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Tagblatt Online, 06. Februar 2009 07:01:00

In Wil laufen Katholiken Sturm

Papst_Benedikt Zoom

Der Entscheid des Papstes schlägt Wellen bis nach Wil. (Bild: Bild: Keystone)

ST.GALLEN. Papst Benedikts Entscheid zur Pius-Bruderschaft kommt bei der katholischen Basis nicht gut an. In Wil, wo die Bruderschaft ein Zentrum unterhält, laufen Katholiken Sturm. Bislang gibt es allerdings erst wenige Kirchenaustritte.

andreas fagetti

In Wil leben 13 000 Katholiken. In der Äbtestadt unterhält allerdings auch die Pius-Bruderschaft ein Zentrum. Mag sein, dass hier deshalb die Reaktionen auf den Entscheid von Papst Benedikt, die Exkommunikation der vier einst von Lefebvre geweihten Bischöfe aufzuheben, darunter die des Holocaust-Leugners Richard Williamson, besonders heftig ausfallen. Beim elfköpfigen Seelsorgeteam sind viele Reaktionen eingegangen, aber auch beim Kirchen- und Pfarreirat, wie Pfarrer Meinrad Gemperli sagt. Allein er habe rund hundert gehabt, darunter finden sich etliche Austrittsandrohungen und etwa eine Handvoll tatsächlicher Austritte. Keiner verstehe den Entscheid des Papstes. Manche seien betrübt, andere zornig, sogar Tränen seien geflossen. «So etwas habe ich noch nie erlebt. Die Wellen gehen hoch.» Die bischöfliche Klarstellung wird in Wil begrüsst, aber Kirchen- und Pfarreirat und das Seelsorgeteam wollen angesichts des Sturms der Entrüstung am Dienstag mit einer Stellungnahme an die Öffentlichkeit und ihre Position darlegen.

«Geradezu zynisch»

Klaus Ammann, Arzt in Lichtensteig und Mitglied des Katholischen Kollegiums, findet deutliche Worte. «Das Massregeln per Exkommunikation» scheine ihm in jedem Fall unsinnig, ob die Exkommunikation nun gegen fundamentalistische Priester und ihre Bruderschaften angewendet werde oder bei wiederverheirateten Geschiedenen. «Jemandem zur Strafe für hierarchiewidriges Verhalten die Eucharistie zu verbieten, ist sicher nicht im Sinn Jesu und deshalb für mich kein Thema», sagt Ammann. Wenn sich nun der Papst versöhnlich zeige gegenüber einigen Vertretern der Pius-Bruderschaft und von ihnen die volle Anerkennung der Beschlüsse des Zweiten Vatikanums verlange, erscheine ihm das geradezu zynisch: Die gegenwärtige Leitung der römisch-katholischen Kirche – auch die für die Schweiz zuständige Bischofskonferenz – gehe ja in den letzten Jahren auf verschiedenen Ebenen immer deutlicher hinter die Errungenschaften des Zweiten Vatikanums zurück. Da wäre also zuerst eine innerkirchliche Rückbesinnung angebracht, fordert Ammann, ehe man sich quasi rigide zeige gegenüber «externen» Fundamentalisten. Von einem «Sturm der Entrüstung» sei in Lichtensteig bisher nichts zu spüren, was ihn nicht überrasche: «Unsere Pfarreileitung ist erklärtermassen romtreu und wird auch den neusten Coup aus Rom gehorsam abzufedern wissen.»

Einige Austritte

In der Stadt St. Gallen, wo rund 30 000 Katholiken leben, hat es seit dem Entscheid des Papstes rund zehn Austritte gegeben. «Aber wir werden das wirkliche Ausmass erst später erkennen», sagt Kirchenverwaltungsratspräsident Guido Corazza. Auch an der St. Galler Basis sind die Mehrheitsverhältnisse klar: Die Aktion des Papstes empört viele Menschen, vor allem wegen Richard Williamson. Sie wollen nicht mit einem Holocaust-Leugner in einer Kirche sein. «Die Hand der Versöhnung müsste die Kirche anderen entgegenstrecken – den vielen wiederverheirateten Geschiedenen oder säkularisierten Priestern.» Den Schaden dieser «unverständlichen Aktion», fürchtet ein Priester, tragen nun womöglich die ohnehin an schleichender Auszehrung leidenden Ortskirchen.





Leser-Kommentare:
1 Beitrag

Kommentar lesen

botschafter (06. Februar 2009, 17:32)
Selbstverwirklichungende?

Es schadet nichts, wenn die Selbsverwirklichungs- Katholiken wieder in den Senkel gestellt werden.
Die Eucharistie wurde schleichend beinahe abgeschaft, das Priestertum laisiert, die Laien dafür kanonisiert.

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