Teilzeitkarrieren, 20. April 2010 08:09:00
Papa aus Leidenschaft fördert Teilzeitkarrieren
Teilzeitkarrieren
Andy Keel: Vater, Unternehmer, Ex-UBS-Direktionsmitglied. Nun will er erreichen, dass in der Schweiz auch Karriere machen kann, wer Teilzeit arbeitet. (Bild: Bild: pd)
ALTSTÄTTEN. Seit einem Jahr ist Andy Keel Hausmann, wechselt dem Kind die Windeln, kocht und wäscht. Aber nicht nur: Der Rheintaler und seine Frau Birgit wollen Teilzeitkarrieren «salonfähig» machen – mit dem ersten Jobsharing-Markplatz Europas.
DIANA BULA
Vor Sommer 2008 sah Andy Keels Leben noch anders aus. Er trug Anzug, arbeitete in der Direktion der UBS, entwickelte Produkte. Seine Frau Birgit schloss damals gerade den Master in Sozialmanagement ab und wollte das Gelernte umsetzen. «Ich hingegen hatte immer mehr die Nase voll von Karriere und Bank», sagt der 31-Jährige. Und so tauschten die beiden die Rollen. Heute leitet Birgit Keel ein grosses Jugendnetzwerk, ihr Mann schaut an vier bis fünf Tagen zu den Kindern. Nebenbei verkauft er Badewannen aus Beton, berät Kleine und Mittlere Unternehmen. Sein neuster Coup: Zusammen mit Frau Birgit will er Teilzeitpensen «salonfähig» machen.
«Angst vor Prestigeverlust»
«In der Schweiz sind Teilzeitjobs nicht so stark verbreitet wie in skandinavischen Ländern. Wir fürchten uns noch immer vor Prestige- und Jobverlust», so Keel. Er selbst war bei Crédit Suisse und UBS während sieben Jahren zu 80 Prozent in der Direktion tätig. «In vier Tagen musste ich fast das gleiche Pensum erledigen wie jene, die zu hundert Prozent angestellt sind. Nur wer Kraft hat, schafft das über längere Zeit», resümiert der Rheintaler und fährt fort: «Wer weniger arbeitet, hat hingegen geringere Aufstiegschancen. Das soll sich ändern – mit www.teilzeitkarriere.com»
Teilzeitler sucht Teilzeitler
«Aus persönlicher und ideologischer Initiative» lancierten Andy und Birgit Keel Ende 2008 das Portal. Vor kurzem hat das Paar den «ersten Jobsharing-Marktplatz in Europa» aufgeschaltet. Neben Teilzeit-Jobangeboten stossen die User auf www.teilzeitkarriere.com nun auch auf Menschen, die sich ebenfalls eine Vollzeitstelle teilen wollen. «Unsere Vision sieht so aus: Auf unserem Portal finden sich zwei Gleichinteressierte, die sich entscheiden, sich gemeinsam für eine Stelle zu bewerben», sagt Keel. Zuerst tritt man auf dem Portal anonym auf, dann gibt man einige Informationen preis und legt im Idealfall seine Identität letztlich ganz offen.
Im Bekanntenkreis finden sich immer wieder Beruftandems. Dabei handelt es sich laut dem Rheintaler jedoch um «Zufallstreffer». Denn: Die Anforderungen an einen Jobsharing-Partner sind hoch. «Er muss die richtigen Qualifikationen mitbringen und Berufserfahrung ausweisen.» Letztlich sollten die beiden Berufspartner auch auf der persönlichen Ebene harmonieren. «Bei so vielen Hürden, die zu nehmen sind, muss man nachhelfen», ist Keel überzeugt.
Beisst UBS an?
www.teilzeitkarriere.com zählt unterdessen rund 2000 registrierte User, 300 verschiedene Benutzer (unique visitors) pro Tag und eine Million Seitenaufrufe pro Jahr. Akademiker machen 70 Prozent der registrierten Nutzer aus. 20 Prozent der User sind Männer. «Das freut mich besonders», sagt Andy Keel. «Neulinge» können das Portal während eines Monats gratis testen. Danach beläuft sich die Monatsgebühr auf 14 Franken. Der Tarif für ein Jahr beträgt 29 Franken. Noch wirft www.teilzeitkarriere.com keinen Profit ab. Im Gegenteil. «Wir legen 1000 Franken pro Monat drauf», so Keel. Seit ein paar Wochen jedoch gelangen immer mehr Unternehmen an den Rheintaler. Sie interessieren sich für sein Modell. «Die UBS prüft, ob sie www.teilzeitkarriere.com auf ihrem Intranet aufschalten will», so Keel.
Dennoch geht er von einem langjährigen Engagement aus. «Das Projekt kommt einem Marathonlauf gleich. Schliesslich kann man die Gesellschaft nicht von einem Tag auf den anderen ändern.»
Windeln und Wäsche
Während des Telefonats macht sich im Hintergrund immer wieder Keels eineinhalbjähriger Sohn bemerkbar. «Er braucht frische Windeln und etwas frische Luft. Dann ist er wieder zufrieden», meint Keel. Wie behagt ihm seine Rolle als Hausmann? «Mir fehlt das Feedback von aussen, man muss stets physisch und psychisch präsent sein, nichts ist planbar», fasst der Rheintaler zusammen. Es falle ihm zudem schwer, zu akzeptieren, dass nun seine Frau das Geld nach Hause bringe. «Es gibt Tage, an denen würde ich am liebsten alles hinwerfen und wieder zur Arbeit fahren.»
Bisher hat Andy Keel seine Drohung nicht wahrgemacht. Zu sehr geniesst er die Zeit mit den Kindern, das Kochen. «Wenn nur das Waschen nicht wäre.»
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