Tagblatt Online, 10. April 2010 01:01:43
Direkter Draht zum Slam-Poeten
Slammer hinter Glas: Ein Poet trägt seine Texte in der Textbox vor. (Bild: Bild: Urs Bucher)
Ein Mann steht in der Textbox, redet, gestikuliert, nimmt Augenkontakt mit dem Publikum auf. Von aussen hört man nichts, sieht nur diese Person hinter Plexiglas, die ins Mikrophon spricht. An einer Halterung sind 25 Kopfhörer aufgehängt, ein paar Stühle stehen vor der Box.
Am Morgen lauschen nur wenige Zuhörerinnen und Zuhörer dem Slam-Poeten. Nach dem Mittag wird die Menge dichter, alle Stühle sind besetzt, dahinter stehen weitere Menschen.
Sie haben die Kopfhörer auf, lachen, schütteln den Kopf oder wippen im Takt zu den rhythmischen Worten des Poetry-Slammers. Das Publikum ist gemischt: Vom Kind bis zum Senior finden sich Leute vor der Box ein.
Aus Not entstanden
Unter den Poeten, die im Viertelstundentakt ihre selbst verfassten Texte in der Halle 2.0 vortragen, ist Bas Böttcher, der Erfinder der Textbox. Sie sei aus der Not heraus entstanden, erklärt der Deutsche. «Poetry-Slam ist Klang, Rhythmus, Sprachmelodie, das muss gehört werden.
» An einer Buchmesse oder auch hier an der Offa aber herrsche Lärm, ein Kommen und Gehen. Auch wolle man die Nachbarn nicht «beschallen», wie Böttcher sagt. So kam er auf die Idee mit der Textbox, dem «kleinsten Massenmedium der Welt», wie auf den zwei Bildschirmen im Innern des Kastens steht. Mit den Kopfhörern können sich die Zuhörer von der Umwelt abschirmen, haben einen direkten Draht zum Poeten – im wörtlichen Sinn.
Von Peking bis Madrid
Die Reihe ist an Bas Böttcher. Er verschwindet in der Textbox und legt los – auswendig – mit Reimen, Alliterationen, Wortspielereien wie «das macht die Sprache, die Macht der Sprache». Er geht auf das Publikum ein, sagt «Gesundheit», als eine Zuhörerin niest, begrüsst Neuankömmlinge.
Intimes Erlebnis
Die Textbox wurde erstmals 2006 an der Frankfurter Buchmesse aufgestellt. Seither war sie in Peking, São Paulo, Neu Delhi, Bangkok, Abu Dhabi, Madrid.
Deshalb auch die Bildschirme: Die Texte der Slam-Poeten sind darauf in der jeweiligen Landessprache zu lesen.
Mit den verschiedenen Ländern sind auch verschiedene Anekdoten verbunden. In Abu Dhabi etwa hielten die Beduinen die Textbox für eine Übersetzungsmaschine. In Peking eilten staatliche Vertreter herbei, die wissen wollten, was für Inhalte die Poeten vortrügen – «aus Zensurgründen», wie Böttcher sagt.
Ein schönes Erlebnis hatten die Slammer in Brasilien: Eine Gruppe Schüler begann mit aufgesetzten Kopfhörern zum rhythmischen Text des Poeten zu tanzen.
«Wir wollen das Publikum einbeziehen, ihm Zugänge liefern», erklärt Böttcher. Poetry Slam sei keine introvertierte Lyrik, sondern expressiv, gehe auf die Leute zu. Für den Poeten sei die Textbox «sehr persönlich, sehr intensiv», sagt der Slammer. Richi Küttel, Organisator des Buchprogramms an der Offa, nennt die Textbox «eine geniale Erfindung». Sie sei sehr intim, da den Leuten direkt ins Ohr geredet wird.
Jeweils vier Personen pro Tag, 11 Poeten insgesamt, aus der Schweiz, Österreich und Deutschland, beleben von 10.30 bis 17.30 Uhr die Textbox.
Die Viertelstunde von Bas Böttcher ist vorbei. Er verlässt den abgeschotteten Raum, und der nächste Slammer begibt sich hinter das Mikrophon.
Yvonne Bugmann
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