Tagblatt Online, 12. März 2009 01:00:47
Stadt St. Gallen verteilt Einkaufsgutscheine ans Volk
Will den Konsum mit einem 50-Franken-Gutschein fördern: Der St.Galler Stadtpräsident Thomas Scheitlin. (Bild: Bild: Hanspeter Schiess)
Die Kantonshauptstadt geht neue Wege und beteiligt die Bevölkerung am guten Rechnungsergebnis 2008. Jeder Einwohner erhält einen Einkaufsgutschein von 50 Franken. Was schweizweit eine Premiere ist.
Andreas nagel
St. Gallen steht nicht im Ruf, eine besonders innovationsfreudige oder, noch besser, gar originelle Stadt zu sein. Solch schmeichelhafte Attribute werden in der Regel eher Zürich unter Leitung seines umtriebigen Noch-Stadtpräsidenten Elmar Ledergerber zuteil. Für einmal steht nun aber die Gallusstadt im Rampenlicht. Nicht weil man sich im fernen Osten der Schweiz wieder einmal lautstark den Sitz eines Bundesgerichtes sichern oder mit einiger Vehemenz einen antiken Globus zurückfordern wollte. Nein, die nationalen Schlagzeilen gründen aktuell auf Konsumbons, die im Sinne einer Dividende jedem Einwohner und jeder Einwohnerin dieser Stadt ausgeschüttet werden sollen: als Dankeschön für das erfolgreiche Rechnungsjahr 2008, als Reaktion zweitens auf die Finanzkrise und als Stützung drittens des Konsums.
«Ein Zeichen setzen»
Konkret erhält jeder Kopf der Bevölkerung 50 Franken in Form eines Einkaufsgutscheins von Pro Stadt, der ehemaligen City Vereinigung. Bei rund 72 000 Ortsansässigen ergibt dies die stolze Summe von rund 3,6 Millionen Franken, was wiederum rund drei Steuerprozenten entspricht. Mit der beantragten Aktion, sie muss Ende April noch vom Parlament abgesegnet werden, will die Stadt «ein Zeichen setzen», wie Stadtpräsident Thomas Scheitlin an der gestrigen Medienorientierung sagte. Ein Zeichen für den Standort und insbesondere für das lokale Gewerbe, das direkt profitiert. Mit anderen Worten: Durch die Zweck- oder besser Checkgebundenheit muss das Geld vor Ort ausgegeben und kann folglich nicht gespart werden. Die fraglichen Gutscheine werden also nur von Geschäften auf Stadtgebiet und einigen Dienststellen der Stadtverwaltung wie VBSG, Einwohneramt oder städtische Bäder angenommen. Retourgeld wird nicht erstattet, ebenso wenig ist ein Umtausch möglich. Frühestens in Umlauf gelangen die Bons im Juni 2009, begleitet von einem klärenden Schreiben der Stadt.
Nachhaltigkeit offen
Ob die Äufnung dieses Fonds «zur Stützung der lokalen Konsumnachfrage», wie der Stadtrat ihn nennt, den hiesigen Konsum tatsächlich nachhaltig ankurbelt, muss offenbleiben. Werte aus anderen europäischen Städten gibt es laut Reinhold Harringer, Chef des städtischen Finanzamtes, keine. Gerechnet hat er die Aktion aber im Vergleich mit einer theoretischen, einmaligen Herabsetzung des Steuerfusses. Und ist zum Schluss gekommen: Die Bon-Massnahme ist «wesentlich effektiver». Für rund 38 000 der insgesamt 46 000 Steuerpflichtigen machten die Gutscheine mehr als zwei Steuerprozente aus. Für rund 24 000 Steuerpflichtige entsprächen sie gar mehr als neun Steuerprozenten. Für ein weiterführendes, eigentliches Konjunkturprogramm sieht der Stadtrat «keinen Handlungsbedarf».
Taiwan und Deutschland
Erfahrungen im Umgang mit Einkaufsgutscheinen hat Anfang dieses Jahres Taiwan gesammelt, allerdings in etwas anderen Dimensionen. Abgegeben im Kampf gegen den Abschwung wurden Coupons im Wert von umgerechnet rund zwei Milliarden Euro. Gehofft wird nun auf eine Erhöhung des Inlandprodukts von knapp einem Prozent. «Konsumschecks gegen die Krise» wurden vor kurzem auch in Deutschland diskutiert, aber vorderhand wieder verworfen. Die Rede war dort von 400 Euro pro Person, was jedoch über eine höhere Verschuldung hätte finanziert werden müssen.
Brennt die Frage, was die vierköpfige Familie Scheitlin mit den ihr zustehenden Einkaufsgutscheinen in Höhe von immerhin 200 Franken anstellt. «Verschenken», sagt der Stadtpräsident, «oder jemanden zum Einkaufsbummel in die phantastische Stadt St. Gallen einladen.»
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