Tagblatt Online, 07. Juli 2009 01:02:46
Soli-Mittagstisch in Platznot
Solidarisches Gedränge: Köchinnen und Köche des St. Galler Mittagstisches. (Bild: Bild: Coralie Wenger)
Mit täglich bis zu 35 Gästen stösst der Mittagstisch des Solidaritätsnetzes Ostschweiz im St. Galler Linsebüel an seine Kapazitätsgrenzen. Gestern diskutierten Köchinnen und Besucher Lösungen – die beste wäre ein eigenes Haus.
Marcel elsener
st. gallen. «Army? What army?», fragt der junge Mann aus Mali irritiert. «No military», beschwichtigt ihn sein Nachbar, ein Nigerianer, und schnell bemüht sich auch Andreas Nufer um Klärung: «More like a church.» Tatsächlich handelt es sich um die Heilsarmee, die der Volksbewegung Zuflucht in ihrer «Oase» im Linsebüel gewährt.
Die Volksbewegung, oder besser «people's movement», wie sie Nufer nennt, das sind die Leute vom solidarischen Mittagstisch; Köchinnen und Köche, Besucherinnen und
Besucher, wobei die Grenzen fliessend sind – so sind die beiden Flüchtlinge aus Äthiopien zuweilen Köche, derweil die pensionierte St. Galler Lehrerin und der Ingenieur servieren und abräumen, und umgekehrt. Im Raum, wo die Heilsarmee ihrerseits abends Esspakete an Bedürftige verteilt, haben sie sich versammelt, um Lösungen für die Platznot in ihrem unweit gelegenen Lokal zu diskutieren.
«Wollen niemanden abweisen»
Das Problem hiesse in anderen Fällen «Erfolgsgeschichte»: Der seit dreieinhalb Jahren angebotene St. Galler Mittagstisch des Solidaritätsnetzes Ostschweiz quillt über. Mit 25 bis 35 Personen, manchmal noch mehr, die hier von Montag bis Samstag mittags kostenlos essen (etwa Poulet mit Reis und Salat, Gulasch mit Gemüse, Spaghetti bolognese), sprengt er den Rahmen der Räumlichkeiten und personellen Kapazitäten.
Die Köche – insgesamt rund 60 Freiwillige – sind in der kleinen Küche überfordert, rund um die Esstische mit 24 Sitzplätzen herrscht chaotisches Gedränge. Was die Organisatoren in die Zwickmühle bringt: «Wir sind ein offener Tisch für alle und wollen niemanden abweisen», sagt Andreas Nufer vom Solidaritätsnetz Ostschweiz, «doch können wir keine Garantien abgeben.»
Den Anstieg führt Nufer auf zwei Gründe zurück: Zum einen gebe es mehr Asylbewerber und mehr, die in die Kantone verteilt würden; zum andern nutzten mehr Migranten ohne Familie oder Freunde das Angebot, um ihr soziales Netz zu pflegen, «darunter auch Europäer in schwierigen Situationen». Wie jene neun slowakischen Strassenmusiker, «keine Flüchtlinge, aber ebenso dankbar», wie Elisabeth Fehr anfügt.
Mehr Stühle, andere Angebote
Über pragmatische Verbesserungen ist sich die Runde nach reger Diskussion auf Deutsch und Englisch schnell einig. Zwei ständige Helfer entlasten die Köche, Klappstühle bringen zusätzliche Essensplätze, der Restenbehälter verschwindet aus der Küche – und ein Nigerianer übernimmt den Kaffeeausschank, weil man den bisherigen «Mr. Coffee Machine» Mohammed «ja leider nicht aus Jemen zurückholen kann».
Weniger einfach zu lösen ist die Beschränkung des Zulaufs. Den Asylbewerbern mit besserem Status, sprich C-, B- oder F-Bewilligung, abzusagen zugunsten jenen mit N-Status, ohne Papiere oder in Nothilfe, sei «nicht nett und gegen unsere Prinzipien», so Andreas Nufer, «aber wohl nötig». Da, wo es möglich ist, will man andere Angebote – etwas das Offene Haus der katholischen Kirche – empfehlen, aber «auf keinen Fall befehlen». Denn, so eine Beraterin, «mit Ausweiskontrollen und Verboten wollen wir nicht arbeiten».
«Haus der Völker»
Wirkliche Entlastung dürfte langfristig erst ein eigenes Haus des Soli-Netzes bringen, in dem Mittagstisch sowie Räume für Beratungen, Notschlafstellen usw. Platz fänden. Eine Projektgruppe unter Leitung von Bettina Surber hat ein Konzept («Haus der Völker») erarbeitet, das sich an Einrichtungen wie dem Haus der Religionen in Bern orientiert. Gesucht wird in der Stadt St. Gallen – Angebote sind sehr willkommen.
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