Tagblatt Online, 17. Februar 2010 01:04:42
Rorschach rätselt über ein mysteriöses Buch
Mühsam zu lesen, aber Zündstoff: «Adda Adda», aufgeschlagen. (Bild: Bild: Coralie Wenger)
«Adda Adda» war an der auf drei Einzelmasken geschrumpften Rorschacher Cliquenfasnacht kein Bühnenthema. Doch an manchen Tischen wurde Föbü-mässig gerätselt, wer nun dieser «Adda»-Autor sei. Die Frage beschäftigt halb Rorschach – oder wenigstens was von einer politisch-sozial-kulturell interessierten Öffentlichkeit übriggeblieben ist. Die Hafenstadt ist verglichen mit früher ein Dorf, obwohl sie sich gerade zu neuer Grösse aufplustert und partout den Aufschwung sucht.
Ohne Punkt und Komma
Doch der Reihe nach. Gut vierzig Rorschacher haben im Januar Post erhalten: Inhalt ein Buch im Format A4, betitelt «Rorschachs Adda Adda». Und wie der Titel steht das ganze Buch in Grossbuchstaben geschrieben, ohne Punkt und Komma und ohne Seitenzahlen oder sonstige Ordnung. Alles schwarz auf weiss in Arial-Black-18-Punkt-kursiv, atemlos gereihte Buchstabenketten auf 148 Seiten. Der Trick: Das Buch haben all jene erhalten, die darin zitiert werden. Eitles Liebäugeln: Alle sollen sie sich suchen gehen.
Der Autor dieser Zumutung? Ein «wahrhaft in Rorschach lebender Mensch», steht auf dem Cover; kein Name, kein Hinweis. Denn das Buch ist ein Witz, besser: eine gewagte Konstruktion. Der anonyme Autor tritt hinter Hunderte Autoren zurück und versteht sich als Arrangeur einer dadaistischen «écriture méchanique» – er lässt sprechen durch Unmengen von Zitaten aus Zeitungen, Büchern, Blogs und mitgehörten Thekengesprächen.
Folglich redet «es» immerzu, wie in einem endlosen Gedicht, das der Phantasie freien Lauf und die Kette der Gedankengänge frei baumeln lässt.
Leider kaum lesbar
Definiert sind nur der geographische Raum, Rorschach, und der zeitliche, «der kalendarische Sommer 2009». Inhalt ist rücksichtslos alles, was im aktuellen Rorschach irgendwie bewegt – von der Portugiesenbeiz bis zum Schraubenmilliardär, von der inhaftierten Treuhänderin bis zum Schatzsucher.
Aber Achtung: Entgegen gängiger erster Annahmen stammt das automatische Geschreibsel nicht aus der notorisch originellen Küche der FHS-Soziologen Riklin/Ingold. Und auch verdächtigte Autoren wie die Ex-Zeitungsleute und Blogbetreiber Res Lerch und Richard Lehner dementieren.
Als Autor zeichnet – wie alle vermuten – vielmehr der einstige Redaktor der «Rorschacher Zeitung» und heutige TA-Media-Kundenzeitschriften-Leiter Jürg Moser; ein waschechter Basler,
der vor 20 Jahren aus Freundschaft zum legendären «Nebelspalter»-Chef Franz Mächler in Rorschach landete. Moser, so er es denn ist, tritt mit einer überlangen Dada-Schnitzelbank quasi Mächlers Erbe an – als «Philosoph im Narrenmantel».
Das Problem mit diesem Buch: Es ist schier unlesbar. Die meisten kriegen ob all der Buchstaben das Augenflimmern und garament Kopfweh und legen es nach wenigen Seiten entnervt weg. Wer es aber gelesen hat, findet es – interessant. Sogar grossartig, wie ausgerechnet Mark Riklin: «Ich könnte das nicht.» Oder eher ärgerlich und peinlich, wie Stadtschreiber Bruno Seelos und sein Chef Thomas Müller.
Bühnenreife Kritik
Nun ist die Gewaltsleistung zwar Thema, alle Achtung auch vor dem Marketing durch Geheimnis. Leider ist die Wirkung minimal – ähnlich wie bei sperriger L'art pour l'art. Eben weil es niemand liest. Man möchte dem Autor empfehlen, sein irrwitziges Werk in eine wirkungsvolle Bühnenform zu bringen – für Slam-Poeten oder das St. Galler «Theater am Tisch». Engagiert gelesen, gerappt, könnten sich auch Nicht-Leser einen Reim machen.
Und eine zweite Empfehlung: Manche Rorschacher, allen voran der Stadtpräsident und die Verkehrsvereinler, meinen alleinselig zu wissen, was gut sei für den Aufschwung und was nur «Miesmacherei». Dabei sollten gerade sie sich freuen, wenn der Hafenstadt die Öffentlichkeit erhalten bleibt. Erst recht eine kritische. Denn was mit allen Mitteln unterm Deckel gehalten wird, explodiert in der Regel böser als erwartet. Marcel Elsener
- Artikel empfehlen:






Zu diesem Artikel sind keine Beiträge vorhanden.
Kommentar schreiben