Tagblatt Online, 28. Dezember 2009 01:03:57
«Wir müssen uns die Hand geben»
Amor Ben Hamida, von der Zeit im Kinderdorf Pestalozzi geprägt. (Bild: Bild: Ruedi Hirtl)
Der im Kinderdorf Pestalozzi in Trogen aufgewachsene Schriftsteller Amor Ben Hamida will zum besseren Verständnis zwischen Juden, Christen und Moslems beitragen. «Jetzt sind die Moslems gefordert», sagt er nach dem Ja zur Anti-Minarett-Initiative.
MARGRITH WIDMER
Amor Ben Hamida wuchs im Kinderdorf Pestalozzi in Trogen auf: Dort lebte er in multikultureller Umgebung mit Kindern aus verschiedenen Nationen, Religionen und Sprachen zusammen. Er hat zwei erwachsene Söhne aus bikultureller Ehe. In Zukunft will er noch stärker mit Büchern, Referaten und Lesungen zu mehr Verständnis zwischen Juden, Christen und Moslems beitragen.
Deeskalation ist nötig
Denn: «Deeskalation ist nötig», sagt Amor Ben Hamida. «Wir Moslems müssen uns fragen, wie es zu dieser drastischen Situation kommen konnte.» Die geschichtlichen und gesellschaftlichen Gründe lägen viel tiefer als der Streit um den Minarett-Bau: «Es geht um den Islam, seine Regeln, seine Rituale und seine Anhänger. Es gab unfaire bis ganz falsche Vergleiche und Argumente: Man brachte fälschlicherweise die Frauenbeschneidung in Zusammenhang mit dem Islam. Man redete über Blutrache, als gäbe es sie im katholischen Sizilien nicht als <Vendetta>.
Man sprach von Ehrenmorden, von denen mehr von Christen verübt werden – unter der Bezeichnung <Beziehungsdelikte>. Und man verglich den Islam von 600 nach Christus mit dem Verhaltenskodex der Christen von 2009.»
Seit Jahren, vielleicht seit dem 11. September 2001, herrsche eine versteckte Angst vor dem Islam, sagt Ben Hamida.
Hart formulierte Suren würden zitiert und behauptet, sie seien ein Aufruf zur Tötung von Christen, dabei handle es sich um arabische Gegner Mohammeds. So werde ein Feindbild konstruiert, das gar nicht existiere und eine falsche Sicht auf den Islam zementiert: «Der Islam respektiert Andersgläubige.»
Als Beispiels zitiert er die Sure Al Baqara, Vers 62: «Gewiss, diejenigen, die glauben und diejenigen, die dem Judentum angehören, und die Christen und die Sabier –
wer immer an Gott und den Jüngsten Tag glaubt und rechtschaffen handelt – die haben ihren Lohn bei ihrem Herrn und keine Furcht soll sie überkommen noch werden sie traurig sein.»
Islam sanft reformieren?
Die Christen hatten eine Reformation, der Islam nicht. Moderne Moslems forderten jetzt, den Islam auf sanfte, intellektuelle Weise zu reformieren. Die Christen hätten vor und nach der Reformation Ketzer, Andersgläubige, verfolgt und getötet. «Die Reformation kostete sehr viel», sagt Amor Ben Hamida.
Die Christen hatten ebenso strenge Regeln wie der Islam. Sie hätten sich aber über diese Regeln hinweggesetzt, einen Schritt, den die meisten Moslems nicht machten. An der Bibel sei so lange herum interpretiert worden, bis es sich leichter damit leben liess. Amor Ben Hamida erinnert an die zahlreichen Gemeinsamkeiten zwischen Juden, Christen und Moslems: «Die Moslems glauben auch an alle christlichen Propheten.»
Eines der Probleme sei die unselige Verallgemeinerung: Verschleierte Frauen seien unterdrückte Frauen, unverschleierte Frauen nicht. Es werde behauptet, Islam sei gleichzusetzen mit Polygamie und Gewaltbereitschaft, sagt Amor Ben Hamida. Niemand hingegen werfe Christen vor, sie betrieben Inzest, weil es in Europa Fälle von Inzest gebe. Niemand beschuldige Buddhisten, weil in China Menschenrechte missachtet würden.
Das Erbe der Kolonialzeit
«Es ist wahr, die Moslems reden viel von Religion», räumt Ben Hamida ein. Er ist aber überzeugt, wenn Israeli und Palästinenser nicht verfeindete Brüder wären, wäre vieles anders. Dass die Europäer – Franzosen und Engländer – das Desaster in Palästina mitzuverantworten hätten, wüssten die meisten Europäer nicht. Sie sähen nur einen Palästinenser mit Dynamit um den Bauch einen Markt in die Luft sprengen. Niemand zünde grundlos eine Bombe. «Der Islam verbietet Selbstmord. » Die Araber hätten ein Problem mit den USA, nicht die Moslems mit den Christen, so Ben Hamida.
Die Kolonialzeit sei in islamischen Ländern unvergessen: «Eltern und Grosseltern erzählen von den Greueltaten der Europäer», sagt Ben Hamida. «Die Kathedrale in Tunis wurde ohne Abstimmung erbaut» – eine «Missionshilfe». Die Kolonialzeit sei für Nordafrika nicht passé: «Demütigungen und Raubzüge der Europäer sitzen den Afrikanern noch in den Knochen.»
Demokratie-Defizit
Islamische Länder seien nicht so demokratisch organisiert wie europäische. Aber: «So lange her ist es nun auch wieder nicht, dass Demokratien in Europa selbstverständlich sind.» Ben Hamida erinnert an die Diktaturen in Deutschland und Italien im letzten Jahrhundert, aber auch an das seit 1956 demokratische Tunesien mit seiner Trennung von Kirche und Staat. «Sicher, einem Emir gehört das Land und alle Bewohner sind seine Untertanen. Das gab's aber in Europa auch.»
Viele Europäer kennten die eigene Geschichte nicht, sie meinten, das Leben hier sei immer so gewesen. Dass in Europa bis ins 17. Jahrhundert auch altbiblisch bestraft wurde, mit Hand-Abhacken und anderen drakonischen Strafen, wüssten viele nicht. «Wenn ein Moslem in Ägypten oder Saudi-Arabien Kritik am Glauben äussert, wandert er ins Gefängnis.» Dennoch erlaube die islamische Welt Wissenschaft und Fortschritt; «aber 25 bis 50 Prozent der Menschen sind Analphabeten». Das mache es extremen Predigern leicht, in der Moschee zu politisieren.
Gemeinsamkeiten betonen
«Wir müssen klarstellen, wie viel Juden, Christen und Moslems gemeinsam haben», fordert Amor Ben Hamida. Der Vorteil der Situation nach der Annahme der Anti-Minarett-Initiative sei die Diskussion, die nun stattfinde. Er wolle in Lesungen und Referaten mehr über den Islam informieren und Missverständnisse ausräumen.
Keineswegs gut findet er es, wenn jetzt nach der Abstimmung der Rechtsweg beschritten wird: «Eine Eskalation sollte vermieden werden.» Noch mehr Länder könnten dem Schweizer Beispiel folgen und islamische Länder könnten Gegenmassnahmen treffen. Deshalb sei Aufklärung über den Islam der einzige Weg.
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