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Tagblatt Online, 10. Mai 2010, 05:52 Uhr

«Ich hoffe auf baldige Klärung»

KOPF DES TAGES

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Milo Rau recherchiert rund um den Mord an Paul Spirig. (Bild: Bild: pd)


Der Mensch ist ein Meister der Verdrängung. Auf das Verdrängte, das an die Oberfläche will und nicht selten facettenreich in Erscheinung tritt, zielt Milo Rau ab. Die Aufarbeitung von Geschichte soll Klärung, auch Klarheit bringen. So ging der St. Galler vor Jahren nach Rumänien, um mit Menschen über ihr Leben unter Diktator Ceausescu und dessen Ende zu reden. Milo Rau suchte nach Zeugen und fand sie.

Den heute inhaftierten General Stanculescu etwa, der zu den Gefolgsleuten Ceausescus zählte und am Ende zum «Königsmörder» wurde. Dieser sagte über das von einem Schnellgericht an Weihnachten 1989 gefällte Urteil: «Ich verstand, dass ich Ceausescu von der Erde trennen musste, wie Herakles den Antäus, damit er seine Macht verlor.»

Echo war gewaltig

Rau zeigt in einem Theaterstück ein Standgericht ohne Beweise, ohne Zeugen und Berufungsrecht, inszeniert von Teilen des alten Apparats. Für die Premiere im Teatrul Odeon Bukarest war es möglich, Stanculescu aus dem Gefängnis zu holen. Das Echo war gewaltig. «Die letzten Tage der Ceausescus ist ein erster Schritt der rumänischen Gesellschaft, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen», hiess es in einer rumänischen Zeitung. Parallel zum Theater erschien das Buch «Die letzten Tage der Ceausescus».

Die Inszenierung war fürs Berliner Theatertreffen nominiert, die Verfilmung der Inszenierung wird diesen Sommer im St. Galler Palace als Vorpremiere gezeigt und auf dem Festival d'Avignon seine internationale Premiere feiern. Milo Rau arbeitet in einem Netzwerk von Filmemachern, Theaterschaffenden und Historikern. Dieses nennt sich International Institute of Political Murder (IIPM). Zwei weitere St. Galler engagieren sich: Simone Eisenring und Marcel Bächtiger.

Hoffnung auf baldige Klärung

Berlin ist zehnmal so gross wie Paris, hat aber nur etwas mehr als halb so viele Einwohner. Das gibt Raum, wo Dinge einfach entstehen können. 1999, nach einem Semester an der Pariser Sorbonne und drei Jahren an der Uni Zürich, zog Milo Rau in die deutsche Hauptstadt. Das Studium schloss er später ab. Längst arbeitete er als Journalist und Autor an eigenen Projekten und als Essayist, Literatur- und Theaterkritiker für die NZZ.

Seit 2002 schreibt und inszeniert Rau, der mit seiner Lebenspartnerin zwei Kinder hat, Stücke, an Off-Theatern und staatlichen Bühnen. Zwei sehr unterschiedliche Projekte stehen an: Die Aufarbeitung des Völkermords in Ruanda anhand einer Radiosendung aus dem Jahr 1994 und die in St. Gallen bereits lange vor Produktionsbeginn ausgiebig diskutierte «theatrale Ausstellung» über die gesellschaftspolitischen Folgen des «St. Galler Lehrermords».

Milo Rau sagt offen, sich in seiner Heimat zum erstenmal gründlich missverstanden zu fühlen. «Dass die tragischen Ereignisse im Jahr 1999 und der schreckliche Kriminalfall explizit nicht Teil unseres geplanten Projekts sein werden, konnten wir bisher nicht vermitteln.» Weil die diesbezüglichen Ängste der Hinterbliebenen völlig unbegründet seien, hofft Milo Rau auf eine baldige Klärung – wenn man ihn denn lässt. (phr)



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