Tagblatt Online, 20. September 2008 01:00:33
Dem Leben ins Auge schauen
Ausstellung Jahrhundertmensch vom Kunstverein proarte an der Universität St. Gallen eröffnet
Karsten Thormaehlen zwischen seinen Jahrhundertmenschen. (Bild: Bild: Urs Jaudas)
st. gallen. Was lange als Sensation galt, wird zur Alltäglichkeit – der hundertjährige Mensch. Nun gibt ihm die Ausstellung Jahrhundertmensch ein Gesicht – ein überaus freundliches.
Karin Fagetti
Wenn Margareta Huber aus St. Gallen heute ihren hundertsten Geburtstag hat (Tagblatt vom 19. Sept. 2008), wird sie vielleicht gross gefeiert. Längst steht sie mit ihrem stolzen Alter aber nicht mehr alleine da. Gab es 1970 in Deutschland 300 Hundertjährige, sind es heute über 10 000. In der Schweiz sind die Verhältnisse ähnlich.
Waren die Alten in der ganzen Geschichte der Menschheit Randerscheinungen, rücken sie im neuen Jahrtausend erstmals gut sichtbar ins Gesellschaftsbild. Sie sind selbstbewusst, gelassen, humorvoll, vielleicht dankbar – und vor allem gesund wie noch nie zuvor. «Seit ich wieder laufen kann, würde ich gerne 110 Jahre alt werden», sagt die 101 Jahre alte Hanna Merke, die der deutsche Fotograf Karsten Thormaehlen für seine Jahrhundertmensch-Ausstellung fotografiert hat. Thormaehlen und seine Frankfurter Galerie moonblinx zeigen rund 30 grossformatige Porträtaufnahmen von Alten aus dem Raum Berlin/Hamburg und stellt ihnen Zitate bei.
«Ich war unruhig und dachte, heute nacht sterbe ich. Ich fragte mich, ist alles erledigt? Habe ich den Kindern alles gesagt?» Berührende Zitate, die die Fotografien davor bewahren, aus den Greisen Ikonen des demographischen Wandels zu machen. Thormaehlen macht die Hundertjährigen sichtbar, lässt sie aber im Leben stehen. «Ich habe erst aufgehört, mir Sorgen um meine Kinder zu machen, als ich erfahren habe, dass sie auch im Altersheim leben.» Die Botschaft ist klar: Der Jahrhundertmensch gehört nicht ins Museum.
Viel gesehen
Der Betrachter blickt irritiert in wässrige Augen, die zwei Weltkriege gesehen haben, vielleicht Hunger, Verfolgung, Kalten Krieg, Aufbau und Niedergang, Unbill und Freude. Im Alter sieht man, wie man gelebt hat. Ganz unterschiedlich. Unterschiedlich präsentieren sich diese Jahrhundertmenschen und sind in einem doch ganz gleich. Sie alle blicken dem Leben ins Auge. Es sind Blicke ohne Angst.
Die eigene Zukunft
Blicke, die die Betrachter mit der womöglich eigenen Zukunft konfrontieren.
Diese Fotografien sollen, versehen mit kurzen biographischen Texten, im Winter als Buch erscheinen. «Spiegel»-Journalistin Barbara Hardinghaus wird es mit ihrem mit dem Emma-Journalistinnen-Preis ausgezeichneten Text «Der Jahrhundertmensch» bereichern. Und der St. Galler HSG-Professor Peter Gross steuert einen Text mit Überlegungen zum neuen Jahrhundert der Alten bei. Alle wollen alt werden, aber niemand alt sein, das wusste schon Cicero. Betrachtet man diese Gesichter, will man auch alt sein.
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