Tagblatt Online, 05. Oktober 2010 01:02:20
Wundermittel gegen Amputation
Ein Frauenfelder Arzt hat ein Granulat entwickelt, das die Heilung offener Wunden fördert. Er hat damit bereits zweimal einen Diabetes-Fuss vor der Amputation gerettet. Ab 2015 will er 7000 Patienten jährlich behandeln.
ida sandL
Frauenfeld. Dem sibirischen Förster Jewgenij Sewerin biss vor 13 Jahren ein Bär das Gesicht weg. Die Bilder schockierten die Welt. Gerolf Gehl, der Arzt aus Frauenfeld, arbeitete damals an der Universitätsklinik Zürich. Er hat dem Förster ein neues Gesicht modelliert. Eine Plastik, die von Zeit zu Zeit erneuert werden muss. Sewerin kann sich wieder zeigen. Gehl treibt der Gedanke um, dass es möglich sein müsste, menschliches Gewebe wieder wachsen zu lassen. Er experimentierte mit Mineralien, die auch im Knochengewebe vorkommen, schmolz sie zu einem Glas.
Damit liess sich nichts anfangen. Gehl, der Tüftler, zermalmte das Glas zu Granulat, streute es auf schwer heilende Wunden. Der erste spektakuläre Erfolg gelang ihm am Kantonsspital Winterthur, dort sollte einem Diabetiker der Fuss amputiert werden. Das Granulat wurde als letzte Möglichkeit eingesetzt. Schon nach ein paar Tagen war die Wunde geruchs- und keimfrei; nach ein paar Wochen wuchs neues Gewebe nach. Gehl erzählt, der Patient habe später sogar eine Wüstenreise unternommen.
Bald die ersten Patienten
Zehn Jahre später steht Gerolf Gehl in seiner neuen Praxis in der Frauenfelder Felsenburg. Sobald sein Wundheilmittel die Zulassung für den europäischen Markt erhält, wird er loslegen. «Das ist nur noch eine Frage von ein, zwei Monaten», sagt er. Zusammen mit einem Chirurgen und einem Hals-Nasen-Ohrenarzt wird Gehl seine Erfindung in der Praxis anwenden. Noch dieses Jahr sollen die ersten Patienten behandelt werden.
Zur Zielgruppe gehören Diabetiker. In fünf Jahren sollen etwa 7000 Patienten mit Diabetes-Füssen jährlich behandelt werden. Um seine Erfindung vermarkten zu können, will Gehl eine Aktiengesellschaft gründen. Bisher pendelt er als Ein-Mann-Firma zwischen Praxis, Labor und Vortragssälen hin und her. Insgesamt hat das Bioglas-Granulat bisher zwei Füsse und einen Finger gerettet. «Es ist schwer, ein neues Produkt einzuführen», sagt Gehl. Die Pharmaindustrie habe ihre eigenen Forschungen, sei also nicht wirklich interessiert.
Bis jetzt stellt Gehl sein Granulat im eigenen Labor mit Hilfe eines Hochtemperaturofens und einer Keramikmühle her. Für Studien fehlt ihm das Geld. Die Zulassung ist aufwendig und teuer.
Wirtschaftsförderung hilft
Dieses Jahr kam Gehl einen grossen Schritt voran: Er wird von verschiedenen Seiten unterstützt. Die Wirtschaftsförderung Thurgau stehe ihm wohlwollend gegenüber, sagt Gehl. Er braucht aber weitere Investoren: 600 000 Franken muss er in den nächsten vier Jahren auftreiben. Damit sich sein Produkt im Markt etablieren kann, sind klinische Studien nötig.
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