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Tagblatt Online, 16. Dezember 2009 01:01:57

Im Kloster sich und Stille finden

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Pater Kolumban im Kloster Müstair. (Bild: Bild: Daniel Ammann)

Immer mehr Menschen ziehen sich vorübergehend ins Kloster zurück, einige wenige bleiben für immer. Der St. Galler Pater Columban Züger öffnet Ratsuchenden in Müstair die Klosterpforte.

MARKUS ROHNER

MÜSTAIR. Das Val Müstair ist seit Anfang Dezember in Schnee gehüllt. Am Ausgang des abgelegenen Bergtals, an der Grenze zu Südtirol, erblickt der Besucher eine Klosteranlage, die seit ihrer Aufnahme in die Liste der Weltkulturgüter (1983) weit über die Schweiz hinaus bekannt ist. «Diese Auszeichnung war für unser Kloster Glück und Segen zugleich», sagt Pater Columban Züger, der Spiritual des Klosters St. Johann in Müstair. Das Unesco-Label sei ein Trumpf in der Hand der Stiftung Pro Kloster St.

Johann und der Klosterleitung. «Man übersieht uns weniger in unseren Sorgen und Nöten.»

Modernes Kloster

Der Benediktiner Columban Züger, 67, ist als Sohn eines Käsers in Andwil aufgewachsen. Zusammen mit Niklaus Meienberg hat er in Disentis die Klosterschule besucht («Niklaus las in seiner Jugend fast nur fromme Bücher»). Später trat der Andwiler als Mönch ins Kloster ein, übte dort während 25 Jahren das Amt des Statthalters (Ökonomen) aus und unterrichtete im Gymnasium als Lehrer.

Columban Züger ist ein Mönch, der mit beiden Beinen auf dem Boden steht. Als ihm vor zehn Jahren der Abt eröffnete, dass er ennet dem Ofenpass, in Müstair, die Funktion des Spirituals zu übernehmen habe, war das für ihn zuerst ein Schock. Was sollte er im Frauenkloster?

Es kam besser, als es sich der «Verbannte» vorgestellt hatte. Die vielen Aufgaben, angefangen von der seelsorgerischen Betreuung der Schwestern, über die Verwaltung der Klostergüter bis zu den Bauaufgaben im Zusammenhang

mit den Restaurationen der Klosteranlagen nahmen den gelernten Agronomen stark in Anspruch. Heute verfügt Müstair dank seiner Stiftung nicht nur über ein saniertes Kloster, sondern auch über ein modernes Museum, das jedes Jahr von rund 20 000 Menschen besucht wird.

Vier Neueintritte

«So schön und wertvoll die Geschichte dieses Klosters ist, hinter diese Mauern gehört menschliches Leben», sagte sich Columban Züger zu Beginn seiner Tätigkeit – und schritt zur Tat.

Er reiste auf die Philippinen und überzeugte zwei Benediktinerinnen, für ein paar Jahre in sein Kloster zu kommen. Die Neueintritte nach langen Jahren ohne junge Schwestern wurden zum freudigen Ereignis. «Das ist wie in einer Familie, wenn wieder ein Kind auf die Welt gekommen ist», sagt Pater Columban – er ist mit elf Geschwistern aufgewachsen.

Aber es waren nicht nur bestandene Nonnen aus Fernost, die in Müstair ins Kloster eintraten. Auch drei Schweizerinnen und eine Südtirolerin im Alter zwischen 25 und 54 Jahren haben in den letzten vier Jahren an der Pforte um Einlass gebeten: eine Krankenschwester, eine Arztgehilfin, eine Managerin und eine Hausfrau, sind auf Probe ins Kloster eingetreten. «Es sind lebenserfahrene Frauen, die mit Erfolg in ihren Berufen gearbeitet haben und jetzt nach einem anderem Sinn im Leben suchen», sagt der Spiritual. Zivilisationsflüchtlinge, die mit dem Leben draussen nicht mehr zurechtgekommen sind? Züger schüttelt den Kopf. «Nein, in ein Kloster treten sehr oft Menschen ein, die sich sagen: weniger ist mehr, und die den Mut zur Demut haben.»

Kloster als Rückzugsort

Aber es sind längst nicht nur fromme Schwestern, die hinter den Klostermauern ein neues Leben suchen. Immer zahlreicher kehren auch Laien ein und wollen auf Zeit an einem Ort der Ruhe und Sinnlichkeit leben. Sie absolvieren Fastenwochen, suchen nach Spiritualität und Gott, oder sie wollen ganz einfach der Hektik des Alltags entfliehen. In klösterlicher Abgeschiedenheit hoffen sie das zu finden, was ihnen im Leben draussen fehlt. «Jeder Mensch braucht einen solchen Ort der Ruhe und Stille», ist Pater Columban überzeugt. Nicht nur an Weihnachten und Neujahr, sondern auch an Ostern und in den Sommermonaten ist das Gästehaus meistens voll belegt.

«Ferien im Kloster» sind modern geworden. «Heute lebt die Kirche nicht mehr in den Herzen der Menschen», ist der Pater überzeugt, «dort nistet sich alles andere ein als eine geistige Kraft, die im Glauben an den lebendigen Gott ihren Ursprung hat.» Fernab ihres Zivillebens, wo Zeit- und Erfolgsdruck und Materialismus das Leben bestimmen, hofften viele, in Müstair einen Ort zu finden, an dem sie auf andere Gedanken kommen. «Ich spreche mit meinen Gästen viel über Gott, die Kirche und die moderne Zeit.»

«Mehr auf unser Inneres hören»

Zügers Gang ins Kloster vor bald 50 Jahren war für ihn keine Flucht, sondern eine innere Berufung. «Wir alle sollten im Leben mehr auf unser Inneres hören, zu uns selbst Ja sagen und spüren, dass jeder Mensch einen wichtigen Auftrag zu erfüllen hat. Egal, in welcher sozialen Stellung er dies tut.»





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