Tagblatt Online, 23. Dezember 2008 01:01:56
Interesse für Technik wecken
Livia Widmer testet unter einem Helm, wie lange es darunter ohne Frischluftzufuhr auszuhalten ist. (Bild: Bild: pd)
In der Schweiz gibt es zu wenig Naturwissenschafter. Mit Förderkursen sollen deshalb Jugendliche aus Ostschweizer Berufs-Fach- und Mittelschulen in diesen Fächern zu Leistungen über den Inhalt der Lehrpläne hinaus motiviert werden.
Christine König
Trogen. Wie stabil sind Farbstoffe? Wie verteilen sich Medikamente im Blutkreislauf? Schläft man bei einer Motorradtour mit Integralhelm langsam ein? Antworten auf diese und andere Fragen haben kürzlich elf Gymnasiastinnen und Gymnasiasten der Kantonsschulen Heerbrugg, Kreuzlingen und Trogen im Kurs «Chemie und Biochemie, Experimente und Systemdynamik» beantwortet. Eine Kursteilnehmerin war die 17jährige Livia Widmer aus Speicher, im dritten Jahr an der Kantonsschule Trogen. Sie begeistert sich schon seit langem für die Natur und Naturwissenschaften, belegt auch die Schwerpunktfächer Biologie und Chemie. «Der Kurs hat mir einmal mehr einen grösseren Einblick in einen bestimmten Themenbereich geboten. Ich bin jedes Mal aufs Neue fasziniert, wenn man etwas Unvorhergesehenes entdeckt und weiterverfolgen kann», sagt sie. Während der drei Kurstage hat sie oft am Computer mit speziellen Programmen gearbeitet, hat Messwerte erfasst und grafisch ausgewertet, hat die Instrumente kalibriert und gelernt, diese richtig einzusetzen.
Metrohm-Stiftung finanziert
Livia Widmer hat ein Angebot im Rahmen des Projekts zur Förderung naturwissenschaftlich begeisterter, interessierter und begabter Schülerinnen und Schüler auf der Stufe der Sekundarstufe II (Berufs-Fach- und Mittelschulen) wahrgenommen. Das Kursangebot richtet sich an Lernende der Ostschweizer Kantone. In Absprache mit den Kantonsregierungen finanziert die Herisauer Metrohm-Stiftung die Kurse vollumfänglich.
Koordinationsstelle der Naturwissenschaftlichen Kurse, die an verschiedenen Berufs-Fach- und Kantonsschulen zwischen Chur und Schaffhausen stattfinden, ist das Berufs- und Weiterbildungszentrum Uzwil. Rektor Albin Reichlin leitet das Projekt im vierten Jahr und stellt im schulischen Umfeld dieselbe Tendenz fest wie in der Berufswelt: Beiderorts ist das Interesse an Naturwissenschaften eher gering. Pro Kurs melden sich zwischen acht und zwölf Lernende an. Mit einem breiten Angebot hofft er, mehr Jugendliche für Naturwissenschaften zu begeistern. Das passiert im Sinne einer Begabtenförderung einerseits mit dem Kursangebot, andererseits auch mit der Vorbereitung auf Wettbewerbe von «Schweizer Jugend forscht» oder Olympiaden und Weltmeisterschaften in Physik, Chemie und Mathematik, wo Ostschweizerinnen und Ostschweizer schon mehrfach erfolgreich waren.
Knaben und Mädchen
Die Kurse werden laufend ausgeschrieben. Schülerinnen und Schüler besuchen sie meist auf Empfehlung ihrer Lehrpersonen hin. Albin Reichlin widerlegt die Annahme, dass sich Mädchen weniger für Naturwissenschaften interessieren als Knaben. Etwa gleich viele besuchten die Kurse, so der Projektkoordinator. Geleitet werden die Kurse von Lehrpersonen der Ostschweizer Berufs-Fach- und Mittelschulen. Das Kernteam besteht aus 16 Lehrpersonen. Die Kurse finden teilweise ausserhalb des Lehr- und Stundenplans statt. Christian Eggenberger, Lehrer an der Kantonsschule Trogen und einer der Kursleiter, zieht Parallelen zum Sport: Auch dort muss der Nachwuchs Freizeit investieren, gleichzeitig wird er für spezielle Anlässe von der Schule freigestellt.
Mobiles Labor
Neu wurde dieser Tage das Projekt «MobilLab» der Pädagogischen Hochschule St. Gallen vorgestellt, das – betreut von Lehramtstudierenden für die Sekundarstufe I – spezielle Chemie- und Physikversuche mobil in der Ostschweiz anbietet. Das Mobil soll im kommenden Schuljahr starten – es wird ebenfalls massgeblich von der Metrohm-Stiftung finanziert. Ausserdem hat die Stiftung im Technorama Winterthur ein Chemielabor eingerichtet, das vor allem das Interesse von Volksschülerinnen und -schülern wecken soll. Damit sie noch früher ihre Freude an Naturwissenschaften entdecken.
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