Tagblatt Online, 06. September 2010 01:04:48
Bereits jeder vierte St. Galler vertraut auf ein Ärzte-Netzwerk
Der Herisauer Arzt Hansueli Schläpfer in seiner Arztpraxis. (Bild: Bild: Ralph Ribi)
In den Kantonen Thurgau und St. Gallen ist bereits jeder dritte beziehungsweise jeder vierte in einem Ärztenetz versichert. Der Herisauer Arzt Hansueli Schläpfer über seine Erfahrungen.
ELEONORE BAUMBERGER
Integrierte Versorgung – ein Modell, um medizinische Qualität zu erhöhen und zugleich Kosten zu sparen – soll schon ab kommendem Jahr flächendeckend in der Schweiz eingeführt werden. HMOs, Hausarztmodelle oder Ärztenetze gibt es zwar bereits seit 20 Jahren in der Schweiz, aber nur jeder achte ist in solchen Netzwerken versichert. In der Ostschweiz hingegen sind sie bereits gut eingeführt. Jeder dritte Thurgauer und jede vierte St.
Gallerin geht bei medizinischer Notwendigkeit zuerst zum Hausarzt und erhält dafür von seiner Krankenversicherung einen Prämienrabatt.
Hansueli Schläpfer, Arzt in Herisau, der als Geschäftsführer und Verwaltungsratspräsident des Ärztenetzwerks Säntimed seit fünf Jahren Erfahrungen gesammelt hat, hält Ärztenetzwerke für «erfolgversprechend und notwendig».
Der Arzt als Lotse
Integrierte Versorgung soll den Ablauf der medizinischen Behandlung besser steuern und koordinieren, um Doppelspurigkeiten und unnötige Untersuchungen und Behandlungen zu vermeiden durch bessere Zusammenarbeit zwischen Hausärzten und Spezialisten und Spitälern. Damit sollen bei gleichbleibend hoher Qualität Kosten eingespart werden.
Schläpfer spricht von einem «Kulturwandel», der jedoch Zeit und Geduld brauche, bis er sich in den Köpfen durchsetze. «Ein Langstreckenlauf», wie er sagt. Denn noch sind sowohl Patientinnen und Patienten als auch Ärztinnen und Ärzte skeptisch. Durch die Verpflichtung, immer zuerst den Hausarzt aufzusuchen, der wie ein Lotse die Behandlung steuert, wird die freie Arztwahl eingeschränkt.
Der Arzt suche gemeinsam mit der Patientin nach guten Lösungen. «Dazu braucht es in erster Linie Vertrauen.» Normalerweise kann ein Patient weiterhin seine Hausärztin behalten, auch wenn er in einem Ärztenetz oder Hausarztmodell versichert ist. Denn fast die Hälfte aller Grundversorger sowie auch 400 Spezialärzte und -ärztinnen sind in Ärztenetzen engagiert. Der Zugang zum Spezialisten ist aber nicht mehr direkt möglich.
«Wir arbeiten mit bewährten Spezialisten zusammen», sagt Schläpfer, «und überweisen den Patienten, wenn dies medizinisch sinnvoll ist.»
Hohe Qualität
Ärztinnen und Ärzte befürchteten häufig, dass Ärztenetze mehr Bürokratie verlangten, und sie wehrten sich gegen die Budgetverantwortung, die damit verbunden ist. Doch Schläpfer hat die Erfahrung gemacht, dass es viele Ärzte schätzen, wenn sie mit anderen zusammenarbeiten, voneinander lernen können. «In Qualitätszirkeln machen wir unsere Arbeit transparent und hinterfragen sie auch.»
Ärztenetze sollen auch kostengünstiger arbeiten können, «aber nicht auf Kosten der Patientinnen und Patienten». Dennoch könnten Ärztenetze 15 bis 20 Prozent günstiger sein als herkömmliche Arztpraxen, weil zum Beispiel der falsche Anreiz entfällt, viele Untersuchungen anzuordnen, um Geräte auszulasten oder mehr und teure Medikamente zu verschreiben. «Unsere Botschaft lautet: Mehr ist nicht immer besser», erklärt Schläpfer. «Wichtig ist das Vertrauen des Patienten in den Arzt. Patientinnen und Patienten sollen befähigt werden, ihre Krankheit auch ein Stück weit, selbst zu managen, mündiger und unabhängiger vom Arzt zu werden. Gemeinsame Lösungen sind meist auch qualitativ gut und kostengünstig.»
Gleich gut, aber kostengünstiger
Wie gespart werden kann, ohne dass die Qualität darunter leidet, zeigt ein Medikamentenprojekt, das Säntimed mit zwei andern Ärztenetzwerken gemeinsam durchgeführt hat. Unter Magensäureblockern – dem am häufigsten verschriebenen Medikament überhaupt – haben sich die Mitglieder der Ärztenetze unter vielen Medikamenten auf eines geeinigt, das qualitativ ebenbürtig, aber kostengünstiger als andere ist. Damit konnten die Kosten um 25 bis 35 Prozent gesenkt werden. Das Projekt wurde vom Schweizerischen «Forum Managed Care» mit dem diesjährigen Förderpreis ausgezeichnet.
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diethelm (05. September 2010, 23:38)
Spezialist als Anlaufstelle
Im Ärztenetzwerk "xundart" der Region Wil-Uzwil-Flawil-Toggenburg können auch die mitarbeitenden Spezialärzte von Patienten als Anlaufstelle gewählt werden. So wird gewährleistet, dass ein Patient, der wegen einer schweren Krankheit v.a. zum Spezialisten gehen muss (beispielsweise ein Nierenkranker, der Dialyse braucht), diesen als Primärversorger wählen kann.
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