei Alt St. Johann untergebracht.
Peter Müller
Letzte Besitzerin der Hausorgel, die Joseph Looser (1749–1822) erbaut hatte, war Annemarie Brassel. Weil sie ihr Haus in der Wasserbrugg samt Orgel altershalber verkaufen wollte und das Instrument ihrem verstorbenen Mann sehr viel bedeutet hatte, sollte für die Hausorgel ein guter Platz gefunden werden. Die Orgel kommt dank Sponsoren an einen guten Platz und in neue Hände: Klangwelt Toggenburg konnte die Orgel für 135 000 Franken kaufen und will sie in der geplanten Schellenschmiede aufstellen. Bis das Haus zur Verfügung steht, ist sie in derPropstei Alt St. Johann untergebracht. Gezügelt wurde Anfang Dezember.
Die Toggenburger Hausorgel ist weit über die Ostschweiz hinaus ein Begriff. Sie fasziniert als Musikinstrument, Sammelstück und Relikt einer untergegangenen Kultur und ist mit vielen spannenden Geschichten verknüpft.
«Die musikalischen Möglichkeiten sind beschränkt. Zudem hört man die Mechanik», sagt Wolfgang Sieber, Musiker aus Lichtensteig und Organist an der Hofkirche Luzern, und fügt einen skurrilen Vergleich an: «Das Instrument tönt wie eine Grossmutter, deren künstliches Gebiss <lödelet>.» Nein, perfekt sind die Toggenburger Hausorgeln nicht. Bekannt, gesucht und geschätzt dafür umso mehr. Es gibt Konzerte, CDs, Noten, Fachliteratur, die Instrumente sind weit über das Toggenburg hinaus ein Begriff – auch bei musikalischen Laien. Sie bieten keine «Ur-Musig» wie Treicheln oder Geisseln, haben aber dennoch etwas Archaisches und Geheimnisvolles. Sie erzählen von der Welt, aus der sie stammen, von den Menschen, die sie gebaut, gespielt und verwendet haben – und sie sind selten. Vergleichbares gibt es nur im Bern- und im Zürichbiet. So ist es denn auch ein Ereignis, dass Klangwelt Toggenburg eine solche Orgel erwerben konnte.
Die Orgel als Altar
Die Blütezeit dieser Hausorgeln dauerte etwa von 1750 bis 1820. Im ganzen Toggenburg waren sie damals anzutreffen, bevorzugter Standort war die Firstkammer der Bauernhäuser – ganz oben, unter dem Dach. Dieser Raum war im 17. Jahrhundert aufgekommen und diente den protestantischen Toggenburgern als eine Art Rückzugsraum. Das Toggenburg gehörte damals zur Fürstabtei St. Gallen und war konfessionell gespalten – was vor allem den Protestanten Schwierigkeiten brachte. In diesen Firstkammern waren sie unbehelligt, konnten ungestört beten, Taufmähler und Hochzeitsfeste feiern, Kinderlehre abhalten. Im 18. Jahrhundert kam die Hausorgel dazu, sozusagen als eine Art «Altar», wie der Toggenburger Kulturhistoriker Jost Kirchgraber sagt: «Dreimal am Tag versammelten sich hier der Hausvater, Frau und Kind, Gesinde und Handwerker zur Andacht.» Nach landläufiger Erklärung stand hinter dem Ganzen Zwinglis Verbot der Kirchenmusik. Die Toggenburger hätten sich die Musik deshalb ins Haus geholt, heisst es. Kirchgraber relativiert: «Als die Hausorgeln aufkamen, war die Orgel bereits wieder dabei, in die protestantischen Kirchen zurückzukehren.» Für ihn steht hinter der Blütezeit dieser Hausorgeln der Toggenburger Pietismus. Dieser suchte einen sinnlichen und unverbildeten Zugang zu Gott. Der Hausvater konnte ein ebenso guter Prediger sein wie irgendein Schultheologe. Entsprechend wichtig war dem Pietismus das häusliche Andachtswesen, begleitet von Musik – und damit die Hausorgel. Sie war ein «soziales Instrument», meint Kirchgraber, indem sie die Leute zur Gemeinschaft versammelte und zum Singen brachte. Die Hausorgel wirkte auch erzieherisch – Sozialhistoriker würden sagen: disziplinierend.
Orgeln auf Irrfahrt
Bei den Toggenburgern muss die Hausorgel stark verankert gewesen sein. Darauf deuten Darstellungen auf Ofenkacheln, farbigen Möbeln und Butzenscheiben. Ihre Blütezeit dauerte trotzdem nur kurz – wohl eine Folge der Säkularisierung und Modernisierung, die damals ganz Europa erfasste. Nach 1810 begann ihr Abstieg aus der pietistischen Sphäre ins bunte Leben. Man fing an, auch weltliche Lieder und Tänze auf ihr zu spielen. Die ältesten Tänze, die erhalten sind, stammen aus der Zeit um 1850. Dass es sich immer um Eigenkompositionen handelt, ist fraglich. Wolfgang Sieber publizierte 1987 einen Notenband mit Toggenburger Hausorgeltänzen. Einer davon, so erfuhr er später von einem Kollegen, war in Wirklichkeit eine Orchesterpolka von Alexander Borodin.
Von den Hausorgeln gingen im Laufe der Jahrzehnte viele verloren. Sie wurden zu Brennholz zerhackt oder zu Kommoden umgebaut, vergammelten in Estrichen und Kellern oder verschwanden spurlos. Andere traten Odysseen an, kamen auf Jahrmärkte, in Armenhäuser, Erziehungsanstalten oder Missionsschulen, um am Ende in Museen oder in Privatbesitz zu landen. Heute sind noch rund 80 Orgeln bekannt. Hergestellt wurden – so schätzt man – rund 150.
Kreatives Potenzial entdecken
Auch Wolfgang Sieber verbindet mit einer solchen Orgel nicht einfach Religion: «Das Instrument hat etwas Zerbrechliches und Intimes, im Klang ist Wehmut, aber auch etwas Spitzes und Tanzhaftes.» Auf einer solchen filigranen Orgel zu spielen, ist alles andere als einfach. Der Lichtensteiger Musiker redet von einem «ganz diffizilen Rösslein, das einen abwerfen kann». Es brauche wenig, damit es schlecht tönt – und nur ganz wenige Musiker könnten das Instrument wirklich gut spielen. Ebenso wichtig ist für ihn, dass die Hausorgel musikalisch nicht im Museal-Konservatorischen stehen bleibt. Man müsse neue musikalische Wege suchen, sie mit anderen Instrumenten kombinieren. Damit wird sich auch ein Verein beschäftigen, der Ende Februar 2009 in Nesslau gegründet wird. Initiant – er selber sieht sich eher als Mitinitiant – ist Reto Stäheli, Ethnologe und Dozent für Soziokultur an der Hochschule Luzern – Soziale Arbeit. Seine 2007 verstorbene Frau Verena Reber-Stäheli leitete die Handweberei «Bühl» in Nesslau – und dort steht eine Hausorgel von Joseph Looser (1788), die von der Familie Reber seit Jahren immer wieder für Konzerte genutzt wurde. Der Verein will «diese Konzerte weiterführen, die Geschichten rund um die Hausorgeln im Toggenburg sammeln und das kreative Potenzial dieses Instruments entdecken».
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