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Tagblatt Online, 30. Dezember 2009 01:02:48

«Fastenopfer als Garantie»

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Bischof Ivo Fürer, zurücktretender Präsident des Stiftungsrats Fastenopfer.

Der emeritierte Bischof Ivo Fürer zu seinem Rücktritt als Präsident des Fastenopfer-Stiftungsrats, über die Rolle der Kirche und den Skandal Hunger.

Bischof Ivo, wie fühlen Sie sich kurz vor Ihrem Rücktritt?

Ivo Fürer: Auf der einen Seite fühle ich mich erleichtert. Das Präsidium des Stiftungsrats bedeutete intensive Arbeit. Auf der anderen Seite tut es mir auch ein bisschen leid: Ich habe die Aufgabe gerne gemacht.

Wie hat sich Fastenopfer seit Ihrem Amtsantritt vor 14 Jahren verändert?

Fürer: Fastenopfer hat sich vor allem strukturell verändert. Bei meinem Antritt bestand der Stiftungsrat aus 16 Mitgliedern und kam zweimal im Jahr zusammen.

Jetzt besteht er aus neun Mitgliedern und trifft sich fünfmal jährlich. Er kann seine Aufgaben und Verantwortung besser wahrnehmen. In bezug auf die Verwurzelung in der Kirche ist Fastenopfer nach wie vor eines der wichtigsten Hilfswerke. Die Bischofskonferenz hat ein grosses Interesse an dessen Gedeihen. In der Bevölkerung ist es schwieriger geworden. Eine grosse Stütze waren früher die Gottesdienstbesucher.

Seit deren Zahl zurückgegangen ist, muss das Fastenopfer auch ausserhalb der kirchlichen Kreise Bekanntheit erlangen.

Hat die Solidarität zwischen dem Norden und dem Süden abgenommen?

Fürer: Nachdem die Schweiz im Zweiten Weltkrieg weitgehend verschont geblieben war, gab es ein Verantwortungsbewusstsein für die anderen, und die Menschen hatten ein starkes Bedürfnis zu helfen. Das hat sich geändert.

Wenn es heute beispielsweise um die Beziehung zur UNO oder zur EU geht, wägen wir immer zuerst ab: Was nützt uns das? Anderseits sind durch die Medien die Distanzen kleiner geworden. Das zeigt sich heute vor allem in der Katastrophenhilfe.

Was konnten Sie als Stiftungsratspräsident des Fastenopfers bewirken?

Fürer: Fastenopfer hat heute einen sehr gut besetzten Stiftungsrat, in dem sich die verschiedenen Kompetenzen ergänzen.

Einige Mitglieder haben in Entwicklungsländern gearbeitet, andere haben viel Erfahrung in Betriebsführung oder in Pfarreiarbeit. Das Fastenopfer steht heute konsolidierter da als bei meinem Antritt.

Worauf sind Sie stolz beim Rückblick auf Ihre Fastenopfer-Zeit?

Fürer: Die Mittel fliessen dorthin, wo Not ist, und zwar in einer nachhaltigen Art und Weise. Das ist ja das Besondere am Fastenopfer – im Unterschied zur Katastrophenhilfe.

Durch den Umbau des Fastenopfers und die Reduktion von über 30 auf heute 16 Landesprogramme können die Mitarbeitenden die Projekte besser begleiten und kontrollieren. Pro Land gibt es eine detaillierte Strategie über fünf Jahre. Die erste dieser Strategie-Phasen wird gegenwärtig evaluiert. Heute kann ich sagen: Fastenopfer steht als Garantie da, dass die Gelder eingesetzt werden, so wie sie gespendet wurden.

Jeder siebte Mensch auf der Welt hungert. Was kann die Kirche tun?

Fürer: Die Kirche soll das Bewusstsein für diesen Skandal schärfen und an die Solidarität appellieren. Die Welt als Ganzes ist der Menschheit als Ganzes gegeben. Wer Besitz hat, trägt Verantwortung für jene, die keinen haben. Solidaritätsempfinden ist weltweit stark verbreitet. Aber dem Glauben kommt eine besondere Rolle zu: Wenn wir glauben, dass Gott die Welt geschaffen hat und dass wir Gott gegenüber verantwortlich sind, ist ein starkes Fundament der Verantwortung gegeben.

Mit Blick auf die Wirtschaftskrise: In welcher Verfassung ist das Fastenopfer?

Fürer: Es ist ja nicht so, dass der Spenderwille bloss vom Einkommen abhängt. Kleine Spenden wirken als Ganzes ebenso wie eine grosse Spende. Das Solidaritätsempfinden ist nicht einfach umso grösser, je mehr man verdient. Manchmal vermag ein gewisses wirtschaftliches Zurückbuchstabieren die Solidarität zu steigern. Das Fastenopfer steht im Moment gut da.

Was wünschen Sie dem Fastenopfer für die Zukunft?

Fürer: Fastenopfer soll weiterwirken. Es soll flexibel sein und sich anpassen können, wenn es die Situation erfordert. Sei es in der Schweiz oder sei es bei den Empfängern in den armen Ländern. Dass man nicht einfach weiterführt, was man gemacht hat, sondern dass man schaut, dort aktiv ist, wo es notwendig ist und die vorhandenen Kräfte bestmöglich nutzt.

Interview: Patricio Frei-Gisi





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